Deutsche Oper

Schönheit und Zerbrechlichkeit - Stölzl inzeniert Faust

Bei Goethe muss man nicht mehr alles erklären: Philipp Stölzl inszeniert Gounods "Faust" in Berlin an der Deutschen Oper klug und bildgewaltig.

In der Deutschen Oper: "Faust" ist genau vorbereitete Mischung aus konzeptuellem Regietheater und Freiraum für die Sänger

In der Deutschen Oper: "Faust" ist genau vorbereitete Mischung aus konzeptuellem Regietheater und Freiraum für die Sänger

Foto: POP-EYE / Sini / POP-EYE/sinissey

Es ist einer derjenigen Momente, in welchem wir daran erinnert werden, dass Philipp Stölzl die von ihm arrangierten musikdramatischen Szenen gerne von bunten Ausstattungs-Gerätschaften aus angeht: Zu Beginn des vierten Akts von Charles Gounods Oper „Faust“ träumt die jugendlich schwangere Marguerite von einer Hochzeit mit ihrem entschwundenen Geliebten Faust. Stölzl lässt die dämonisch anonym maskierten Herren und Damen des Chors mit Faust und Gretchen in der Mitte auf einer riesigen rollenden rosafarbenen Plastik-Geburtstagstorte Platz nehmen. Als diese auf der Drehscheibe hinter dem omnipräsenten riesigen Turm inmitten der Bühne verschwindet, zeigt uns die Musik an, dass der Traum sich auflöst und Marguerite beim Erwachen unglücklicher sein wird als je zuvor.

Gounod löst diesen Traum lapidar und verstörend auf. Die nach oben steigenden Schlussakkorde des Orchesters zerstäuben wie Prosecco-Perlen. Hier wird nicht alles noch einmal erklärt wie in Wagners unablässig redenden musikalischen Kommentaren. Vielmehr wird dem Hörer durch die äußere Leere der Musik der seelische Zustand eher vor den Geist als vor Ohren geführt. Das Orchester der Deutschen Oper unter der Leitung von Marco Armiliato agiert, trotz einiger hörbarer Patzer in der zweiten Hälfte, klangschön und flexibel und kann die nun belanglos zerstäubende Glückseligkeit in den wenigen Akkorden bestens darstellen.

Die eigentliche Leistung der Regie von Philipp Stölzl besteht darin, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt die vom Opernkomponisten arrangierten Goethe-Figuren weitgehend in Ruhe gelassen und ihnen auf diese Weise viel Raum gegeben hat. So kann uns das Schicksal der jungen Marguerite tatsächlich anrühren. Wie Gounod aus der individuellen Tragik der Goethe-Figur, die verführt, geächtet und schließlich getötet wird, den musikalischen Antrieb seines Opern-„Faust“ gewann, so streicht Stölzl gezielt und gekonnt alle Szenen weg, die den Ablauf dieses individuellen Dramas stören könnten. Die Massenszenen, die Gounod wohl etwas lustlos und auch durchaus nicht besonders fantasiereich als Tribut an die Konventionen der Grand Opérà schrieb – so die von Goethe vorgeprägten Szenen „Walpurgisnacht“ oder „Auerbachs Keller“ – lässt der Regisseur beherzt weg.

Lüsterner Gotteszweifler

Tatsächlich hat er mit der Sopranistin Krassimira Stoyanova für seine Marguerite eine Sängerdarstellerin zur Hand, die allein schon in ihrer Stimme alle Schönheit, Sensibilität und Zerbrechlichkeit der Marguerite ausdrücken kann. Stölzl lässt Marguerite in einem verkleinerten Wohnwagen hausen, welcher dieser Unschuld und Zerbrechlichkeit zusätzlich Ausdruck verleihen kann. Stölzl stellt die Figur auch insofern ins Zentrum, als die Tragödie um den teuflischen Pakt eines lüsternen Gotteszweiflers von einer schon zu Beginn in ihrer Todeszelle gezeigten Marguerite erzählt wird. Doch dass allein die individuellen darstellerischen Fähigkeiten von Stoyanova das Gretchen-Drama bis zu ihrer Hinrichtung tragen könnten, davon ist Stölzl offenbar nicht überzeugt.

Auf der Drehscheibe um den Turm herum saust stets ein stummes Marguerite-Double vorbei, ein lebendig gewordenes Schwarzweiß-Foto, eine Erinnerung aus Fausts eigener Jugendzeit – so, wie sich der sabbernde Gelehrte in seinen begrenzten Träumen im Multifunktions-Rollstuhl überhaupt noch Jugend vorstellen kann. Der junge Faust, der nach dem Teufelspakt der Hülle des pflegebedürftigen Greises entsteigt, ist der fast völlig in seiner natürlichen Erscheinung belassene rumänische Tenor Teodor Ilincăi – was eher den alten als den jungen Faust als eine Phantasmagorie erscheinen lässt.

Diese genau vorbereitete Mischung aus konzeptuellem Regietheater und Freiraum für die Sänger ist klug, wirkt aber im Endergebnis so, als wolle sich Philipp Stölzl keine Fehler erlauben. Vor dem Hintergrund der nie geöffneten Mauern des Turms, in denen wir das den Protagonisten auf ewig verschlossene Gottesreich vermuten, raubte ihm jene Mischung an sich offenbar die Energie, um detailliert mit den Sängern in den Arien zu arbeiten. Ilincăi macht seine Sehnsucht und zugleich sein Leiden an dem Teufelspakt aufgrund einer hölzernen Darstellung kaum sicht- und hörbar, auch wenn seine Arien rein musikalisch mehr als berühren.

Bei Ildebrando D'Arcangelo ist es eher die Darstellung eines verspielten Teufels, die trotz mangelnder Dämonie überzeugt, während sein Gesang im Forte tendenziell etwas dumpf und angestrengt wirkt. Markus Brück in der Rolle von Marguerites proletenhaftem Soldaten-Bruder Valentin hat eine fruchtbare Vorstellung von Legato und gesanglicher Phrasierung, kann aber klanglich an diesem Abend nicht vollends überzeugen. Zu Recht großen Applaus gibt es für die Hosenrolle des Marguirite-Verehrers Siébel in Gestalt der blendend aufgelegten Mezzosopranistin Stephanie Lauricella.

Stölzls zahlreiche bildhafte Ideen mit weiblichen Fantasie-Konkubinen, einem plastikmasken-bewehrten Chor und einer realistischen modernen Todeszelle sind unterhaltsam, aber nicht geeignet, die Diskrepanz zwischen religions- und gesellschaftskritischem Konzept und den eher auf ihre Gesangskunst als auf Darstellung konzentrierten Solisten auszugleichen. Musikalisch ist dieser Gounod-„Faust“ für die Deutsche Oper ein echter Erfolg, und die Bebilderung durch Stölzl ist ein stabiles Fundament, damit dieses Stück mit durchreisenden Solisten einige Jahre im Repertoire bleiben kann – nicht mehr und nicht weniger.

Faust, Deutsche Oper, Bismarckstrasse 35, Termine: 24.6., 27.6., 30.6.