„Bella Figura“

Für Yasmina Reza ist Kommunikation unmöglich

Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza, Tony-Award- und Molière-Preisträgerin, hat für die Berliner Schaubühne „Bella Figura“ geschrieben. Eine Begegnung mit der Kammerspiel-Königin.

Yasmina Reza. Auf dem großen Schachbrett der Theaterwelt, da ist sie die Kammerspiel-Königin. Sie ist die, die „Gott des Gemetzels“ schrieb. Die, die ihre Protagonisten immer erst so ach recht freundlich einander begegnen lässt, sie aber dann mit all ihren Gefühlen und konträren Interessen einander nicht mehr entkommen lässt. So lange, bis das eine Glas Châteauneuf-du-Pape, das eine Glas Champagner zu viel getrunken ist, und Gesicht und Anstand fallen.

Männer, Frauen, Erwachsene eskalieren miteinander, rauchen, rauschen, werden nassgesichtig, ihre Worte zum – Peng, Peng, Peng – Jagdgewehr, schießen das gute Porzellan von der Anrichte des anderen, wildern in fremden Komfortzonen, alles verbal, alles unangenehm. Es schmerzt, auch an Belanglosigkeit, warum tut man sich all das an, aber dann, nach all der Anstrengung, all dem Krach, all dem babystrampelnden aneinander vorbeitreten, setzt Erschöpfung ein und Ruhe. Man hat alles gesagt, ist nirgendwo angekommen, aber der Atem ist aus. Es war Drama. Man sieht sich an. So spielt wohl das Leben.

Yasmina Reza, die Tony-Award-Preisträgerin, die Molière-Preisträgerin, die Ex-Schauspielerin, sagt, sie möge Drama. Sie sitzt im „Weinrot Restaurant“ in Charlottenburg-Wilmersdorf. Am Fenster. Ihr Haar stur, starr, schwarz, die Lippen leidenschaftlich voll, der Blick klar, die Haltung stolz, man kann sich nur allzu gut vorstellen, wie auch sie, privat, ihr ein oder anders Glas Champagner zu viel in die Luft erhebt, und dann Wörter, Zorn, verletzte Gefühle vergießt, so lange, bis sie erschöpft mit dem Pumpsabsatz umgeknickt, an der Schulter von wem auch immer zur Ruhe kommt. Vertraut. Nah. Aber doch immer allein.

Nur über ihre Arbeit will sie reden

Yasmina Reza trinkt Wasser. Sie ist hier zum Interview. Ihr Agent, ein kleiner Kugelbauch im taubenblauen Lacoste-Piqué, nimmt seine Herrenhandgelenktasche, ist bereit zu gehen. Au revoir. Merci. Reza spricht nur Französisch, da ist sie ganz Parisienne, nur ein, zwei Sätze Englisch zum Verständnis, die streut sie mal ein. Sie trägt Blumen auf dem V-Neck-Oberteil, wir sehen sie an, wir denken, wie schön, wie ästhetisch das wäre, wenn sie jetzt rauchen würde, am besten mit Marlboro-roten Lippen, aber das sagen wir nicht, natürlich nicht, wir fragen sie, das Einfachste, das Natürlichste, was man so fragen kann: Wie geht es Ihnen? Und sie lacht kurz auf, hell, erschrocken, Gut, sagt sie, aber, und das ist ihr wichtig, mehr Persönliches sollen wir sie nicht fragen, nein, nur über ihre Arbeit will sie hier reden.

Yasmina Reza lebt in Paris, ist wegen Thomas Ostermeier nun in Berlin. Wo genau sie den künstlerischen Leiter der Schaubühne kennenlernte, erfahren wir nicht, aber ja, sie kannte und schätzte sein Werk schon immer. „Hamlet“ habe sie zum Beispiel an der Schaubühne gesehen, „Maß für Maß“ und zuletzt „Richard III.“ Ostermeier kannte und schätzt ihr Werk ebenso. Ihre Wege hätten sich somit immer wieder gekreuzt, sie sagt, es war notwendig, dass sie beide mal etwas zusammen machten. Nun also bat er sie, ein Stück für ihn zu schreiben. Für die Schaubühne. Das Thema ließ er offen.

