Staatsoper

"Theaterhäuser sind doch keine Königtümer"

Das Künstlerpaar Hans Neuenfels und Elisabeth Trissenaar über die eigene Besessenheit, die Provokation und die Berliner Theaterkrise. Ein Gespräch im Schiller-Theater.

Foto: Amin Akhtar

Sie nennt ihn fröhlich den Neuenfels, er brummelt seine Antworten in sich hinein. Regisseur Hans Neuenfels, 74, und Schauspielerin Elisabeth Trissenaar, 71, sind ein über Berlin hinaus bekanntes Künstlerehepaar, das Gespräch findet zwischen zwei Proben im Schiller-Theater statt. Die heutige Premiere von Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" an der Staatsoper ist eine ihrer rund 60 gemeinsamen Projekte in Oper, Theater oder Film. Wieder inszeniert der Ehemann auch seine eigene Frau, die in der Oper auf einen Text von Hugo von Hofmannsthal den Haushofmeister spielt. Im Interview sprechen sie über Spaß und Langeweile eines Künstlerlebens, die Bedeutung der Lüge in der Kunst und die neuen Intendanten im Berliner Theaterbetrieb.

Berliner Morgenpost: Herr Neuenfels, in Ihrer Autobiografie gibt es im Anhang für Frau Trissenaar 65 Seitenverweise, für Goethe 17, bei Kleist 26.

Hans Neuenfels: Da ist ja eine klare Priorität erkennbar. Und die ist auch richtig so.

Elisabeth Trissenaar: Für mich ist es interessant, weil ich zwar die meisten Seitenverweise habe, aber auch mit Goethe und Kleist am meisten verbunden bin. Und nicht nur mit Neuenfels. Es erinnert irgendwie an Max und Moritz, wo den Hühnern die Fäden aus den Mündern hängen und sich alles überkreuzt.

In vielen Künstlerbiografien spielen die Partner eine untergeordnete Rolle?

Trissenaar: Wir sind aber auch lebenslange Arbeitspartner.

Wer ist die Muse?

Trissenaar: Also ich bin nicht die Gala, die eine Muse von Dalí und anderen Malern war. Ich war selber immer ein Arbeitstier auf der Bühne. Mit Wortschwall und hängender Zunge.

Neuenfels: Und sie hat auch das Kind weggebracht, das Essen gemacht, das Auto gefahren.

Ihr Sohn Benedict ist Kameramann geworden. Gehört er damit überhaupt noch zur Künstlerfamilie?

Neuenfels: Wieso? Wir haben uns auch immer für den Film interessiert. Seinen ersten großen Film hat er mit mir gemacht.

Trissenaar: Er hat nichts anderes kennengelernt, als dass Familienmitglieder miteinander arbeiten. Ich fing mit ihm an, da war er Materialassistent. Der zweite Kameraassistent ist immer der, der alles zu schleppen hat. Für mich war das auch eine fürchterliche Erfahrung, als wir in Ägypten drehten. Ich saß in den Drehpausen immer unter dem Sonnenschirm und wurde in der Hitze umhegt, und sah meinen Sohn mit Tüchern um den Kopf Riesenkisten durch die Wüste tragen. Er tat mir so leid.

Der Regisseur ist immer der Chef, der klare Ansagen machen muss. Wie gehen Sie als seine Frau damit um?

Trissenaar: Es gehört zum Beruf dazu, dass man Anweisungen bekommt. Aber eine Anweisung ist keine Anordnung. Meistens ist es sehr sinnvoll. Es gibt eine große Kluft zwischen Bühne und Zuschauerraum. Der erste Zuschauer, den wir Schauspieler haben, ist der Regisseur. Als Schauspieler ist man auf der Bühne in einer Art kindlichem Urzustand. Nach den ersten Anweisungen entwickelt man sich.

Und vertraut dabei seinem eigenen Mann blind?

Trissenaar: Nein. Da ist man weit von entfernt. Da auf der Bühne ist er nicht mein Mann.

Was dann?

Trissenaar: Na der Neuenfels. Ich sag ja auch die Berghaus. Oder der Fassbinder.

Was ist für Sie die Triebkraft der Kunst?

Neuenfels: Es hat etwas mit Suche zu tun. Etwas zu entschlüsseln in Musik und in der Dichtung. Und sicherlich geht es darum, Widersprüche aufzuwerfen. Widersprüche, auf die man selber stößt im Leben. Denn es gibt Sperren, die eigene Wege erschließen.

Trissenaar: Der Mensch macht die Kunst. Die gibt es im Gegensatz zur Natur nicht ohne den Menschen. Aber ohne Kunst wäre die Wirklichkeit oftmals nicht auszuhalten.

Neuenfels: Da kommt vieles ins Spiel an Verwandlungen, Maskeraden, an Verschleierungen. Es ist eine Sucht des Menschen, vieles zu verändern, zu gestalten. Das Spielerische ist ein Urtrieb des Menschen.

Dann ist die Kunst ein Versteckspiel. Was gilt es zu verstecken?

Neuenfels: Es ist nicht nur das Verstecken, sondern das Aufdecken. Es geht um menschliche Beziehungen.

Trissenaar: Es geht um das Aufdecken von Beziehungen, ums Vergleichen, ums Klären.

Gibt es etwas Archetypisches in der Kunst?

Trissenaar: Die Lüge ist sehr produktiv für die Kunst.

