Festival-Auftakt

Mit Volldampf zwischen „Fledermaus“ und „Rocky Horror Show“

Bei der „First Night“ des Classic Open Air am Gendarmenmarkt will Lars Redlich in vielen Rollen glänzen. Diesmal führt das Multitalent auch als Co-Moderator durch Klassik, Musical, Pop und Filmmusik.

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Multitalent, das Wort klingt vollmundig. Im Fall von Lars Redlich ist es angemessen. Er singt in drei Stimmlagen von Bariton bis Countertenor. Der Sänger beherrscht vier Instrumente: Klavier, Klarinette, Saxofon und Gitarre. Und tanzen kann er auch. All das kommt beim „Classic-Open Air“-Festival zum Einsatz. „Es geht aber nicht darum zu zeigen, was ich alles kann. Sonst könnte ich auch noch die Triangel herausholen“, lacht der 34-Jährige. „Die Vielfalt gehört zum Programm-Konzept der ‚First Night‘. Ich fungiere an diesem Abend als roter Faden. Ich schaffe Verbindungen zwischen den Stars, indem ich mit ihnen zusammen auftrete.“

Als Moderator führt Lars Redlich gemeinsam mit der RBB-Moderatorin Madeleine Wehle durch den Eröffnungsabend des Classic Open Air am 2. Juli. Der RBB zeichnet die Veranstaltung auf und sendet sie 15. Juli um 20.15 Uhr. „Ich lade gern mir Gäste ein“ aus der „Fledermaus“ steht wie ein Motto am Anfang des Programms. Mit Laith Al-Deen singt Lars Redlich dessen Song „Was, wenn alles gut geht“. Mit Joja Wendt spielt er einen Boogie am Klavier. Eine Soul-Nummer interpretiert er gemeinsam mit Patricia Meeden. In „Time of My Life“ aus „Dirty Dancing“ spielt er das Saxofon-Solo. Er tanzt mit dem Ballett der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig.

„Ich passe mich den unterschiedlichen Künstlern an und nicht umgekehrt. Ich freue mich sehr darauf, auf diese Weise meine Visitenkarte abgeben zu können“, erklärt der Musical- und Show-Künstler, der sich im traditionellen Sinn als singender, tanzender und mit dem Publikum sprechender Entertainer sieht. Der bunte Abend mit Highlights aus Klassik, Musical, Pop, Jazz und Filmmusik mündet auch in diesem Jahr in einem großen Feuerwerk.

Ein Stern im Lebenslauf

Als gebürtiger Berliner findet es Lars Redlich einfach fantastisch, auf der großen Bühne am Gendarmenmarkt zu stehen. „Das ist ein Stern in meinem Lebenslauf“, sagt er begeistert. Schon in seiner Studentenzeit radelte er durch die Stadt, sah überall die großen Plakate für das Classic Open Air hängen und träumte davon, eines Tages dabei zu sein. Im vergangenen Jahr hat er bereits bei der „First Night“ gesungen. Noch am selben Abend wurde er für diesen Sommer wieder eingeladen – und nun spielt er eine entschieden größere Rolle.

Lars Redlich probiert sich auf Musical- und Konzertbühnen, im Kabarett und Fernsehen aus. Dabei ist er eigentlich ein künstlerischer Spätzünder. Als Jugendlicher wollte das Lehrerkind aus Hermsdorf nie auf der Bühne stehen. Seine Mutter unterrichtete Kunst, sein Vater Sport, Erdkunde und Biologie. Mit acht Jahren lernte er Blockflöte. Später spielte er Klarinette im Schulorchester und Gitarre am Lagerfeuer. Nach dem Abitur begann er ein Lehramtsstudium mit den Fächern Musik und Sport. Noch heute ist er sicher, dass er auch als Lehrer glücklich geworden wäre, trotzdem ist er froh über die Wendung in seinem Leben.

