Film

Eine Kostümbildnerin plaudert aus dem Nähkästchen

Sie ist die berühmteste Kostümbildnerin des deutschen Films. Sie hat für Fassbinder und alle Größen des Neuen Deutschen Films gearbeitet, später aber auch an großen internationen Produktionen. Jetzt erhält die 71-Jährige eine Ehren-Lola.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Stars hinter der Kamera kennen die wenigsten. Weil sie kein Gesicht haben. So geht es auch Barbara Baum. Sie ist die wichtigste Kostümbildnerin des deutschen Films, sie hat mit Fassbinder gearbeitet, mit Rainhard Hauff und Heinrich Breloer und später auch an internationalen Produktionen wie „Das Geisterhaus“ oder „Homo Faber“. Jetzt wird die 71-Jährige gleich dreifach gewürdigt. Am 19. Juni erhält sie beim Deutschen Filmpreis eine Ehren-Lola. Ihre Kostüme sind in der Fassbinder-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Und dann erscheint auch noch ein Buch über sie. Wir trafen die Dame im Waldorf-Astoria-Hotel. Sie hat sich dafür eigens einen blauen Schal angelegt, der erst im Sonnenlicht richtig zur Geltung kommt, muss sich aber erst noch genauestens drapieren, bevor der Fotograf knipsen darf. Gelernt ist eben gelernt.

Berliner Morgenpost: Sie werden dieser Tage gleich dreifach geehrt. Wie fühlt man sich da?

Barbara Baum: Das ist schon sehr seltsam. Das hat mich anfangs auch überwältigt. Jahrelang kriegst du keine Aufmerksamkeit, und dann so geballt.

Das Kostümbild ist ja ein Gewerk, das sonst nicht so im Fokus steht. Ist das gemein, frustriert das?

Es ist halt die Kunst des Verborgenen. Zumindest in Deutschland. In England wird das ganz anders wahrgenommen. Wenn hier von einem Film die Rede ist, wird selten von den Kostümen gesprochen. Von den Regisseuren, klar, von den Schauspielern. Vielleicht noch vom Kameramann. Vom Kostüm nie. Wenn dann mal ein Preis kommt, das gebe ich zu, dann genießt man das schon. Aber wichtig ist eigentlich nur, dass die Regisseure wissen, was sie an dir haben.

Sie haben erst Kunst- und Kostümgeschichte studiert und waren dann Modedesignerin. Wie kamen Sie eigentlich zum Film?

Das war reiner Zufall. Schon als ich noch studiert habe, habe ich von der Mode gelebt. Freunde wollten immer irgendetwas von mir haben, da waren auch schon Schauspieler dabei. Und die haben gesagt: „Warum gehst du nicht zum SFB? Die haben eine Kostümabteilung, zeig doch mal eine Mappe.“ Ich bin da also hin, und da war auch der Ausstatter von Peter Lilienthal. So bekam ich den ersten Auftrag zum Nähen. Bei seinem nächsten Film war ich schon Assistentin und beim übernächsten Kostümbildnerin. Dabei komme ich vom Modedesign, ich hab mir alles learning by doing angeeignet. Der Gang zum SFB, das war die erste und einzige Bewerbung meines Lebens. Später haben alle Regisseure, mit denen ich zusammengearbeitet habe immer etwas im Kino gesehen und wollten mich dann auch haben. Das lief von allein.

Können Sie in wenigen Worten, ohne zu viel Fachwörter, die Arbeit des Kostümbildners erklären?

Jede Rolle wird vom Kostüm unterstützt. Nur dann ist es ein wirklich gutes Kostüm. Das ist wie ein Korsett für den Schauspieler, du bewegst dich automatisch anders, kannst dich eher einfühlen. Die Arbeit beginnt aber lange, bevor du einen ersten Entwurf anfertigst. Dem gehen lange Recherchen voraus, man muss sich in eine bestimmte Zeit einarbeiten, das ist auch der große Spaß an der Arbeit. Und dann musst du eine ganz klare Vorstellung haben. Das Wichtigste dabei ist immer der Stoff. Der richtige Stoff ist schon die halbe Miete. Der Kostümbildner ist auch der erste, der darüber spricht, wie hoch der Etat sein wird. Da fallen sie dann alle reihenweise in Ohnmacht und wollen sparen. Aber es hat immer gestimmt, was ich ausgerechnet habe.

Ihre wichtigste Zusammenarbeit war die mit Rainer Werner Fassbinder, mit dem Sie von 1972 bis zu seinem Tod zehn Jahre lang zusammengearbeitet haben. Wie ist er auf Sie gekommen?

