Literatur

Chef der Literaturwerkstatt - "Lyrik hat ein furchtbares Image"

Das Poesiefestival Berlin ist das größte in Europa. Thomas Wohlfahrt, Chef der Veranstaltung, über den den zarten Aufschwung der Dichtung.

Open Mike bei der  Literaturwerkstatt Berlin

Open Mike bei der Literaturwerkstatt Berlin

Foto: © gezett.de / literaturwerkstatt / © gezett.de

Heute startet das Poesiefestival in der Akademie der Künste und es geht acht Tage lang. Es findet zum 16. Mal in der Stadt statt, aber dieses Mal wird man es vielleicht neu betrachten. „Das Gedicht ist als Ware wiederentdeckt – vielleicht das Wundersamste an diesem Bücherfrühling“, hat die Schriftstellerin Nora Bossong kürzlich in der „Zeit“ geschrieben. Gibt es einen zarten Aufschwung der Lyrik? Thomas Wohlfahrt, Leiter der Literaturwerkstatt Berlin und Direktor des Poesiefestival Berlin, muss es wissen, denn er verantwortet die Veranstaltung, auf der 142 Literaten erwartet werden.

Berliner Morgenpost: Herr Wohlfahrt, ist die Lyrik dazu verdammt, ein ewiges Nischenthema zu bleiben?

Thomas Wohlfahrt: So ist es doch gar nicht mehr. Jan Wagner hat in diesem Jahr für „Regentonnenvariationen“ den Leipziger Buchpreis erhalten und 50.000 Exemplare verkauft. Die großen Verlage haben in den 90er und Nullerjahren die Lyrik-Programme runtergefahren oder ganz eingestellt. Das Ergebnis war: Immer mehr neue und kleinere Verlage haben gegengesteuert und sind in diese Lücke gestoßen.

Lyrik ist trotzdem kein Publikumsrenner.

Lyrik hat ein furchtbares Image. Daran ist sicherlich die Schule nicht unschuldig, die meisten haben keine guter Erinnerung an ihre Deutschlehrer. Aber die Workshops, die wir für Schüler und Lehrer anbieten, die sind überfüllt. Offensichtlich gibt es doch den Willen, einen Zugang zum Gedicht zu finden. Und bei unserem Poesiefestival sind wir auf jeden Fall aus der Nische heraus. Wir haben kontinuierlich Jahr für Jahr zwischen 9.000 und 12.000 Besucher.

Wie bekommt man einen Zugang zur Lyrik, wenn die Schule ihn nicht geboten hat?

Gehen Sie, wenn die Wohnung leer ist und keiner zuschaut, zum Bücherregal und holen sich ein Gedichtbändchen heraus, stellen Sie sich vor den Spiegel und lesen ein Gedicht laut vor. Sie werden merken, Sie können es nicht falsch lesen. Das Gedicht nötigt Sie in den Rhythmus. Lyrik ist eigentlich wie eine Partitur. Es braucht das Instrument, damit sie anfängt zu klingen. Und so muss man es sich bei der Lyrik auch vorstellen: In dem Moment, in dem die menschliche Stimme hinzukommt, dann erheben sich die Tiefen und sie geht in den Körper. Wir haben im eigenen Haus die lyrikline.org, das Portal für zeitgenössische Lyrik, gestartet. Mittlerweile kann man auf der Seite 1000 Autoren aus 60 Ländern abrufen. Die kann man im Original lesen und im Original hören. Das Internet ist der Lyrik sehr gewogen.

Es gibt also eine Gegenbewegung, nachdem die Großverlage das Interesse verloren haben.

Ein paar große Verlage stemmen sich ja auch gegen den Trend. Hanser hatte immer schon ein starkes Lyrikprogramm, der Fischer Verlag war völlig raus und bringt jetzt wieder die ersten Bände raus, dtv hat Dichter wie Judith Zander mittlerweile im Verlag. Das ist auch durchaus vernünftig, wenn man beobachtet, wie populär Lyrik an anderen Orten sind. Wir gelten ja mit unserem Festival als das größte in Europa. In Lateinamerika finden Festival mit 120.000 Zuschauer statt.

Kommen wir noch einmal auf Jan Wagner zurück. Ich fand es nicht in Ordnung, dass er den Preis in Leipzig bekommt hat. Nathan Zuckerman, die Philip Roth Figur, hat in einen der Bücher festgestellt, dass Prosa und Lyrik zwei komplett unterschiedliche Disziplinen seien. Und das sind sie auch.

Ich sehe das genauso. Lyrik ist eine eigenständige Kunst, die eigene Strukturen auch der Bewertungen braucht – und eben auch eigenständige Bepreisungen. Wir haben in der Schule diesen angeblichen Dreiklang von Drama, Prosa und als Königskategorie die Lyrik. Das hat es bloß so nie gegeben, die Lyrik kommt ganz woanders her. Die Lyrik ist entstanden zwischen Musik und Tanz und hat dort ihr Eigenleben geführt. Die großen Erzählungen wie die Odyssee zum Beispiel oder auch der Gilgamensch kamen ja nur um die Welt, weil die Menschen eine Gedächtnistechnik hatten so wie wir sie auch kennen, über Reime und Verse. Der soziale Ort für die Lyrik war der Marktplatz, da wo die Menschen zusammenkommen und die Gedichte weitertragen.

Von dort sind sie verschwunden.

Erst in die privaten Salons, dann kamen sie in das eigene Heim. Seit einigen Jahren gibt es diese Gegenbewegung, die Lyrik dorthin holt, wo sie hingehört, nämlich in die Öffentlichkeit. Dann hat man auch begriffen, dass Lyrik näher an der Musik als an der Prosa ist. Das ganze lässt sich auch heute Abend bei uns in der Eröffnungsveranstaltung erleben, beim Weltklang in der Akademie der Künste. Dort werden Dichter aus aller Welt in Originalsprache lesen, ohne dass Übersetzungen eingeblendet werden. So hat man wirklich das Gefühl auf einem Konzert zu sein, ein Konzert der Stimmen und Verse. Jeder Besucher bekommt eine Übersetzung und ein Lämpchen in die Hand, man kann es also auch nachlesen.

Und was sollte man sich noch anschauen?

Ich empfehle unbedingt den „Eilbrief nach Europa“ mit Künstlern aus Afrika am Sonnabend, die intermediale Show „Poetry goes Public“ am 22.6., aber auch die Veranstaltungen zur chinesischen Poesie am 24. und 25.6. Denn seit den 70er-Jahren gab es keine so große Versammlung chinesischer Lyrik in Deutschland.

16. Poesiefestival Berlin, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, vom 19. bis 27.6., poesiefestival.org