Konzert

Herbert Grönemeyer führt sein Publikum ins Licht

Die Zeiten des netten Onkels sind vorbei. Herbert Grönemeyer steigt in der O2 World wie Phönix aus der Asche und erweckt in seinem Publikum ein kollektives Wir-Gefühl.

Foto: Matthias Balk / dpa

Es ist ganz dunkel in der O2 World. Dann hört man das Knödeln. Dieses typische Knödeln, dass nur ein einziger Deutscher Musiker so zustandebringt. Ohne Scheinwerferspot betritt Herbert Grönemeyer die Bühne. Singt vom Inneren der Erde und von Plackerei, von Kumpelehre, auf die Verlass ist. Seine Band sucht mit Kopflampen nach ihren Plätzen. Irgendwann knallen die Scheinwerfer der O2-World ihre volle Wattzahl in die Halle, jetzt steigt Grubensympathisant Grönemeyer wie Phoenix aus der Asche. Zum Schluss von „Unter Tage“ manifestieren sich Jubel, Glück und die Aufregung des Publikum zu einem Wunsch: Herbert, bitte führ uns ans Licht.

Herbert Grönemeyer trägt schwarzen Anzug und verdammt weiße Sneaker. Die betonen die Beine, damit man die neu eingeübten Dancemoves auch so richtig bewundern kann. Grönemeyer hat fleißig geübt. Er betänzelt den langen Steg ins Publikum, macht den Ausfallschritt und das volle Programm mit links, rechts, Cha-Cha-Cha inklusive; irgendwelche Disco-Sachen, bei denen sich die Beine abgehackt kreuzen müssen und dann im angetäuschten Moonwalk enden. „Hey Klasse“ sagt Herbert. „Es ist schön, wieder Zuhause zu spielen.“

„Ach, der Gröni tritt wieder auf?“ wurde ich ganz erstaunt von Freunden gefragt. Vom neuen Album hatten die offensichtlich nichts mitbekommen, von einer anstehenden Tour schon gar nicht. Dabei blickt man kaum noch durch, wie viele Termine Herbert Arthur Wiglev Clamor Grönemeyer in Berlin nun ganz genau gibt. Jetzt ist die ausverkaufte O2 World dran, im Juni spielt er in der Waldbühne. Sogar zweimal tritt er da auf, weil die erste Show auch schon ausverkauft ist. 2016 stehen schon wieder Konzerte in Berlin an, die vor der Show auf den Bühnenscreens beworben werden. Fest steht: Viele, sogar sehr viele wollen Herbert Grönemeyer auftreten sehen. Wer sein Konzert verpasst hat, muss nicht traurig sein – es gibt noch Chancen auf Tickets im nächsten Jahr!

Kein „Gröni“ und auch kein netter Onkel

Warum nennen meine Freunde den Star des Abends eigentlich „Gröni“? Das klingt so nett und kumpelig und beschreibt doch nur die eine Hälfte des Typen, der gerade auf der Bühne steht. Im „Zeit“-Portrait kann man lesen, dass Grönemeyer privat wie ein Onkel wirke. Also der dröhnende Onkel Herbert, der einem gerne seine Sicht auf die Welt vor den Latz knallt. Ein Gefühl, das eher zum Grönemeyer von früher passt. Damals, 1982, als er noch über die Currywurst sang, damals war Herbert tatsächlich der nette Kumpel aus dem Ruhrgebiet.

