Konzert in Berlin

Bei Killers-Frontmann Brandon Flowers ist der Schlager nah

Im Huxleys Neue Welt in Neukölln tritt Killers-Sänger Brandon Flowers auf, ein Viertel des Saals bleibt leer. Seine Songs klingen wie Jingles aus dem Werbefernsehen.

Foto: Redferns via Getty Images/Getty Images

Brandon Flowers, das war mal ein Killer. „Somebody told me. You had a boyfriend who looks like a girlfriend, that I had in february of last year, it's not confidential – I've got potential.“ Das waren die frühen Zweitausender, das war the, the, the Indie-Rock'n'Roll, New Musical Express Aufkleber, Eyeliner und LEDs.

„Hot Fuss“, das Killers-Debüt 2004, ein Album wie große mit Glitzer bestäubte Ohrringe zu bierbefleckten Chucks. Der Finger in die Luft, der verschwitze Kopf auf die Schulter, V-Ausschnitt zeigt Knabenbrust, Cherry-Coke-Küsse, Nylon gerissen und Sekt-Aufstoßen.

All das ist elf Jahre her. Seit 2010 tritt Flowers auch allein auf. Wie im Huxleys Neue Welt am Sonntagabend, Neukölln. „The Desired Effect“ heißt sein zweites Solo, er spielt es hier, ein Viertel des Saals bleibt leer. Flowers trägt Jackett, trägt schwarz und singt „Dreams Come True“. Immer wieder wiederholt er das: „Dreams come true. Yes they do.“ Eine Trompete bläst dazu, fanfarisch, das Schlagzeug, es trommelt Bierzelt-Beats.

Ein einziger Game-Show-Opener

Träume werden wahr, die Backgroundsängerinnen wiederholen das Speckmaus-süße Mantra. Sie schnipsen. Sie schwingen. Wringen sich eine Laune aus dem Leib, so ungut zu gut, wie Werbefernsehen. Träume werden wahr – Flowers neues Album klingt wie ein einziger Game-Show-Opener. Wünsch dir was? Der Preis ist heiß. Chimes flirren. Das Wringen wird immer dringlicher, wie Senfflaschen spritzen die Sängerinnen ihre süße Würze nach oben, nach nirgends. „Woah, hey, oooh, woah, hey, ooh.“ Die Wurst, der Flowers, er steht breitbeinig auf den Verstärkern, wippt in den Knien, den Mikrofonständer auf Halbmast in der Hand, ein Arm geradeaus. Der Zeigefinger voran. Der Schlager ist nah.

Flowers sagt es gleich nach dem zweiten Lied. Er kommt aus Las Vegas, ist da bei seiner Tante aufgewachsen. Sein Bühnenhintergrund ist mit einem schwarzen Glitzertuch verhangen. Man sieht seine Tante auf diesem Tuch – Ist es nicht ein Tischtuch? – Canasta spielen, die Finger runzlig, Klunkerstein befingerringt, murmelt sie von den Achtzigern und den Siebzigern, während in ihren Brillengläsern ein stummes Fernsehbild flackert. Eine Game Show.

Mit den Killers macht Flowers gerade Pause, er besucht seine Tante hier im Krankenhaus oder im Pflegeheim, irgendwo im heißen Vegas, er bringt ihr Korn mit, schüttet es in ihren Caro-Kaffee und hört zu viel Robert Palmer. Aber die Tante freut sich, lächelt unter ihrem lilastichigen Haar, Brandon, so ein Hübscher, er soll ihr Musik spielen. Und Flowers nimmt seine Gitarre und spielt „Jenny was a friend of mine“. Hier im Huxleys und da bei seiner Tante. Es ist der erste „Hot Fuss“-Track, er spielt ihn jetzt langsamer. Tantenalter-gerecht hat er „Jenny“ alle Zähne gezogen. Haftcreme und Gebiss trägt sie jetzt. Zur Aufmunterung für Tantchen wie Tantchen. Denn Träume werden wahr.

Das Publikum darf sich ein Cover wünschen

Die Bühne leuchtet unterdessen in den schönsten Begonien- und Petunienfarben. Vor dem Bühnengarten klatscht und singt es. „Can't Deny My Love“. Zur aktuellen Single hüpft Flowers auf einem Bein. Applaus. Applaus. Dann guckt er durch die Reihen. Ihr könnt euch jetzt ein Cover wünschen, sagt er. Es gibt zwei Optionen. INXS mit „Don't Change“ oder „Simply irresistible“ von Palmer? Das Publikum ist aufgeregt, der Blümchen ihre eigene Vegas-Jukebox? Toll.

Aber dann gibt es plötzlich keine Abstimmung, kein INXS, kein Palmer, dann spielt er „Read my mind“ von seiner eignen Band, den Killers, aber er spielt es als Cover. Eingeseift mit Lavendel. „Read my mind.“ Was will er uns sagen? Dem "Hot Fuss"-Fan hat er nicht mehr viel zu sagen. Der geht, kauft ein Dosenbier, schüttelt es den ganzen Weg lang, und Zuhause, unter der Dusche, da sticht er mit dem Korkenzieher rein. Leise singt er: „It started out with a kiss - How did it end up like this?“