Jubiläum

Seine blauen Augen machten uns so sentimental

Roger Cicero ehrt beim Festival Classic Open Air Frank Sinatra. Der Entertainer wäre dieses Jahr 100 geworden. Seine Evergreens und die einmalige Stimme inspirieren bis heute viele Künstler.

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„Ich konnte alles in seiner Stimme hören – den Tod, Gott, das Universum, einfach alles.“ So beschrieb unlängst kein geringer als Bob Dylan seine Faszination für Frank Sinatra und das Bedürfnis, ein Album ausschließlich mit Songs aufzunehmen, die einst auch der berühmteste aller Crooner intoniert hatte. Die im Februar dieses Jahres erschienenen „Shadows in the Night“ sind zwar weit davon entfernt, zu Dylans wertvollstem Werk zu zählen, zeigen aber, wie sehr Sinatra auch heute noch inspiriert.

„My Way“ findet sich nicht darauf, ist aber dennoch eines der am meisten gecoverten Musikstücke aller Zeiten. Den Song gibt es in nahezu jeder erdenklichen Spielart – von Klassik über Gypsy-Sound, Jazz und Punk bis hin zu Black Metal und Harald Juhnke.

Sinatra selbst hasste „My Way“ leidenschaftlich. Einerseits weil er als eher zurückhaltender Mensch das „Ich“ nicht gern nach außen kehrte, andererseits weil er die von Paul Anka getextete und vom Publikum bei jedem Konzert geforderte Nummer irgendwann gründlich über hatte. Es ist eines der Trademark-Stücke des an Facetten so reichen Entertainers, dessen Geburtstag sich im Dezember 2015 zum 100. Mal jährt und dem beim Berliner Festival „Classic Open Air“ am 6. Juli ein Konzert mit Roger Cicero gewidmet ist.

Andere untrennbar mit Sinatra verbundene Songs sind „Strangers in the Night“, „All or nothing at all“, „Come Fly with Me“, „Fly me to the Moon“, „Something stupid“ mit Tochter Nancy, „The Lady is a Tramp“ und natürlich „New York, New York“. Die Titelmelodie des gleichnamigen Musikfilms von Martin Scorsese aus dem Jahr 1977 mit Liza Minelli (sie interpretiert den Song dort) und Robert de Niro wurde für Sinatra zu einem späten, dafür aber umso treueren Wegbegleiter. Von Oktober 1978 bis zu seinen letzten Auftritten im Dezember 1994 fand sich „New York, New York“ durchgehend in seinem Konzertrepertoire. Seine eigene, 1979 eingespielte Version gilt als ultimative Interpretation und ist seitdem so etwas wie die inoffizielle Hymne des Big Apple.

Rund 1300 Songs eingespielt

Das Vermächtnis mancher Künstler beruht auf einigen wenigen Alben, Singles oder gar nur auf einem einzigen Song. Bei Frank Sinatra dagegen fällt es selbst Experten schwer, sein in 54 Jahren entstandenes Klangerbe zu beziffern. Rund 70 reine Studioalben nahm er auf. Rechnet man Best-of-Werke, unterschiedlichste Kompilationen, Soundtracks, Live-Aufnahmen, Kooperationen mit anderen Künstlern, Archivmaterial, Box-Sets und sowie weitere posthume Veröffentlichungen aller Art dazu, sind es mehrere Hundert Alben.

Rund 1300 Songs spielte Sinatra zwischen 1939 und 1993 im Studio ein, auf der Bühnen sang er zwischen 1933 und 1995 sogar rund 1900 verschiedene Titel. Erstaunlich dabei ist, dass er gerade mal für eine gute Handvoll Songs selbst die Texte schrieb, darunter „This Love of Mine“ (1941) und das Weihnachtslied „Mistletoe and Holly“ (1957). Tatsächlich war Sinatra der klassische Liedinterpret. Zu seinen bevorzugten Komponisten und Songschreibern gehören unter anderem Irving Berlin, George und Ira Gershwin, Oscar Hammerstein, Rod McKuen, Cole Porter, Richard Rodgers und Ned Washington. Doch Stimme und Charisma des vielleicht bedeutendsten Entertainers des 20. Jahrhunderts machten jedes von ihm interpretierte Stück zu „seinem“ Song.