„Bella Figura“ heißt nun das Kammerspiel, das am gestrigen Sonnabend Premiere feierte. Bella Figura – das ist Italienisch. Und Italien, das passt, es ist das Land des großen, des gestenreichen, hitzigen Konflikts. Far bella figura – das heißt einen guten Eindruck machen, gut aussehen, die Haltung bewahren. Und genau das machen all ihre Protagonisten natürlich nicht. Wieder nicht. Da ist der Ehemann, der seit vier Jahren eine Affäre hat, er führt sie aus in ein Restaurant, nur um dort, natürlich, auf die beste Freundin seiner Ehefrau zu treffen. Das denkbar unglücklichste Gespann, das entkommt sich nicht, verbringt einen Abend miteinander, alle Ansprüche aneinander sind widersprüchlich, alles ist Konflikt, denn das, was gar nicht passieren darf, ist doch, dass die Freundin die Affäre mag und deckt. Nicht wahr? Oder ist Untreue heute gar nicht mehr amoralisch? Reza schüttelt das schwarze Haar. Dazu hat sie keine Meinung, dazu will sie nichts sagen.

Was aber reizt sie am Konflikt? Ist er ihre Inspiration? Liebt sie es, sich zu streiten? Nein, nein, sagt sie. „Nein“, das sagt sie häufig. Der Konflikt sei nicht ihre Inspiration, aber, wissen Sie, das Leben sei eben nicht immer schön, der Konflikt gehöre dazu, mehr noch, der Konflikt sei das Herz aller menschlichen Beziehungen, ob man ihn nun vermeiden wolle oder offen austrage, da sei er doch immer. Was sie zum Schreiben inspiriere hingegen sei Zeit, Zeit und Einsamkeit und die Unmöglichkeit der Kommunikation. Aber aus diesen drei Dingen erwachse dann eben immer eins unbedingt: der Konflikt.

Kammerspiel der Kommunikation

Sie lächelt aus ihrem Blumenshirt. Ja, wir haben richtig gehört: Kommunikation, findet sie, ist unmöglich. Das hat sie gesagt. Und das meint sie auch. Weil eben, und das sei auch ein wesentliches Element all ihrer Stücke, Wörter für jeden etwas anderes bedeuten. Der Mensch, der sie denkt und spricht, setzte sie doch immer in einen anderen Kontext, als der, der sie höre. Man kann die gleiche Sprache sprechen, faktisch, aber doch eine ganz andere Sprache meinen.

So wie Yasmina Reza die Menschen, das Miteinander, beschreibt, bleibt jeder für immer mit sich allein, kollidiert mit seinem eigenen kleinen Kosmos dann und wann, immer wieder, mit dem Kosmos eines anderen. Sie sagt, sie hat immer wieder Angst, wenn sie die Uraufführung eines ihrer Stücke sieht. Ja, wirklich: peur. Angst.

Am Donnerstag sah sie Ostermeiers Version von „Bella Figura“ zum ersten Mal, auch da hatte sie Angst. Tausend Wege gäbe es doch, eine Geschichte zu inszenieren und auch ganz sicher tausend Wege, die ihr nicht gefielen. Aber, und das versichert sie, „Bella Figura“, von Ostermeier gedacht und inszeniert, das habe ihr gefallen. Ja, wirklich. Und wir glauben es ihr. Und das nicht nur, weil die PR-Dame der Schaubühne auf dem Stuhl rechts neben ihr sitzt, nein, wir glauben es ihr, weil sie hier in Berlin, so kurz vor der Premiere, ganz glücklich wirkt, die Frau mit dem wirren Haar, die, die das Drama liebt.