Neuenfels: Manchmal ja, aber wichtiger noch sind die Missverständnisse. Ein grundsätzliches Thema ist der Zwiespalt zwischen dem Ich und der Gesellschaft. Das ist der Konflikt unserer Existenz. Darin steckt auch die Frage nach dem Sinn unseres Daseins. Macht, Liebe, Lügen, Unterwerfung – es bleibt die Frage, warum soll der Einzelne bei dem Ganzen mitmachen?

Sie galten lange als Skandalregisseur.

Neuenfels: Es lag alles in den Stoffen. Und die Zeit war danach.

Trissenaar: Ja, es hatte alles Sinn, wenn ich mich an die ersten Schauspielsachen erinnere. Es ging nicht um Provokation. Da steckten einfach die 68er-Zeiten drin, man musste sich mit den Eltern, der Kriegsgeneration, auseinandersetzen.

Neuenfels: Die Gesellschaften, die Autoritäten waren erstarrt. Die Bühne war eine Möglichkeit, mit dem Publikum darüber zu kommunizieren. Die Leute waren ja ungeübt im Diskutieren.

Hat die Provokation Spaß gemacht?

Neuenfels: Ich empfand es als eine Mischung aus Spaß und Besessenheit. Es war eine aufregende Zeit.

Leben wir gerade in einer langweiligen Zeit?

Trissenaar: Irgendwie schon. Wir haben ja genug Zeit zum Vergleichen gehabt. Wir haben gerade beide unser 50-jähriges Bühnenjubiläum hinter uns gebracht.

Alte Provokateure wie Frank Castorf und Claus Peymann geben jetzt ihre Theater auf. Wie kommen Sie mit der neuen Generation zurecht?

Neuenfels: Vertraute kann man nicht sagen, aber Fremde sind es auch nicht. Es sind die Leute, die unseren Beruf jetzt definieren. Die Zeit braucht solche Leute, sonst kämen sie nicht in solche Berufe und Positionen. Theaterhäuser sind keine Königtümer, die vererbt werden. Und keiner kommt durch ein Erdbeben oder andere Naturgewalten ins Amt, sondern durch andere Menschen.

Trissenaar: Tim Renner wollte es so haben. Oliver Reese kennen wir vom Deutschen Theater gut.

Neuenfels: Aber mit Chris Dercon haben wir noch nicht gearbeitet.

Trissenaar: Der kommt ja auch aus der Bildenden Kunst.

Sehen Sie darin einen Niedergang des Theaters?

Trissenaar: Es ist anders. Und das kann es ruhig auch mal sein.

Neuenfels: Ich sehe keinen Grund, von einer Krise zu reden. Im Schauspiel hat sich sicherlich sehr viel in der Form und Art verändert. Die Oper hat sich dagegen kaum verändert, weil die Musik eine Konstante ist. Im Schauspiel ist oftmals die Sprache aufgehoben. Es sind heute viele Strömungen anzutreffen. Aber das ist kein Niedergang, sondern eine vollkommene Untersuchung von Chancen, den Menschen fürs Theater zu interessieren.

Und Castorfs wildes Theater war doch nie Ihre Sache?

Neuenfels: Nein. Meine Sache ist es, mit der Psyche zu arbeiten.

Ihre Inszenierung von Mozarts "Idomeneo" ist vor fünf Jahren berühmt geworden, weil sie wegen einer islamistischen Bedrohung an der Deutschen Oper mit Polizeischutz gespielt werden musste. Der umstrittene Kopf von Mohammed ist seither aus dem Fundus verschwunden. Haben Sie etwas gehört?

Neuenfels: Nee, der ist weg. Das ist absurd.

In der Schlussszene haben Sie Jesus, Buddha, Mohammed auf die Bühne gebracht. Wie passt das zu Poseidons Kopf?

Neuenfels: Poseidon ist im Stück, davon ging ich aus. Poseidon bot Ideomeo die Rettung auf dem Meer an, aber er musste dafür den ersten, dem er am Strand begegnet, töten. Das war sein Sohn. Poseidon war der Stellvertreter der Götterwelt, der im Stück den irrsinnigen Spruch macht. Es zeigt, wie gespalten die Wahrheit ist, selbst wenn sie von einem Gott kommt. Das war ja der große europäische Mut, die Götter infrage zu stellen.

Sie hatten 2003 den Riecher, dass Religion wieder ein Thema für die Bühne wird?

Neuenfels: Es war damals schon sehr latent, dieses Aufkommen der Religionen, die mit Angst operieren. Die Typen hatten nur noch nicht die Kultur entdeckt. Die waren noch nicht soweit, auch das Theater zu beobachten. Insofern hatte ich unglaubliches Glück.

Trissenaar: Heute müsste man ja Angst haben.

Würden Sie es heute noch einmal so inszenieren?

Neuenfels: Nein, das könnte man keinem mehr zumuten. Vor allem der Familie nicht.

Sie haben einmal gesagt, Sie seien ein Suchtmensch.

Trissenaar: Ich rauche schon länger nicht mehr.

Neuenfels: Ich bin ein Suchtmensch, was Begegnungen mit guten Gedichten und interessanten Menschen angeht. Es können harmlose Sachen sein. Ich schaue mir gerne im Fernsehen Dokumentationen über Leute an, die etwas Ungewöhnliches machen.

Übers Fernsehen kann man heute mit jedem reden. Das Stichwort "Tatort" genügt meistens.

Neuenfels: Ja, ich habe am Sonntag auch wieder einen gesehen.

Trissenaar: Aber es ist doch eigentlich ekelhaft, sich immer an Verbrechen zu vergnügen. Ich sehe das sehr selten. Aber spielen würde ich es schon. Aber nicht unbedingt gucken.

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Premiere: So., 19.30 Uhr.

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