Auch wieder reiner Zufall. Mein allererster Film war 1969 „Jagdszenen aus Niederbayern“, da hat Hanna Schygulla mitgespielt. Die Hanna und ich, wir hatten einen freundschaftlichen Kontakt, sie hat mir in der Münchner Szene ein paar Jazzkeller gezeigt. Fassbinder hab’ ich 1970 in „Matthias Kneissl“ eingekleidet. In seinen frühen Filmen hatte er nie einen Kostümbildner, jeder hat eine Tüte mit Klamotten mitgebracht und der Rainer wählte dann aus, was für den Film passte. Bei „Effi Briest“ ging das nicht, das war ja ein Kostümfilm. Da hat die Hanna ihm gesagt: „Warum fragst du nicht die Barbara Baum? Ich glaube, die kann das.“ Ich bin dann zu ihm hin und dachte, ich muss mich vorstellen. Aber er hat gleich das Drehbuch aufgeschlagen und wollte gezielt Vorschläge für einzelne Szenen.

Sie sollen sich dann aber bei den Dreharbeiten vor die Kamera gestellt und protestiert haben: „Wir können in diesem Kleid noch nicht drehen!“

Er fand das völlig unverschämt. Ich war das erste Mal am Set von so einem Film, er dachte, was erlaubt die sich. Aber ich habe für das Kostüm der Effi eine wunderschöne Brosche gefunden, die fehlte noch, ohne die ging es nicht. Die Brosche war einfach der Clou, an die kann sich auch jeder erinnern. Danach hat der Rainer nie wieder was gesagt, bei keinem anderen Film. Er hat mich machen lassen. Er wollte die Kleider auch nie vorher sehen, erst wenn die Schauspieler schon in der Maske saßen.

Sie waren dann bei jedem seiner Filme dabei?

Zweimal musste ich leider aussetzen, da hatte ich andere Verträge. Die musste ich einhalten, das tat mir leid. Als er mich nach „Despair“ dann auf der Straße traf, vor dem Literaturhaus in Berlin, rief er: „Ich hasse dich.“ Er ist mit der Kostümbildnerin überhaupt nicht klar gekommen. Ich musste ihm versprechen, fortan immer erst ihn zu fragen, bevor ich was annehme. Dazu ist es aber gar nicht mehr gekommen. Nach „Die Ehe der Maria Braun“ kam ja gleich „Lilli Marleen“, „Lola“, „Veronika Voss“ „Berlin Alexanderplatz“, „Querelle“. Und dann ist er einfach aus dem Leben verschwunden.

Fassbinder wäre am 31. Mai 70 geworden. Ist es überhaupt vorstellbar, dass er so alt hätte werden können?

Er als 70-Jähriger – geht nicht. Er hat sich ja systematisch ausgebrannt, am Tag hat er gedreht, am Abend geschnitten und nachts an neuen Drehbüchern gearbeitet. Deshalb hat er ja auch all das Zeugs genommen, weil er diesen Druck sonst gar nicht geschafft hätte. Kurz vor seinem Tod ließ er mich in die Paris Bar kommen. Rainer wollte mit mir neue Projekte durchgehen. Da hat er überlegt, wie lang wir eigentlich schon zusammen arbeiten. Und als klar war, das sind zehn Jahre, hat er Champagner bestellt. Wir hatten einen wunderbaren Abend. 14 Tage später war er tot.

Das geht Ihnen heute noch nahe?

Manchmal, wenn ich lange über ihn spreche, muss ich fast weinen. Auch wenn ich danach so viele interessante Regisseure hatte und das fast ein wenig undankbar sein mag. Letztlich habe ich ihm alles zu verdanken. Nach seinem Tod habe ich ganz viele tolle, auch große internationale Projekte bekommen, ohne was vorzeigen zu müssen. Ich hatte die Fassbinder-Filme gemacht, das hat gereicht.

Sie haben später Stars wie Glenn Close, Faye Dunawaye oder Catherine Zeta-Jones angekleidet. Plaudern Sie doch mal aus dem Nähkästchen: Sind Diven dieser Größenordnung eigentlich schwierig, womöglich etwas zickig, wenn es um ihre Figur geht?

Im Gegenteil. Je bekannter, je populärer, desto sensibler und aufgeschlossener sind sie für deine Arbeit. Die haben ganz kleinlaut gefragt, ob sie mal einen warmen Hausschuh in einem kalten Raum anbehalten dürften. Sowas hätte mich mal ein deutscher Schauspieler fragen sollen. Hanna Schygulla waren bei „Berlin Alexanderplatz“ anfangs die Kostüme zu schlabberig. Aber die waren zu jener Zeit halt so, ich musste ihr das Szene für Szene erklären. Am Ende war sie dann überzeugt, hat sogar gelacht. Barbara Sukowa wollte bei „Lola“ keine Korsage tragen, sie meinte, damit könne sie nicht singen. Aber auch sie hat gemerkt, dass sie erst dadurch so eine gewisse Haltung für die Figur bekam.

