Konzert in Berlin

Oh Land bringt Musik wie Seifenblasen an die Spree

Am ausverkauften Badeschiff an der Spree singt die dänische Ex-Ballerina Nanna Øland Fabricius - und das Publikum berauscht sich an ihrem zuckersüßen Pop.

Foto: Redferns via Getty Images/Getty Images

Wenn alles gut, nein, wunderbar ist, dann ist alles eine Seifenblase. Man fliegt, langsam, ohne Eile, türkis, lila, gelb changiert die Welt, leicht, getragen nur von Luft glitzert man so hindurch. Als hohlbauchig zarte Kugel - Oder sieht man nicht eher aus wie ein Herz?- wabert man, träumt, alles riecht so herrlich nach Pustefix. Aber – Obacht!- , da ist Leben, da ist Gefahr, ein Nadelstich - und alles platzt.

Es ist Mittwochabend, im grellen Friedrichshain gibt es tatsächlich einen Ort, der gut klingt, er heißt Badeschiff, die Veranstaltung heißt noch besser, sie heißt Sommerloft. Gegenüber vom türkisgrünen Pool steht eine Holzbühne, hoch, mit Blick über die Spree, in schwarzen Jacken blickt das durch seinen Feierabend wabernde Publikum auf zu einer Frau in Zitronenkuchengelb. Drei rosa Plastikschleifen versüßen, verunschuldigen ihren weiblichen Oberkörper, sie springt zu Orgeltönen aus einem Keyboard, hin, her, trägt Zopf zum Zuckerdekor, um sie herum musiziert eine Band aus Farbenzwergen – Männer, erwachsene, mit pastellfarbenen Haar.

Es ist Oh Land, Nanna Øland Fabricius, eine Ex-Ballerina aus Dänemark, die als sie nicht mehr tanzen konnte - Blut im Schuh, Blut im Schuh - Musik auf Myspace hochlud und dann, damals, 2007 entdeckt wurde. Sie ging in die USA, trat auf, auf dem South-by-Southwest und sang im Vorprogramm von Katy Perry. Ihr viertes Album erschien im vergangenem Jahr. „Earth Sick“. Die Realität ist sie leid. Mit einem pinken Drumstick schlägt sie auf das Drumpad, unechte, gurgelnde Geräusche plätschern über Spree und Publikum, es wähnt sich in einem pinken, warmen Bad, sein Wasser ist Weißwein, der Luftsprudel ist an. Bonbonbrausend massiert die Musik letzten Alltagsschmerz aus dem Körper.

„Favor Friends“ heißt der Song, er klingt so gut. „Cut it out, cut it out“, singt sie, „take off your halo, wrap it up in cellophane“. Der Bass am rosa Gurt brummt dazu, auf den Holzlatten riecht es nach Vanilleparfum. Das Publikum, eingewrappt in Zellophan, merkt nicht, dass es ein Song über das Schlussmachen ist. Paare wandern mit Lippen über Wangen und mit Armen über Rücken, gegenseitig, Haft suchen, Halt suchen, zugreifen, während Oh Land über das Ende der Zuckerstange singt. Bittersüßer Widerspruch. Er gefällt allen.

Ein Trostsong als Hit

Eine Applausfontäne bricht aus der Publikumsbadewanne hervor, spritzt auf die Bühne. Oh Land freut sich. „Thank you, Thank you so much.“ Dann sagt sie, den nächsten Song schrieb sie für eine Freundin, als deren große Beziehung zerplatze, plopp, die war so traurig, die Sängerin schickte ihr den Trostsong auf das Telefon. Als sie letztes Jahr dann ihr Album in Portugal aufnahmen, kam die Freundin vorbei. Oh Land hatte den Song schon vergessen, aber die Freundin spielte ihn ihr vor, sagte, der muss auf die Platte, das ist er nun, und er ist Single und Hit. Oh Land sagt, die Freundin, die hat ihren Freund mittlerweile zurück, und ein Kind, das haben sie jetzt auch.

Die Baby-gepuderte Trennung als Song heiß "Head Up High", das Publikum singt ihn mit, die Latten wackeln, „higher, higher, higher“, dazwischen kiekst und fiebt die Sängerin wie eine japanische Manga-Katze. Das Oh Land, das ist diese Musikwelt, die Frauen schaffen, weil man ihnen als sie klein waren mal ein Märchen versprochen hat. Sobald der Prinzen kommt, regnete es kleine Glückpilze. 1-Up jeden Tag, aber dann, 1-Down, 1-Down, dann ist diese Liebe doch nicht nur schillerndes Umherwabern, ist „a piece of work“, weißweindepressiv streitet man dem Anderen die eigenen Bedürfnisse aus dem Leib, zerreißt ihn und das Uns wie Zuckerwatte.

Als singende Frau, als enttäuschte Princess Peach, macht man dann den Zuckerschirm über sich auf, lässt Liebesperlenmusik auf den Alltag regnen, ertrinkt sich im Pop-Pink, macht sich mit dreißig noch Schleifen ins Haar - Flucht ins Oh Land. Es ist zehn in Friedrichhain, ganz blass rosa ist die Sonne untergegangen. Planschende kreischen im Badeschiffwasser. Nanna Øland Fabricius singt ihr letztes Lied. „White Nights“. Da sind Träume unter ihrem Kissen, singt sie, da ist der Wunsch nach dieser Seifenblase, die nicht platzt.