Liederabend

Katrin Sass kann auch melancholisch sein

Katrin Sass ist robust und meinungsstark, aber nun singt sie über Endlichkeit und Glück

Foto: Reto Klar

Katrin Sass, die Schauspielerin, die Kurzhaarige, die Energische, die, die Oberfläche nicht mag, die sagt, was sie denkt, die „Wie geht es dir?“ gerne demonstrativ mit „Schlecht“ beantwortet, weil wir doch Herrgottnochmal nicht alle gleich und gleich gut gelaunt sind, die, die man allein wegen dieser Liebe zu einem Ding, das heute echt überall draufklebt, aber nirgendwo mehr drin ist – Authentizität –, wirklich lieben muss, die singt jetzt.

Neunmal hintereinander, zwölf Songs, es ist ein Liederabend in diesem bunten Kleinkunstzirkus, der sich Bar jeder Vernunft nennt. Wir treffen sie da, mittags, und wollen mir ihr über Musik reden. Sie trägt ein buntes Desigual-T-Shirt, sie sagt, sie hat es in Paris gekauft. Sie wirkt wach, agil, dabei. Ihr Album „Königskinder“ ist seit 2013 draußen, sie singt fiktive DDR-Chansons, die ihrer Sängerinnen-Figur Dunja Hausmann aus der Serie „Weißensee“ auf den Leib geschrieben wurden, und solche, echte, die sich selbst dazu ausgesucht hat. Karats „Über sieben Brücken“. Karussells „Als ich fortging“. Meys „Über den Wolken“.

Freiheit, Fernweh, Deutschland

Alle Lieder kreisen um die Themen Freiheit, Fernweh, Deutschland. Sass sagt, das sind eben so ihre Themen. In der DDR damals, als Jugendliche, hat sie viel englische Musik gehört, Beatles etwa, aber eigentlich auch nur, weil der Westen das gehört hat, weil man es nicht durfte, weil es Protest war, kulturelles Ausbrechen, die Idee vom Freisein. Sass sagt, sie spricht aber kein Englisch, das hat sie noch nie, und deswegen mag sie deutsche Musik – die versteht sie, die spricht ihre Gefühle aus – am liebsten. Reinhard Mey zum Beispiel. Den hört sie also, wenn sie kocht, bügelt und Auto fährt? Sass guckt uns frech von der Seite an. Eine Frau, die einer anderen Frau hausfräuliche Klischeebeschäftigungen zuspielt? Feist. Zu feist. Sass stellt klar: Sie bügelt nicht. Punkt. Und sie kocht auch nicht. Punkt. Aber Auto, das fährt sie wohl.

Nicht gut in Alleinsein

Und dann macht sie das Radio an, und sie sagt, sie sei froh, dass deutschsprachige Musik da mittlerweile wieder funktioniert. Tim Bendzko zum Beispiel. „Nur noch kurz die Welt retten“, sie singt das kurz an, sie sagt, das findet sie großartig, ja, und auch „Wie schön du bist“, von Sarah Connor, das hat sie letztens noch gehört, und der eine, wie heißt der noch, der eine, „Hey“ singt der – ach ja Andreas Bourani, den hört sie auch. Wir holen unser Telefon raus, spielen ihr die eigene Lieblingsband vor. Tocotronic. „Die Erwachsenen“, ein Lied über das Auch-als-Erwachsener-nicht-erwachsen-sein-Wollen. Konformisten ins Gesicht spucken. Ein Lied, nicht über das Jungbleiben, sonder dramatischer, über das Babysein. Für immer heiß leidenschaftlich, echt bockig, zornig tanzend. Wir finden es toll und finden es passt zur Sass. Aber sie sagt: „Tronic? Die kenne ich nicht.“ Aber das Thema, ja, das findet sie gut, sie sagt, eigentlich – das wäre doch vielleicht noch ein Ziel, das sie hat – würde sie auch gerne mal ein Album mit eigenen Liedern rausbringen. Worüber würde sie dann singen? Sie sagt, über Endlichkeit, wie Karussell in „Als ich fortging“: „Nichts ist unendlich, so sieh das doch ein. Feuer brennt nieder, wenn’s keiner mehr nährt.“ So geht das, ja, und über das Glück allein zu sein, darüber würde sie auch gerne singen.