Gibt es einen Film – oder ein Kostüm, worauf Sie besonders stolz sind?

Ach nein, dazu kann ich nichts sagen. Für die Lola haben sie mich auch gefragt, ob ich nicht drei Filme nennen könnte, die sie dann einspielen. Aber nicht mal die könnte ich nennen. Das Tolle war ja, dass ich mich immer anders austoben durfte. Die „Lola“ hat natürlich Spaß gemacht. Da hab ich die Sukowa ausstaffiert, wie Titelbilder von Modeillustrierten der Nachkriegszeit. Bei „Katharina die Große“ habe ich Catherine Zeta-Jones ganz in Rokoko ausstaffiert. Mit der Epoche kannte ich mich bis dahin überhaupt nicht aus. Aber genau das ist ja der Spaß. Die Recherche. Das wächst und wird dann in deinem Kopf zu etwas.

Ihr letzter Film, nach 40 Jahren Film, war 2009 „Romy“. Juckt es Sie manchmal noch, weiter zu arbeiten?

Aber sicher. Es war ja reiner Zufall, dass ich danach keinen Film mehr gemacht habe. Ich habe zehn Jahre mit Heinrich Breloer gearbeitet, an den „Manns“, den „Buddenbrooks“. Er hatte einen ähnlich großen Film über Brecht vor, das wäre mein Film gewesen, darüber haben wir auch schon viel gesprochen. Das ist aber leider an den Erben gescheitert, die Brecht keinesfalls in einem anderen Bild sehen wollen. Breloer hat jetzt mit vielen Juristen erreicht, dass er ihn wohl doch machen kann. Aber bis er ddie Bücher geschrieben hat, bis es wirklich an die Produktion geht, wer weiß, wie alt ich dann bin.

Aber angenommen, morgen klingelt ein Regisseur bei Ihnen, würden Sie – ?

Aber natürlich. Ich hab ja jetzt eine verbogene Wirbelsäule, ich weiß nicht, ob man das wieder hinkriegt. Aber ich habe auch früher bei bestimmten Filmen immer gedacht, danach wirst du tot sein. Und dann war ich eher traurig, als die Dreharbeiten schon wieder zu Ende waren.

Wie ist das jetzt, Ihre Kostüme im Museum zu sehen? Die Verklärung des eigenen Werks zu Lebzeiten?

Ich freu mich erst mal, dass man das noch mal zeigen kann. Dass das in den Urzustand zurückversetzt und nicht noch mal von Motten beschädigt wird. Aber ich musste auch ordentlich dafür kämpfen, dass alles richtig wird. Die wollten moderne Schaufensterpuppen nehmen, aber heute sind die Menschen ja alle so riesig. Da passt doch keine 34-er-Größe von Hanna Schygulla, das kann ich auf einen Arm ziehen, mehr ginge gar nicht.

Aber noch mal die alten Stoffe anzufassen, das löst nichts in Ihnen aus?

Das Kostüm lässt mich jetzt mehr oder weniger kalt. Aber wenn ich daneben die alten Filmausschnitte dazu sehe oder auch Aufnahmen vom Rainer, dann werde ich von Erinnerungen überfallen, das treibt mir Tränen in die Augen.

Eine Frage, die man Frauen wahrscheinlich nicht stellen darf, aber einer Kostümbildnerin stellen muss: Was werden Sie denn zur Lola-Verleihung anziehen?

Ich habe keine Ahnung. In Berlin ist ja leider toteste Hose für Stoffe, hier kriegst du nichts. Die sind so langweilig oder so klassisch, dass man gähnt. Ich hätte nach London fliegen sollen, da gibt es tolle Stoffe, da könnte ich mich gar nicht bremsen. Aber das ist jetzt zu spät. Wenn ich gar nichts finde, mache ich was aus alten Stoffen. Das ist mir wurscht, da bin ich nicht eitel. An mir hat der Zahn der Zeit genagt, ich habe in der letzten Zeit zehn Kilo abgenommen, mir passen jetzt wieder Sachen, die ich zwölf Jahre nicht tragen konnte. Ich könnte auch in Hemd und Jeans, in denen ich mich wohl fühle, auf die Bühne. Hauptsache, ich habe keinen Blackout, wenn ich dann vor dem Auditorium stehe.

Geht man für so was nicht zu Star-Designern, die einen dann für einen Abend einkleiden?

Schrecklich, nein. Diese ganzen jungen Dinger, die sich da Abendkleider ausleihen, die gar nicht immer schön sind. Oder ihnen nicht sitzen, weil das irgendwelche Konfektionsgrößen sind. Da denke ich immer: Oh Gott, so möchte ich nicht rumlaufen. Die meisten Schauspieler haben ja leider selber gar nicht so einen sicheren Geschmack.

Foto: Zander