Humboldt-Forum

Neil MacGregor erhält Deutschen Nationalpreis

Museumsmanager Neil MacGregor versucht die Lobpreisungen und Erwartungen zu dämpfen. Der Brite arbeitet am Konzept für das Humboldt-Forum.

Er kommt gar nicht aus dem Händeschütteln heraus, von rechts nach links, „Happy Birthday“, und dann drückt jemand Neil MacGregor noch ein Geschenk in die Hand. An diesem Dienstag gibt es für ihn gleich doppelte Gratulationen – zur Auszeichnung mit dem Deutschen Nationalpreis, und ja, zu seinem 69. Geburtstag. Am Tag davor ist der Noch-Direktor des British Museum und Humboldt-Forum-Gründungsintendant aus London eingeflogen, im Hotel Regent hat er eingecheckt, nur einige Schritte sind es von dort hinüber zur Ehrung in die voll besetzte Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt.

Mit britischem Humor

Schnell ist zu merken, der Museumsmann wird freundlich und durchaus vertraut in Berlin begrüßt. Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages, kommt auf ihn ebenso zu wie Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, in der ersten Reihe sitzt Finanzminister Wolfgang Schäuble. Plötzlich schwenken die Kameras um, ein, zwei Minuten verschwindet MacGregor aus dem Rampenlicht, als Horst Köhler erscheint. Der ehemalige Bundespräsident wird gleich eine der vier Reden halten. Vom Dudelsack-Konzert habe man abgesehen, scherzt dieser, schließlich wolle man das gesamte Königreich musikalisch ansprechen. MacGregor ist Schotte und so spielt dann das polnische Mutter-Sohn-Duo Tomaszewski Elgars „Pomp & Circumstance March No. 1“. So sieht Europa aus.

Eigentlich geht es an diesem Dienstag um den Nationalpreis, tatsächlich aber dreht sich alles um das Humboldt-Forum und wie man deutsche Geschichte heute erzählen kann. MacGregor bekommt die Auszeichnung für seine Deutschland-Ausstellung „Germany – Memories of a Nation“, die bis Januar in London zu sehen und mit 100.000 Besuchern ein Publikumsmagnet war. Begleitend zur Schau gab es eine 30-teilige BBC-Serie und ein gleichnamiges Buch, das im September auf Deutsch erscheint. Wenn man so will, hat dieses Germany-Projekt eine Vorbildfunktion für das künftige Humboldt-Forum.

Es liegt im Wesen von Preisreden, den Preisträger zu loben. Aber mit MacGregor scheint das ein Sonderfall, ihm wird hier in Berlin in einer Art und Weise gehuldigt, als wäre er der Heilsbringer fürs Humboldt-Forum und für Deutschland überhaupt, schließlich will sich die Republik feiern im neuen Schloss in der Mitte der Hauptstadt. Und der neue Schlosskönig, der heißt MacGregor, und der soll es nun endlich richten. Dass er aus Großbritannien kommt, adelt das internationale Projekt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die ihn nach Berlin holte, nennt ihn einen „beherzten Botschafter der Versöhnung“, einen „Türöffner fremder Welten“, einen „Repräsentanten der Humboldt’schen Ideale“ und einen „Geburtshelfer“ mit einer „Leidenschaft für die großen Fragen des Menschseins“. Er werde, sagt sie auch noch, „zur Bestimmung unserer nationalen Identität in einem geeinten Europa beitragen“. MacGregor, der deutsch spricht, dürften die Ohren geklungen haben. In Berlin ist er einfach alles: Welterklärer. Weltversteher. Weltromantiker. Weltpolitiker.

MacGregor begegnet dieser Euphorie an diesem Dienstag mit feinem Understatement und einer Prise britischem Humor, der sogar in deutscher Sprache Pointen schlägt. Er steht am Pult und schaut durch seine goldgerahmte Brille ins Publikum hinein und bedankt sich für die „über alle Maße freundlichen Worte“. Macht eine Pause und schiebt nach: „Was soll ich sagen?“ Wieder Pause. Zum Schluss verabschiedet er sich in „aller Verlegenheit“ als schottischer Nachfahre des „räuberischen Gesindels MacGregor“. Da hat er nach 25 Minuten, zehn Minuten länger als vorgesehen, mit Verweis auf Heinrich Heines „Wintermärchen“, 1200 Würstchen und einen Handwagen aus Ostpommern, assoziativ und amüsant einen Flickenteppich deutscher Geschichte zusammengesetzt und die 560 Gäste ganz auf seiner Seite.

Und doch scheint es, als wolle sich MacGregor mit seiner Rede ganz bewusst distanzieren, von all den Ansprüchen, die in Berlin auf ihn projiziert werden. Er kennt die Probleme des Humboldt-Forums, all die Diskussionen und anhaltende Kritik an der Präsentation der außereuropäischen Sammlungen. Das Konzept ist nach wie vor wie ein Rätsel, alle reden davon, aber keiner weiß, wie es wirklich aussehen wird. Die Skepsis gegenüber der Außereuropäischen Sammlung, die ins Schloss ziehen soll, wächst, obgleich es an „Labs“ in Dahlem, Testlabore, Workshops und Gesprächsrunden nicht mangelt. MacGregor also muss das endgültige Konzept vorlegen, Strukturen dafür finden und die Aufgabenstellung präzise formulieren. Die auf vorerst zwei Jahre angelegte Gründungsintendanz wollte der 69-Jährige nicht alleine übernehmen, Stiftungspräsident und Archäologe Hermann Parzinger und HU-Kunsthistoriker Horst Bredekamp gehören zum dreiköpfigen Gremium. MacGregor hat einen Beratervertrag. Doch wer besitzt eigentlich die Entscheidungsmacht, wie sieht das Organigramm aus? Auch die Höhe des Budgets ist noch zu klären.

Weltmuseum in Berlins Mitte

Hinter dem Humboldt-Forum steckt ein ziemlich großer Gedanke: ein Weltmuseum soll es werden, auf Augenhöhe mit allen nicht europäischen Kulturen, weg von der „eurozentrischen Sicht“, wie Hermann Parzinger es in regelmäßigen Abständen immer wiederholt, damit es auch jeder versteht. Das ehrgeizige museums- und kulturpolitische Ziel: den westlichen Blick auf alles „Fremde“ verändern und gleichzeitig Hoch- und Alltagskultur, High und Low sprengen. Und jeder nimmt sich aus diesem großen, schönen, bunten Schloss an Kultur heraus, was ihn interessiert, das heimische Publikum und die internationalen Besucher.

Im Oktober will Neil MacGregor seine Arbeit in Berlin aufnehmen. Bis dahin hält er sich zurück. Vorerst keine Interviews, heißt es. Nach der Nationalpreis-Vergabe am gestrigen Nachmittag musste er schnell zum Flieger zurück nach London. Das Geburtstagskind sollte am Abend noch einen Vortrag halten. Neil MacGregor ist halt ein Profi.