Geboren wurde Sinatra als Francis Albert Sinestra am 12. Dezember 1915 in Hoboken, New Jersey. Nach der Highschool gründete der Sohn italienischer Eltern im Alter von 19 Jahren mit anderen das Vokalquartett „Hoboken Four“ und arbeitete nebenbei als Sportjournalist bei der regionalen Tageszeitung. „Night and Day“ markierte den Beginn seiner musikalischen Karriere, mit dem Cole-Porter-Song gewannen die „Hoboken Four“ im September 1935 einen Talentwettbewerb. Eine erste Tour folgte, und 1937 hatte Sinatra ein festes Engagement als Entertainer in einem Musiklokal in New Jersey in der Tasche.

Mit 24 Jahren fuhr der Mann mit den unitalienisch blauen Augen – die sicher nicht unerheblich zu seiner lebenslangen Nebenkarriere als Frauenheld mit zahlreichen schlagzeilenträchtigen Affären beigetragen haben – erstmals in den Hafen der Ehe ein. Im Februar 1939 heiratete Sinatra Nancy Barbato, 1940 wurde Tochter Nancy geboren. Ihr folgten 1944 Sohn Frank Sinatra jr. und 1948 Tochter Tina Sinatra.

Karriere und kriminelle Aktivitäten

Seine unverwechselbare melancholische Stimme traf unterdessen den Nerv einer ganzen Nation. Sinatra tourte durch Clubs, hatte erste erfolgreiche Radioauftritte, wurde 1939 Leadsänger im Orchester von Harry James und 1940 schließlich in der Big Band von Tommy Dorsey. Der eigentlich längerfristige Vertrag mit der Jazz-Größe wurde 1942 aufgelöst. Dorsey war wohl von Sinatra-Vertrauten „überredet“ worden, den Jungstar etwas früher als vereinbart in die Solokarriere zu entlassen. Die Geschichten über Mafia-Verbindungen und Verwicklungen in kriminelle Aktivitäten begleiteten Sinatra bis ans Lebensende. Dass er seit Anfang der 1940er-Jahre Kontakt zu einigen Mafia-Familien hatte, ist unbestritten. Fotos, die ihn mit zusammen mit namhaften Mafiosi zeigen, belegen das, doch wirklich kriminelle Handlungen konnten ihm nie nachgewiesen werden.

Ein Freispruch erster Klasse kam sogar ausgerechnet von einer Seite, die ihm nur zu gern etwas angeheftet hätte: Der an schwerer Kommunisten-Paranoia leidende J. Edgar Hoover hatte eine Akte über Frank Sinatra anlegen lassen, nachdem 1943 ein anonymer Hinweisgeber in einem Brief die Stimme Sinatras als existenzielle Bedrohung Amerikas ausgemacht hatte. Wie einfach, so hieß es darin, könne doch jemand, der die Mädchen bei seinen Konzerten zum Kreischen und Kollabieren bringe – Sinatra war damit den Beatles 20 Jahre voraus! –, zu einem neuen Hitler werden.

Hoover sprang darauf an, schließlich stand Sinatra für alles, was er hasste und fürchtete: Er war ein Pop-Sänger, der Amerikas Jugend scheinbar um den Finger wickelte und sich auch noch für Zivilrechte im Allgemeinen und die Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King im Speziellen einsetzte. 40 Jahre lang trug das FBI alles zusammen, was zu finden war. Ein 1300 Seiten dickes Pamphlet entstand, das nach Sinatras Tod 1998 veröffentlicht wurde, doch mehr oder minder inhaltlos war. Das Handfesteste war dabei noch, dass sich Sinatra offensichtlich selbst einmal als FBI-Informant angeboten hatte.