Als Student an der Universität der Künste Berlin sah er sich aus Neugier in den künstlerischen Studiengängen um. Dabei entdeckte er die Fachrichtung Musical/Show und besuchte dort eine Veranstaltung. „Es hat mich tief beeindruckt, dass sie Musiktheater auf moderne Art ohne Kitsch und Klischees aufführten.“

Die handwerklichen Grundlagen dafür wollte er unbedingt lernen. Er nahm seinen Mut zusammen, sang drei Lieder vor und bekam einen Studienplatz. Die Eltern waren einverstanden mit dem Wechsel, sie hatten immer viel Vertrauen zu ihrem Sohn. „Jetzt sind sie sehr glücklich, denn sie können mich bei der Arbeit besuchen und immer sehen, was ich gerade mache.“

Das falsche Outfit beim Ballett

Zwölf Stunden lang lernte er jeden Tag Gesang, Tanz, Schauspiel, Sprecherziehung und Theatergeschichte. Nicht alles fiel ihm leicht. Er hatte immer viel Sport getrieben, sich aber noch nie mit Tanzen beschäftigt. „Bei meiner ersten Ballettstunde stand ich da im total falschen Outfit mit Fußballhose und T-Shirt“, erinnert er sich.

Heute bezeichnet er die Ausbildung als großes Geschenk und starkes Fundament. „Man beschäftigt sich mit sich selbst: Drei Stunden lang schaut man jeden Tag beim Tanzen, dass der Körper die richtigen Bewegungen macht, beim Gesang lernt man die Kontrolle, Technik und Ausdruck seiner Stimme, und im Schauspielunterricht befasst man sich dann auch mit seinem Inneren, seiner Stimmung und Emotionalität. Man lernt sich selbst unglaublich gut kennen.“

Als er 2008 sein Diplom machte, war er schon seit einem Jahr als Sky im Musical „Mamma Mia!“ im Theater am Potsdamer Platz engagiert. „Als Berliner an der größten Musicalbühne der Stadt eine Hauptrolle zu spielen, war der perfekte Einstieg. Ich lernte die Abläufe am Theater kennen.“ Weiter ging es mit „Hairspray“, „Grease“, der „Rocky Horror Show“ und dem Kindermusical „Käpt’n Blaubär“.

Der sportliche Nichtraucher schafft es problemlos, jeden Abend auf der Bühne zu stehen. Seine Stimme leidet nur, wenn er zu wenig schläft. „Man muss keinen Voodoo daraus machen, dass alle Räume die richtige Temperatur und Luftfeuchtigkeit haben müssen“, findet er. „Das Wichtigste ist, immer alles zu geben. Die Menschen bezahlen viel Geld für einen Musicalabend, da hat man als Künstler eine große Verantwortung.“

Selbstironisches Satiresolo

Im Fernsehen übernimmt er immer wieder Rollen in Filmen und Serien wie „Anna und die Liebe“, „Küss mich, Koch!“, „Soko Wismar“ oder als Co-Moderator von Jürgen von der Lippe in der RBB-Silvestershow. Leider kommen die TV-Angebote meist so kurzfristig, dass sie der gut beschäftigte junge Künstler nicht annehmen kann. Ihm liegen komödiantische Rollen besonders gut.

Sein erstes, selbstironisches Soloprogramm heißt „Lars But Not Least“. Er führt es in ganz Deutschland auf, in Berlin bei den Wühlmäusen. Die Mischung aus Show, Comedy und Kabarett hat er sich selbst auf den Leib geschrieben. In dem Programm kann er seine ganze schillernde Bandbreite zeigen. Inzwischen gibt es eine zweite Show, „Berlin in einem Zug“. Dabei präsentiert er in der Kunstfabrik Schlot als Gastgeber verschiedene Künstler.

Redlichs Terminkalender ist gut gefüllt. Nach dem Classic Open Air spielt er „Evita“ an der Staatsoperette Dresden und singt bei der Gala „Disney in Concert“ in der Waldbühne. Auf dem Domplatz in Magdeburg spielt er wieder einmal seine Musical-Traumrolle: den Dr. Frank N. Furter in der „Rocky Horror Show“. „Das ist ehrlicher Rock’n’Roll, und ich muss nicht den lieben Schwiegersohn geben. Da kann ich eine komplett andere Identität annehmen, richtig Vollgas geben.“

Die „Rocky Horror Show“ war das erste Musical, das er sah, heute ist Frank N. Furter seine Paraderolle. Auch auf dem Gendarmenmarkt wird Redlich als „Sweet Transvestite“ in Strapsen und Stöckelschuhen erscheinen.