Der Herbert den man bei „Dauernd Jetzt“ im Kopf hat, ist irgendwie kein „Gröni“ und auch kein netter Onkel mehr. Was er verströmt, ist kühle Unnahbarkeit, mehr „Grill Royal“ als Pommes Schranke. Spätestens als das Licht angeht – weil Grönemeyer „Männer“ zum Besten gibt und das ganze Publikum für ihn aufgestanden ist – muss man zugeben, so ganz stimmt das mit der Unnahbarkeit doch nicht. Seinen Fans gegenüber gibt der Musiker einen vortrefflichen „Gröni“ ab: Der 59-Jährige macht gerne Scherze, vor allem auf eigene Kosten. Wenn Herbert Grönemeyer eines kann, dann ein kollektives Wir-Gefühl zu konstruieren. „Her – Bert“ rufen sich und ihm die vorderen Reihen abwechselnd zu. Zwischen neue Songs wie „Wunderbare Leere“ schieben sich die Klassiker, „Alkohol“, „Vollmond“. Helfer heben einen Flügel auf die Bühne. Gröni singt „Flugzeuge im Bauch“. Alle leiden, alle singen: „Gib mir mein Herz zurück“. Der Song ist mittlerweile über 30! Gemeinsam quält sich die Halle durch den Herzschmerz, jede Zeile sitzt. Nicht geliebt werden ist Scheiße. Basta.

Am schwarzen Flügel sitzend spielt Herbert dann auch seinen letzten ganz großen Coup vom Album „Mensch“. Auch bei „Der Weg“ wird die Halle ein großes Ganzes: Die einen gucken an die Decke, wo ein Pizza-Lieferdienst grüßt, die anderen wischen sich Tränen weg.

Dauernd im Jetzt ist nichts für Herbert

Ab und an gibt Herbert Grönemeyer den väterlichen Freund. „Du bist das, was keiner sieht, jeder braucht zum Überleben sein intimes Sperrgebiet“ singt er im Stück „Uniform“. Das ist der Song, der genau das nicht meint, was der Titel des Albums und der Tour „Dauernd Jetzt“ suggeriert. Denn Dauernd im Jetzt zu sein, ist nichts für Herbert. Smartphone, Selfies posten, Statusupdates, Mails checken und so weiter findet Grönemeyer total nervig – über Spotify kann man sein Album konsequenterweise auch nicht hören. Grönemeyer findet, es braucht mehr Mystik vor allem im Internet, besonders der Fotobeweis nervt ihn. Während er singt, zoomen die ersten Reihen mit ihren Smartphones möglichst nah an ihn ran.

Eigentlich soll „Dauernd Jetzt“ ja auch gar keine Kritik am Web 2.0 sein, sondern ein Verweis auf den Moment. Dem schönen Augenblick, der ewigen Party mit einem Schuss Deutschland-Euphorie. Nach „Mein Land“ und Angela-Merkel-Kommentar ist „Bochum“ dran: „Tief im Westen ist es besser, viel besser als man glaubt“ singt Grönemeyer unter Lichtstäben. Die Halle dreht auf. „Bochum“, ist Deutschrock, schafft Wir-Gefühl. Ein Wahnsinnssong, auch und vor allem für solche Hallen oder ein Fußballstadion. Apropos Stadion: Muss es für Grönemeyer wirklich immer wieder der Fußball sein, zu dem er dichtet? „Zeit, dass sich was dreht“ – an den Refrain hatte man sich 2006 während der täglichen Snippets auf den Öffentlich-Rechtlichen gewöhnt. Und irgendwann ging das Stück dann doch als Fußballsong durch. Den Song bringt Herbert als Zugabe. Die Halle wird eingeteilt, Links singt gegen Rechts. Die rechte Seite ist heute besser. Fußball und Dichtung schließen sich nicht zwingend aus, aber wer sich da ran wagt, dem wünscht man, vor allem wenn man an „Der Löw“ denkt, eine Prise der wahnsinnigen Ironie Robert Gernhardts.

Am Ende knallt nochmal die virtuelle Sonne in die Halle. Herbert schwitzt und verbeugt sich. Er lächelt und die Leute lächeln zurück. Egal, was jetzt ist, es zählt vor allem das, was war. Herberts Klassiker sind wie Bergmänner: Kumpels aus der Grube, angestrengt, rührend, traurig, gierig, loyal. Wenn man sie rausgebrüllt oder in voller Lautstärke gehört hat, geht im Kopf kurz ein Schalter an. Dann ist Licht.