Premiere in Berlin

Wenn das Leben einer 93-jährigen Jüdin zur Oper wird

Valentina Freimane ist 93, Jüdin und Berlinerin. Ihre Geschichte kommt jetzt auf die Bühne - als Oper: Am Dienstag feiert das Stück in der Deutschen Oper Premiere.

Foto: Martins Ratniks

Die Absage war charmant, aber nachdrücklich: ein Treffen am Vormittag, das ginge leider nicht. Diese Tageszeit sei „medizinischen Beschäftigungen“ vorbehalten, sagt Valentina Freimane am Telefon. Also treffen wir uns nachmittags in ihrer kleinen Wohnung in Kreuzberg. Im Februar ist sie 93 Jahre alt geworden. Sie hat als Jüdin die Nazizeit überlebt, weil Menschen sie versteckt haben. Ihre Eltern, ihr Mann und viele ihrer Verwandten starben im Holocaust. Nun kommt ihr Leben auf die Bühne – als Oper.

Valentina Freimane ist in Berlin groß geworden. In der Meinekestraße 9 in Charlottenburg hat sie mit ihren Eltern gelebt. Der Vater war Jurist, spezialisiert auf internationales Finanzrecht und für die Ufa tätig, den größten deutschen Filmkonzern. Beim Mittagessen saß dann schon mal Hans Albers mit am Tisch. Auch Anny Ondra, die „netteste aller Filmtanten“ und spätere Ehefrau von Max Schmeling, wohnte an der Meinekestraße.

In den 30er-Jahren schickten die Eltern erst Valentina nach Riga zu den Großeltern und zogen dann im Winter 1936/37 auch selbst in die lettische Hauptstadt – bis zur Besetzung durch die Sowjetunion war das Land neutral. An dem Tag, an dem die Panzer der Roten Armee zum zweiten Mal in Riga einrollten und die Nazis vertrieben, endete „das erste Leben“, so bezeichnet es Valentina Freimane in ihrer jetzt auch auf Deutsch erschienenen Biografie „Adieu, Atlantis“ (Wallstein Verlag).

Jetzt kommt „ihre“ Oper zu ihr nach Berlin

Das Buch, ein Bestseller in Lettland, bildet die Grundlage für die Oper „Valentina“, die an der Lettischen Nationaloper Ende vergangenen Jahres uraufgeführt wurde. Valentina Freimane konnte krankheitsbedingt nicht dabei sein. Jetzt aber kommt „ihre“ Oper zu ihr nach Berlin: Am kommenden Dienstag, 19. Mai, wird die Inszenierung anlässlich der lettischen EU-Ratspräsidentschaft in der Deutschen Oper gezeigt. Anschließend bittet Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zum Empfang. Im Mittelpunkt des Musikdramas steht die Zeit zwischen den Jahren 1939 und 1944, die Zeit der Okkupation, die nicht nur „für die politische Zukunft und Kultur des Landes, sondern auch für das Zusammenleben der verschiedenen Ethnien Lettlands von entscheidender Bedeutung“ war, wie es in der Ankündigung der Deutschen Oper heißt.

Dass ihre Lebensgeschichte Basis einer Oper ist, hat Valentina Freimane „sehr gerührt“. Nicht wegen ihrer Person, da gibt sie sich bescheiden, sondern „weil das, was ich zu erzählen habe, offenbar interessant ist“. Sie hat dem Komponisten Arturs Maskats freie Hand gegeben und auf eine Mitarbeit an dem künstlerischen Prozess verzichtet. Wohl wissend, dass sie als Theaterwissenschaftlerin und Kritikerin natürlich eigene Vorstellungen hatte.

Wird es eine Fortsetzung ihrer Erinnerungen geben, die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs enden? „Ich weiß nicht, ob ich noch die Kraft dazu habe“, sagt Valentina Freimane. Den Willen hat sie schon. Und erzählt ein paar Geschichten aus der Zeit, als Lettland Teil der Sowjetunion war. Sie hat in Riga studiert, ihren Doktor in Moskau gemacht und lehrte später als Film- und Theaterwissenschaftlerin in Riga. Einer ihrer Studenten war der Regisseur Alvis Hermanis, der auch schon in Berlin an Schaubühne und Staatsoper inszeniert hat. Hermanis stellte das Geld, das er 2010 für den Konrad-Wolf-Preis bekommen hatte, für die Veröffentlichung der Memoiren in Lettland zur Verfügung, damit das Buch schneller erscheinen konnte. Das geschah hinter dem Rücken der Autorin, Hermanis wandte sich direkt an den Verlag.

