Theaterkomponist

Der Mann, der den Soundtrack für Berlins Theater schreibt

Ingo Günther liefert Klänge für Berlins Theater. Auf Papier gibt es seine Kompositionen nicht. Auf der Bühne herrscht Notenverbot.

Foto: POP-EYE/HEINRICH / POP-EYE/Heinrich

„Theatermusik sollte sich nicht anbiedern oder nur die Szene illustrieren, sondern sich wirklich mit dem Spiel verzahnen, neue Türen öffnen. Für mich ist gute Theatermusik ein eigenständiger Mitspieler“, erklärt Ingo Günther. Sein Leben lang hat der heute 50-Jährige Klänge und Geräusche für Theater geschaffen, für die Volksbühne und das Maxim-Gorki-Theater in Berlin, aber auch für Häuser in Hamburg, München, Düsseldorf und Antwerpen.

Seine musikalische Welt ist so vielfältig wie das Theater selbst. Ingo Günther bewegt sich in Stilsphären zwischen klassischer und Neuer Musik, Electro, Soul, Jazz und Pop. Er hat Musik zu einer Oper ohne Handlung geschrieben und Paul Linckes Melodien in die heutige Zeit übersetzt. Der Musiker arbeitete mit Regisseuren wie Jarg Pataki, Sebastian Baumgarten, Barbara Weber, Claudia Bauer und Armin Petras.

Seit einigen Jahren dreht er vor allem am musikalischen Schwungrad von Herbert Fritschs wildem Spaßtheater. „Ich kenne keinen anderen Regisseur, der einen so begeistern kann. Es geht immer darum, Vollgas zu geben, expressiv und experimentierfreudig zu sein.“

Er hat andere Regisseure erlebt, die ihn gebremst haben, alles immer leiser und dezenter haben wollten. „Viele Regisseure setzen Theatermusik so ähnlich ein wie Filmmusik. Immer schön untermalen, immer schön die Szene unterfüttern, damit der Zuschauer im besten Fall die Illusion hat, er säße im Kino“, sagt er. Am schlimmsten findet er Regisseure, die ihm einen Popsong vorspielen und meinen, dass er so etwas komponieren sollte. Ingo Günther möchte sich für jedes Stück etwas Einzigartiges ausdenken.

Auf jeder Probe dabei

Früher produzierte er oft einen Soundtrack, der dann bei den Vorstellungen von der Tonabteilung abgespielt wurde. Inzwischen zieht er es vor, am Abend selbst auf der Bühne zu stehen und seine Musik zu spielen. „Das Schöne am Theater ist eben, dass es live stattfindet. Es ist lebendig und verändert sich von Aufführung zu Aufführung. Das sollte auch für die Musik gelten.“

Vor einer Neuproduktion führt er intensive Gespräche mit dem Regisseur. Dann überlegt er sich ein Konzept, sammelt Ideen und stellt das Instrumentarium zusammen. Die eigentliche Komposition entsteht aber auf der Probebühne in der Auseinandersetzung mit den Schauspielern. „Ich bin auf jeder Probe dabei. Das ist sinnvoller, als zu Hause am Computer etwas zu komponieren, was ich dann darunterlege.“ Er weiß, dass seine Kompositionen wirklich nur in Verbindung mit dem Theaterstück funktionieren.

Ingo Günther schreibt keine absolute Musik. Da gibt es keine Streichquartette in seinem Schreibtisch zu entdecken. Er hat Filmmusik und Theatermusik geschrieben, „Gebrauchsmusik“ also. Der Komponist reagiert durchaus allergisch auf den abwertenden Begriff. „Gebrauchskunst, Gebrauchsschauspieler, Gebrauchslicht – was soll das sein? Natürlich gibt es Inszenierungen, in denen nebenher ein bisschen Theatermusik läuft, Flächen, Atmosphären, eine akustische Tapete. Das ist dann vielleicht wirklich Gebrauchsmusik. Gerade in der Arbeit mit Herbert Fritsch bemühen wir uns, alle Elemente des Theaters gleich wichtig zu nehmen. Für ihn ist das Wort genauso bedeutend wie die Bewegung, das Licht oder eben die Musik.“

Ingo Günther studierte in Hildesheim Kulturwissenschaft. Schon damals mischte er sich als Musiker und Schauspieler in die rege Theaterszene der Stadt ein. Er hat freie Theater- und Performancegruppen mitgegründet. An der Volksbühne sind vier Stücke mit seiner Musik auf dem Spielplan: „der die Mann“, „Die (s)panische Fliege“, „Murmel Murmel“ und „Ohne Titel Nr.1“.

Auf die Schauspieler eingehen

Der Komponist ist auf der Bühne an diversen Musikinstrumenten zu erleben. Orgel, präpariertes Klavier, Harmonium, Marimbaphon, Sampler, Plattenspieler, Tonband und Computer gehören zu seinem Instrumentarium. Manchmal erfindet er für ein Stück aber auch ein spezielles Instrument. Das Trampofon in der „(S)panischen Fliege“ zum Beispiel ist ein mit sieben Sensoren ausgestattetes Trampolin, die beim Springen bestimmte Samples auslösen. Passend zum Thema Holz in „Ohne Titel Nr.1“ hat er sich ein Knarzofon bauen lassen, das sägende, knarrende, brechende Holzgeräusche erzeugt.

Ingo Günther schreibt seine Kompositionen meist nicht auf. Auf der Bühne herrscht bei ihm auch für seine Musikerkollegen Notenverbot. Sie sollen verfolgen, was auf der Bühne geschieht. Die Schauspieler haben schließlich auch kein Textbuch. Keine Vorstellung gleicht der vorigen. Jeden Abend geht er auf das Tempo und die Stimmung der Schauspieler ein. Einmal fiel seine ganze Elektronik aus, Sampler und Festplatte wollten einfach nicht mehr zusammenarbeiten. So rettete er sich mit ganz anderen Klängen über den Abend und staunte am Ende, wie gut das funktionierte: „Einige dieser Sounds habe ich dann in den nächsten Aufführungen übernommen.“

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