16 Jahre, sagt Sass, war sie verheiratet, alles haben sie und er, Siegrfried Kühn, Regisseur und Drehbuchautor, zusammen gemacht. Sie waren so symbiotisch, dass andere es schon idiotisch fanden, aber an ihrem Alkoholismus, damals, daran ist die Beziehung zerbrochen, und das, obwohl sie noch Hand in Hand beim Scheidungsanwalt saßen. Sass lacht. Sie sagt, sie konnte das nie gut, alleine sein. In ihrer Zeit beim Theater in Halle und in Leipzig, da ist sie jeden Abend raus, aus, nur um unter Leuten zu sein, hat sich Inszenierung um Inszenierung angesehen. Heute versteht sie das nicht mehr, heute wohnt sie am Stadtrand von Berlin. Sie hat da ein Haus, ein ganz eigenes, nah am Wasser mit einem kleinem Boot davor, und sie sagt, das größte Glück ist es ihr heute, ihre Ruhe zu haben. Nackt ins Wasser springen, sich von der Sonne trocknen lassen und das dann einfach alles sein lassen. Viele verstehen das nicht, für die muss es immer etwas zu tun geben, ein Projekt, eine Aufgabe, immer ein Event. Hamsterrad, sagt sie und schüttelt den Kopf.

Legendärer Auftritt bei Lanz

Ein dreiviertel Jahr, hat sie nichts gemacht, rein gar nichts, da waren nur sie und das Wasser. Und dann, als das Geld alle war, sie sagt, das ist ein großer Luxus, dass das so funktioniert in ihrem Leben, da hat sie wieder Angebote angenommen. Hat „Weißensee“ gedreht. Und bald steht sie wieder in Usedom vor der Kamera, für „Mörderhus“, den Usedom-Krimi, da spielt sie eine Anwältin, die ihren Mann umgebracht hat. Sass sagt, sie nimmt nicht mehr jeden Job an. Vor allem Einladungen in Talkshows lehnt sie mittlerweile ab. Nach ihrem Lanz-Auftritt, dem mittlerweile legendären, wo sie dem stolzen RTL-Dschungelabsolventen Peer Kusmagk auf den Kopf zu sagte, dass der Dschungel und all dieser ganze Trash keine Kunst und keine Selbsterfahrung sind, sondern, und da soll er doch gottverdammtnochmal ehrlich sein, dass er das wie all die anderen einfach des Geldes wegen macht, seitdem, glaubt sie, wollen die Talkshows sie als Krawallmacherin. So ist das nämlich in Deutschland, wenn man einfach nur sagt, was sowieso alle denken, dann macht man Krawall. Das Internet hat sie beschimpft, rüde, roh. Sie sagt, sie versteht das nicht, warum das nicht geht, warum man nicht sagen kann, was man denkt.

Sie sieht rüber zur Bühne, sagt, den ganzen Zirkus, ach, sie braucht das nicht mehr. Aber auf den Liederabend, da freut sie sich. Orpheus ist ihr Lieblingslied, denn da singt er ihr aus der Seele, der Reinhard Mey, gesamtdeutsch hat sie sich in der DDR gefühlt, wenn sie ihn hörte, das hat er geschafft, mit seiner Stimme. Und heute, wenn sie ihn singt, sie, diese energische Frau, da wird es ein wenig melancholisch, im verspiegelten Kleinkunstzirkuszelt: „Meine Lieder, die klingen nach Wein, und meine Stimme nach Rauch, mag mein Name nicht Orpheus sein, mein Name, gefällt mir auch.“

Sie sagt, sie wird schwitzen auf der Bühne, Angst haben, sich zu versingen. Zu hoch, zu tief, Text vergessen, irgendwas. Denn Lampenfieber, das ist verrückt, das nimmt über die Jahre nicht ab, ist nicht endlich, nein, es nimmt zu. Wird immer schlimmer. Und – das ist eigentlich auch gut so, denn ohne Lampenfieber, dann brauch man da auch nicht mehr rauf, auf die Bühne.

Katrin Sass: Königskinder, Bar jeder Vernunft, Schaperstrasse 24, 23.06.–02.07.