Rattle-Nachfolge

Philharmoniker sehen keinen Schaden durch Nicht-Wahl

Die Berliner Philharmoniker haben entschieden, die Wahl des neuen Chef-Dirigenten zu verschieben. Im Interview erklärt ein Philharmoniker, wie es zu der Entscheidung kam.

Olaf Maninger ist einer der 123 Philharmoniker, die am Montag vergeblich versuchten, einen Nachfolger für Sir Simon Rattle zu wählen. Der Cellist gehörte zu der Gruppe von Philharmonikern, die gegen 21.30 Uhr vor die Jesus-Christus-Kirche in Dahlem traten, um das Scheitern der Wahl zu verkünden.

Olaf Maninger kam 1994 zu den Philharmonikern, deren Solocellist er seit 1996 ist. Seit Gründung der Stiftung Berliner Philharmoniker 2002 ist er Medienvorstand und außerdem Mitglied des Stiftungsvorstands. Er war maßgeblich an der Konzeption der Digital Concert Hall beteiligt und ist seit 2008 Geschäftsführer der Berlin Phil Media GmbH. Zudem ist er Mitglied der zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker. Im Interview erklärt er, warum das Orchester entschieden hat, die Wahl des Nachfolgers zu verschieben.

Berliner Morgenpost: Herr Maninger, was war Ihr erster Gedanke – am Morgen danach?

Olaf Maninger: Einen leichten Wahlkater hatte ich schon. Wir hätten uns natürlich alle gewünscht, einen Kandidaten präsentieren zu können.

Haben Sie das Gefühl, eine Niederlage erlebt zu haben?

Überhaupt nicht. Es war uns ja relativ klar, dass es keine einfache und unkomplizierte Wahl werden wird. Die Bandbreite der Kandidaten ist so unglaublich breit gefächert: Ganz jung, außergewöhnlich talentiert bis hin zu den Grandseigneurs der Kunst, die mit uns schon Dekaden zusammengespielt haben. Alle sind unglaublich, alle stehen für unterschiedliche Spektren …

Sie haben jetzt ja gar keine Dirigentennamen genannt?

Es geht doch hier nicht um Namen! Wir haben uns doch nicht umsonst bereits drei Jahre vor dem Chefdirigentenwechsel getroffen, genau damit wir nicht später unter Zeitdruck und Planungsschwierigkeiten geraten.

Es wirkt trotzdem wie eine Niederlage. Im Internet dominiert heute das Wort „Scheitern“.

Na klar, die Wahl ist einfach gescheitert. Alles, was ohne Ergebnis bleibt, ist ergebnislos und damit gescheitert. Aber trotzdem ist der Erkenntnisgewinn nach diesen zwölfstündigen Gesprächen groß. Das Orchester hat sehr viel übereinander gelernt. Es hat viel über die Wünsche der einzelnen Kollegen gelernt. Dieser Prozess musste unbedingt sein, und deswegen war das am Montag kein verlorener Tag.

Gibt es einen Generationenkonflikt bei den Philharmonikern?

Überhaupt nicht. Es geht in erster Linie um das Künstlerische. Und das Künstlerische ist keine Generationenfrage.

Ist das basisdemokratische Modell überdenkenswert?

In keiner Weise. Demokratie muss so einen Wahltag aushalten.

Es geht um ein Jahr.

Wir haben verabredet, dass wir uns zu einer neuen Wahl treffen. Das kann im Herbst sein, im Winter sein, im Frühling sein. Das hängt davon ab, wie die Diskussionen im Orchester laufen. Das kann schnell gehen, das kann ein bisschen länger dauern.

Ihr Kollege, der Kontrabassist und Orchestervorstand Peter Riegelbauer, hat am Montagabend auf Nachfrage gesagt, die Entscheidung werde in einem Jahr fallen.

Nein, nein, dann hat er sich da leider ein wenig missverständlich ausgedrückt. Die Entscheidung fällt innerhalb von zwölf Monaten.

Ist es das alles wert gewesen, wohl wissend, dass die Philharmoniker nunmehr als zerstrittener Haufen dastehen?

Das sagen Sie, dass wir ein zerstrittener Haufen sind. Wir sind aber gar nicht zerstritten, sondern in einem Findungsprozess und einer Wahl, die wir sehr ernst nehmen und die für uns sehr viel bedeutet. Man entscheidet über etwas, was einen die nächsten zehn Jahre beschäftigt.

Machen Sie es doch wie die Wiener Philharmoniker. Die haben keinen festen Chefdirigenten, sondern verpflichten sich jeweils große Gastdirigenten für die Konzerte.

Das ist keine Option für uns. Unsere gesamte Struktur, unsere ganze Historie ist auf einen Chefdirigenten ausgerichtet.

Brauchen die Berliner Philharmoniker einen Mediator, um die Fraktionen wieder zusammenzuführen?

Überhaupt nicht. Nur ein wenig Zeit. Und die nehmen wir uns gern und sind da auch geduldig mit uns selbst.

Für wie groß halten Sie den Schaden für den Markennamen Philharmoniker?

Ich sehe überhaupt keinen Schaden. Ich sehe, dass wir uns unserer Verantwortung bewusst sind.

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