Französisch, Russisch und Deutsch waren ihre ersten Sprachen

Freimane war „gewähltes Mitglied“ der Akademie der Wissenschaften. Aber reisen, das durfte sie bis zum Ende der Sowjetherrschaft nicht. Zumindest nicht ins westliche Ausland, gelegentlich nicht mal in die sozialistischen Bruderstaaten, „wenn der Geheimdienst mal wieder über irgendwas verärgert war“. Dass sie einige Sprachen spricht und sich im Ausland gut hätte verständigen können, „war wohl ein großes Minus in den Augen des KGB“. Französisch, Russisch und Deutsch waren ihre ersten Sprachen. Die Familie ihres Vater war „germanisiert“, die der Mutter „russifiziert“. Valentina kam 1922 in Riga auf die Welt, zog aber bald mit den Eltern nach Paris. Es gibt ein Foto aus dem Jahr 1923, auf dem macht sie ihre ersten Schritte in einem Park in Paris, im Hintergrund der stolze Vater. Als Königin und Prinzessin bezeichnete er seine beiden Frauen, erzählt die Tochter. Es war ein sorgenfreies, kosmopolitisches, großbürgerliches Leben. In der Wohnung in Paris gab es Personal und für die Tochter eine Gouvernante. In Frankreich erst eine Russin, dann eine Deutschbaltin, später in Berlin eine französischsprachige Schweizerin, damit die Sprachen lebendig blieben.

Mademoiselle Speer, das erste Kindermädchen an der Meinekestraße, „lag mir mit den artigen Kindern aus ihrer letzten Anstellung, einer französischen Generalsfamilie, in den Ohren“. Sie war Calvinistin und „prägte für das ganze Leben meine düstere Vorstellung von dieser religiösen Richtung“, erzählt Valentina Freimane. Die hatte mit den lockeren Erziehungsvorstellungen der Eltern ihre Probleme. Sie erlaubten der Kleinen viel. Alle Bücher lesen, die greifbar waren, alle Filme schauen nach dem Motto: „Was überflüssig ist, wirst du sowieso nicht verstehen.“ Ein Lichtspieltheater lag nicht weit entfernt auf der anderen Seite des Kudamms. Valentina durfte ohne ihre Gouvernante in die Nachmittagsvorstellungen gehen. Die waren nicht so gut besucht, das Personal war froh, eine Karte mehr zu verkaufen, und drückte wegen der Altersbeschränkung ein Auge zu.

Und für Valentina war es natürlich toll, wenn sie den Schauspielern aus dem Kintopp zu Hause dann leibhaftig begegnete. Anders als in Paris lebten ihre Eltern ab Winter 1926/27 in Berlin nicht in einer eigenen Wohnung, sie hatten sich in einem Residenzhotel eingemietet. Die Hausherrin der Pension „Bergfeld“ an der Meinekestraße 9, auch heute noch ein Hotel, kam aus Lettland.

Rückkehr nach Deutschland

Valentina besuchte eine Privatschule am Schlachtensee und kam so gut im Unterricht mit, dass sie die Ferien eigenständig verlängern durfte. Die Familie reiste vorzugsweise nach Riga, im Sommer weiter an die baltische Ostsee. Die Weltwirtschaftskrise hinterließ – zeitversetzt – Spuren in der Familienkasse, die Tochter zog zu den Großeltern, besuchte in Riga eine deutsche Schule, noch herrschte Freizügigkeit. In Berlin wurde die Lage schlimmer. Valentina Freimane erinnert sich an ihre letzten Besuche 1935/36: „Ich nahm entsetzt wahr, wie schnell ganz normale, liebenswürdige Menschen plötzlich zu Feinden wurden. Die Kurzformel lautete: An allem sind die Juden schuld, die Rettung sind der Führer und eine ‚reinrassige Nation‘.“

Wie die Geschichte ausging, ist bekannt: Millionen Tote, unendliches Leid, ein verwüstetes, später ein lange Zeit geteiltes Europa.

„Ich dachte, ich werde niemals wieder jemanden lieben können, nach dem, was ich erlebt habe“, erzählt Valentina Freimane, deren erster Mann von den Nazis umgebracht worden war. Vor 25 Jahren kehrte sie zurück nach Deutschland. Pendelte wieder zwischen Berlin und Riga – ein Lebenskreis schloss sich. Ihre Tochter lebt in der lettischen Hauptstadt, ihr Enkel ebenfalls. „Als ich am Leben geblieben war, alleine, hatte ich mir vorgenommen, eine Familie zu gründen.“ Es ist eine kleine geblieben, „keine richtige“ aus ihrer Sicht, aber Valentina Freimane durfte nicht mehr Kinder bekommen, als Folge einer Krankheit aus der Zeit, als sie im Untergrund lebte.