Live im Tempodrom

Chris de Burgh - Ein Song-Arbeiter auf der Suche nach Perfektion

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Alexander Gumz

Foto: pa/dpa

Chris de Burgh hat sich seinen Erfolg hart erkämpft. Ohne einen falschen Ton arbeitet er sich sorgfältig durch sein Konzert im Tempodrom. Und seine Berliner Fans lieben ihn dafür.

Exakt um 20.01 Uhr legen die Streicher aus dem Synthie los. Chris de Burgh kommt auf die Bühne, klein und kräftig, in Anzughose und blauem Bänkerhemd, die Ärmel hochgekrempelt. Die personifizierte Bescheidenheit. Um ihn seine Band: vier ältere Herren mit teils verbotenen Frisuren. Alles Vollprofis natürlich.

Überhaupt: wenn man sich mal wieder richtig jung fühlen möchte, muss man zu einem Chris de Burgh-Konzert gehen. Jedenfalls solang man unter 50 ist. Alle unter 50 wirken hier, als hätten sie sich verlaufen. Selten so ein homogenes Publikum gesehen. Das jedoch, wie sich zeigen wird, kräftig feiern kann.

Los geht es mit „Hands of Man“ vom aktuellen Album – einem dieser weltumspannenden, zeitlos gemeinten Songs des Abends. Es geht um Ruhm, Wut, Liebe, Wunden, Wunder, Ozeane, Sterne, Kathedralen. Drunter macht de Burgh es nicht. Und das war erst die erste Strophe.

Dazu gibt es fehlerlos gespielte Musik für die Freunde von Billy Joel oder Elton John, begleitet von nicht immer ganz stilsicheren Videoeinspielern auf einer Leinwand. Da können zu einem de Burgh-Klassiker wie „The Keeper of the Keys“ schon mal Glücksbebilderungen flackern – grüne Wiese, blauer Himmel, Pärchen-Silhouette vorm Strand –, wie man sie aus der Waschmittel-Werbung kennt.

Immer alles richtig machen

Auf subtilere Art ist das auch ein Problem von Chris de Burghs Musik: Alles gut geschriebene Songs, keine Frage, stilvoll arrangiert und mit dieser angenehm unprätentiösen Stimme gesungen. Doch wenn man immer alles richtig machen will, immer auf das Lied schielt, das allen etwas sagt und niemandem wehtut – dann landet man mit ein wenig Pech doch bloß bei Einverständnismusik.

Bei Kuschelrockern wie „Missing you“, die de Burgh und Band in einem Unplugged-Set spielen, im Sitzen, um Congas und einen Couchtisch voller Wassergläser gruppiert. Sie blödeln rum. De Burgh erzählt, wie er nachmittags am Gendarmenmarkt spazieren war und mit einer jungen Dame geschäkert hat. Und er spielt einen weiteren Song, mit dem man jede Liebesszene in jedem Film der 80er-Jahre hätte unterlegen können. Oder es vielleicht sogar getan hat.

„Go where your Heart believes“ klingt ein wenig, als hätte bei Queen ein stockheterosexueller Familienvater gesungen. „A Spaceman came travelling“ bedient sich kräftig bei David Bowie, minus dessen Genie. Und „Ship to Shore“ klingt wie Peter Gabriel, wenn er nie Drogen genommen hätte. Doch da sind die ersten schon aus ihren Stuhlreihen aufgesprungen.

Bei “The Spirit of Man” steht das ganze Tempodrom geschlossen. Bei „The words ‚I love you’“ stürmt eine Gruppe agiler Damen nach vorn zur Bühne. „Where peaceful waters flow“ singt de Burgh a capella, mit ausgebreiteten Armen, getragen nur vom rhythmischen Klatschen der Menge. Nach „Borderline“, allein am Piano, gibt es lange Standing Ovations, die ihn wirklich zu rühren scheinen. Diesen Song, sagt er, könne keine Stadt so gut verstehen wie Berlin: „I want to know/ That you will wait for me until the day/ There's no borderline”.

Rockiger Endspurt

Dann setzt de Burgh zum rockigen Endspurt an: „Goodbye to it all”, ein 4-Akkorde-Ohrwurm vom Feinsten. Und bei „High on emotion“ muss er den Refrain überhaupt nicht mehr singen, das machen die Leute für ihn. Manchmal zeigt er mit dem Zeigefinger auf jemanden, wuschelt über einen Kopf. Nie holt er die große Rockerpose raus. Ein etwas klein geratener Charmeur. Ein Song-Arbeiter.

Nach weit über zwei Stunden geht de Burgh ins Publikum. Er umarmt Damen, nimmt Rosen entgegen, tanzt ein paar Schritte hier, einen Takt da. Er wandert quer durch die Halle, einen Security-Herren vornweg, einen hinterher. Dann steigt er in den Rang. Er lächelt, winkt, schüttelt Hände. Und er singt dabei, ohne Pause oder falschen Ton: „The Lady in Red“.

Acht Millionen verkaufte Platten, Nummer eins in über 20 Ländern. Und was immer man von der Kunst dieses Konzerts halten mag: Wer so hart daran arbeitet, nah bei seinem Publikum zu sein, hat das irgendwie auch verdient.

Mittlerweile ist es 23 Uhr. Die Jungs vorm Tempodrom machen ihre Würstchenbude sauber. Man kann den Sommer fast schon riechen. Drinnen spielt Chris de Burgh immer noch.