Die Amerikaner liebten ihn, so oder so. Als „Frankie Boy“ schwärmten sie ihn an, später als „The Voice“ und schließlich als „Ol’ Blue Eyes“. Ihm standen viele Türen offen und er ging durch ziemlich alle. Auch als Schauspieler machte sich Sinatra schnell einen Namen. 1941 feierte er mit „Las Vegas Nights" sein Kinodebüt. Der Streifen wurde zu einem großen Erfolg, nicht zuletzt auch finanziell. 1946 wurde er für den selbst realisierten Kurzfilm „The House I Live In“ gar mit einem „Oscar“ ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang Sinatra 1953 mit „Verdammt in alle Ewigkeit". Wieder gab es einen „Oscar", diesmal für die „Beste Nebenrolle“.

Unglückliche Ehen

1951 heiratete er in seiner zweiten Ehe die Schauspielerin Ava Gardner,von der er jedoch bereits 1957 wieder geschieden wurde. Zahlreiche Filmproduktionen mit namhaften Kollegen folgten, bis er 1952 durch Blutungen an den Stimmbändern pausieren musste. Es stand gar zu befürchten, Sinatra könnte seine Stimme und damit sein größtes Kapital verlieren. Für seine Plattenfirma Columbia war die Gefahr so real, dass sie ihn aus dem Vertrag entließ. aus seinem Vertrag entlassen wurde. Die Rolle des Soldaten Angelo Maggio in „Verdammt in alle Ewigkeit“ war deshalb für Sinatra nicht weniger als eine Frage der Existenz.

Doch „The Voice“ hatte Glück. Mitte der 1950er-Jahre erholte sich seine Stimme vollständig, so dass die folgenden 15 Jahre goldene Jahre wurden. Er veröffentlichte heute als bahnbrechend geltende Alben wie „In The Wee Small Hours“, „Songs For Swingin' Lovers“, „Come Fly With Me“ oder „Sinatra Sings For Only The Lonely“. Als Schauspieler glänzte er unter anderem in Filmen wie „Die oberen Zehntausend“ (1956) zusammen mit Grace Kelly. 1960 gründete er seine eigene Plattenfirma Reprise Records, die er nur drei Jahre später mit großem Gewinn an Warner Bros. verkaufte.

Und es war die Zeit des Rattenpacks. Als „Rat Pack“ wurde eine Gruppe von Schauspielern und Entertainern bezeichnet, die im Kern aus Frank Sinatra, Sammy Davis Jr., Dean Martin, Joey Bishop, Peter Lawford und Shirley MacLaine bestand und insbesondere wegen zahlreicher Auftritte, später zu Legenden verklärt, in Las Vegas populär wurde. Epizentrum war das Sands Hotel, Heimat der Rat-Pack-Shows zwischen 1959 und 1966.

Ursprünglich waren es Soloauftritte, aus denen jedoch schnell Shows mit mehreren Künstlern in wechselnden Konstellationen wurden, die musikalische Darbietungen mit Comedy und Kabarett kombinierten. Auch Filme drehte die bunte Truppe zusammen, darunter 1960 „Ocean’s Eleven“ (in Deutschland unter dem Titel „Frankie und seine Spießgesellen“ gezeigt), das 2001 als Remake u. a. mit George Clooney und Julia Roberts in die Kinos kam.

Rücktritte vom Rücktritt

1966, im Jahr eines seiner größten musikalischen Erfolge mit „Strangers in the Night“ heiratete Sinatra zu dritten Mal. Diesmal Mia Farrow, doch auch diese Verbindung hielt nicht lange und wurde schon 1968 wieder geschieden. 1971 gab Frank Sinatra seinen Rücktritt aus dem Showgeschäft bekannt. Wie bei vielen anderen Künstlern auch, gab es Rücktritte vom Rücktritt und weitere Rücktritte, erst zu Beginn der 1980er-Jahre zog er sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Dennoch trat er weiterhin auf – seine Gastspiele und Konzertreisen wurden sogar zu seinen kommerziell erfolgreichsten in Europa –, spielte in Filmen und veröffentlichte Musik. Seine vierte, 1976 geschlossene Ehe mit Barbara hielt bis ans Lebensende. 1998 verlor Sinatra den Kampf gegen Krebs, Demenz und die Folgen seines zweiten Herzinfarkts. Letztmalig erklang „The Voice“ bei der Aufzeichnung zur Gala anlässlich seines 80. Geburtstags am 19. November 1995.

