Ginger Bakers Jazz Confusion

Ex-Cream-Drummer Ginger Baker zeigt seine Kunst

In den 60er- und 70er-Jahren hat er die Rockwelt umgekrempelt. So wie Ginger Baker sein Schlagzeug bearbeitete, hatte das bis dahin noch keiner getan. Jetzt trat er im Kesselhaus in Berlin auf.

Gemeinsam mit Eric Clapton und Jack Bruce hat Ginger Baker im Trio Cream Rockgeschichte geschrieben. Und später mit Blind Faith erneut. Er gilt als der Schlagzeuger, der die Doppel-Bassdrum im Rock eingeführt hat. Und doch wollte er mit Rock nie etwas am Hut haben. Er verstand selbst eine Band wie Cream mit ihrem Hang zu ausufernden Soli als Jazz, improvisierte Musik eben.

Am Mittwochabend sitzt der 75-jährige Ginger Baker, der einmal als der beste Schlagzeuger der Welt gehandelt wurde, auf der Bühne des Kesselhauses in der Kulturfabrik und bearbeitet mit stoischer Würde sein Instrument. Jazz Confusion heißt die Formation, mit der er unterwegs ist. An seiner Seite hat er den impulsiven Perkussionisten Abbas Dodoo aus Ghana, den amerikanischen Saxofonisten Pee Wee Ellis, der in der Bläsersektion von James Brown zu Ruhm und Ehre kam und den jungen britischen Bassisten Michael Mondesir.

Gemeinsam kreieren sie einen schleppend pulsierenden Afro-Fusion-Jazz, der langsam aber stetig auf Touren kommt. Wayne Shorters „Footprints“ steht am Anfang des kompakten Abends. Und gibt das Arrangement für alle folgenden Stücke vor. Pee Wee Ellis spielt das Thema und soliert darüber, dann bekommt der Bassist seinen Solopart, dem ein furioses Schlagwerkgespräch zwischen Dodoo und Baker folgt, bevor sich alle Musiker wieder beim Thema treffen. Alle folgenden Stücke haben denselben Aufbau, und doch ist eine dramatische Linie spürbar, der geradezu meditative Rhythmus nimmt mehr und mehr für sich ein.

„Ich werde langsam alt“

Gleich zu Beginn dankt Baker mit rauer Grabesstimme dem Publikum für sein Kommen. „Ich werde langsam alt“, meint er, „aber wir versuchen dennoch, unser Bestes zu geben.“ Und macht gleich noch Werbung für T-Shirts, Schals und Platten am Merchandise-Stand, Preise inbegriffen. Ginger Baker ist ein genialer Musiker, der es aber nie geschafft hat, sich im wirklichen Leben zu Recht zu finden. Ein Getriebener mit Hang zum Misanthropen, ein Choleriker, der Kollegen auch mal mit Fäusten die Meinung sagte. Ein unberechenbarer Sonderling.

Drogen haben ihn fast zerstört. Falsche Freunde haben ihn ausgenommen. Immer wieder hat er sich auch selbst in den Abgrund gestürzt. Er hat ein Tonstudio in Nigeria eröffnet und in den Ruin getrieben. Er spielte Polo und betrieb eine Pferdezucht, bis auch die Pleite war. Er zog sich zurück auf eine Farm nach Südafrika. Das Warnschild, das er davor aufstellte, gab dem vor zwei Jahren erschienenen Dokumentarfilm „Beware of Mister Baker“ seinen Namen. Der Regiedebütant Jay Bulgur hat damit ein bewegendes Porträt des alten Grantlers geschaffen, handelte sich dabei aber auch einen im Film dokumentierten Schlag mit Bakers Krückstock und eine gebrochene Nase ein. Die beiden haben sich inzwischen wieder versöhnt.

Die Band spielt Pee Wee Ellis‘ „Twelve and more Blues“ und Bakers in Afrika entstandene Komposition „Ain Témouchent“, in die Ellis ein bisschen von Dizzy Gillespies „Night in Tunesia“ einschmuggelt. Ginger Baker spielt mit Bedacht, mit bravouröser Eleganz, das Schlagzeug ist sein ein und alles. Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein. Hinter all der Alters-Coolness verbirgt er die Anstrengung, die ihm die harte Bühnenarbeit bereitet. Ein Schmerzensmann, der gegen die fortschreitende Arthritis mit Hilfe von Medikamenten ankämpft. Und sich doch mit einem Lachen darüber freut, wie sie die komplizierte Rhythmik von „Ginger Spice“ mit seinem sperrigen 9/8-Takt in perkussiver Leichtigkeit auflösen. Dann ist nach eine guten halben Stunde erst einmal Pause. Das Alter fordert seinen Tribut.

Baker zeigt seine Kunstfertigkeit

An diesem Abend ist von dem rüden, rabaukigen Baker nichts zu spüren. Da sitzt ein geradezu sympathischer älterer Herr aufrecht im Rampenlicht und zeigt seine Kunstfertigkeit. Sein Spiel ist ökonomisch. Er weiß, was er sich noch zutrauen kann. Ein Solo wie das legendäre Cream-Stück „Toad“, das als erstes auf Schallplatte festgehaltene Schlagzeugsolo des Rock gilt, würde er heute nicht mehr meistern. Und doch überzeugt er durch einen geradezu erzählerischen Ton, eine spielerische Eleganz, die selbst einem karibisch angehauchten Klassiker wie Sonny Rollins‘ „St. Thomas“ eine neue Farbe beizumischen versteht.

Noch ein langsamer Blues für einen frühen Weggefährten, den britischen Bluesmusiker Cyril Davies, dann geht dieser Abend mit dem nigerianischen Folksong „Aiko Biyae“, der schon in den Siebzigern zum Repertoire von Ginger Bakers Air Force gehörte, schon ins Finale. Er habe in seinem Leben jede Menge Mist gebaut, gesteht Baker vor der Zugabe ein. Und jedes Mal habe er sich gefragt: warum? „Why?“ heißt denn auch das letzte Stück dieses Konzerts, dem Saxofonist Pee Wee Ellis den Gospel „Wade In The Water“ unterjubelt. Und bei dem das zufriedene Publikum im bestens gefüllten Kesselhaus immer an der passenden Stelle lautstark das Wort „Why?“ skandiert.

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