Sinatras Verhältnis zu Deutschland galt lange Zeit eher als gespalten, was aber rückblickend eher an der hiesigen Presse lag, die sich mehr für schlagzeilenträchtige Sinatra-Facetten wie Mafia, Skandale und Frauen als seine künstlerischen Leistungen interessierte. Sechsmal besuchte er zwischen 1951 und 1993 Deutschland und gab dabei zwölf Konzerte. 1943 hatte er noch das swingende „(There’ll Be a) Hot Time in the Town of Berlin“ gesungen, ein patriotisches Kriegslied, das auch in der offiziellen Kriegspropaganda der USA gegen Nazi-Deutschland Verwendung fand. Im Dezember 1951 gab er bei seinem ersten Besuch zwei Shows in Wiesbaden, hauptsächlich US-Militärangehörige. 1961 gastierte Sinatra gemeinsam mit Dean Martin in Frankfurt, im Juni 1968 führten ihn Familienangelegenheiten nach München, wo seine Tochter Tina Sinatra mit ihrem damaligen Lebensgefährtin, dem Regisseur Michael Pfleghar, wohnte.

Diese Besuche liefen alle problemlos ab und wurden von größtenteils wohlwollender Presse begleitet. Ganz anders war es 1975, als Sinatra im Rahmen seiner Europa-Tournee auch drei Auftritte in Deutschland geplant hatte. Der Kartenverkauf lief schleppend. Teile der Presse zerrissen ihn in der Luft, zweifelten an, dass Sinatra künstlerisch noch relevant war. Vor allem aber diente ein nicht sonderlich geschickter Monolog Sinatras bei einem Konzert als Anlass, seine Arroganz zu geißeln und all die erwähnten negativen Aspekte aufzuwärmen.

Im Vorjahr hatte Sinatra bei einem Konzert in Melbourne die Presse verbal attackiert, von der er sich gejagt, falsch zitiert und mit dummen Fragen überschüttet fühlte. Dass er sein drittes Deutschland-Konzert in Berlin absagte – sein Arrangeur und Orchesterleiter Don Costa war plötzlich schwer erkrankt –, heizte die Negativstimmung nur noch weiter an. Als sich Sinatra wenige Tage später bei einem Konzert in London einige abfällige Bemerkungen über das deutsche Publikum nicht verkneifen konnte, war das Klima endgültig vergiftet.

Letzte Shows in Deutschland

Das war aber 1989 in einem im politischen Wandel begriffenen Deutschland kein Thema mehr. Als Sinatra im Rahmen der Ultimate Event-Welttournee gemeinsam zusammen mit Liza Minnelli und Sammy Davis Jr. wieder für ein Konzert nach Deutschland kam, stand der Künstler mit dem beeindruckenden Lebenswerk im Mittelpunk. Ebenso 1991 bei einem weiteren Auftritt in Frankfurt im Rahmen seiner Diamond Jubilee-Welttournee und der Deutschland-Visite im Mai und Juni 1993. Fünf glanzvolle Auftritte absolvierte er in Dortmund, Hamburg, Berlin, Stuttgart und Köln. Zehn Tage hatte er sich im Kölner Stadtteil Deutz einquartiert und nach eigener Aussage fühlte er sich sehr wohl in Deutschland. Diese fünf Shows waren seine letzten Konzertauftritte in Europa.

Dass Frank Sinatra ein Hans-Dampf-in-allen Gassen war und polarisierte, steht außer Frage. Doch spätestens heute, 100 Jahre nach seiner Geburt, ist ganz deutlich, was wirklich zählt: Es ist das künstlerische Lebenswerk. Und hier hat Sinatra sowohl quantitativ als auch qualitativ höchste Hürden gesetzt. Sie sind so hoch, dass derzeit kein Künstler in Sicht ist, der ihm den Titel des bedeutendsten und prägendsten Entertainers streitig machen könnte.

Foto: MARIO SURIANI / pa / AP-Mario Suriani