Fotografie

Der Mann, der die großen Künstler ganz privat zeigte

Das Haus der Fotografie huldigt dem Fotografen Willy Maywald zu dessen 30. Todestag am 21. Mai mit einer großen Ausstellung. Sie zeigen intime Künstlerporträts, seine Modeaufnahmen und Reisereportagen.

Foto: Association Willy Maywald / VG

Picasso blickt direkt in die Kamera, er hat einen sehr klaren Ausdruck in den Augen. In seinen Fingern, die er an seinen Mund legt, hält er eine Zigarette Seine aufrechte Haltung ist keine Pose, er wirkt entspannt. Man könnte meinen, genau so war er, der Maler, der ein facettenreiches Werk schuf. Es scheint, als würde dieser grauhaarige Mann dem Betrachter vertrauen, der ihn da so aufmerksam entgegenblickt. Doch dieses sichtbare Vertrauen gilt nicht ihm, sondern dem Fotografen Willy Maywald hinter der Linse. Es war aber nicht nur Picasso, der sich von dem deutschen Fotografen so nah einfangen ließ. Auch Joseph Beuys, Hans Arp, Yves Klein, Chagall und sogar der scheue Henri Matisse – wenn auch nur ein einziges Mal – gestatteten Maywald fotografischen Zutritt in ihre Ateliers. Und ihr Leben. In den 40er- und 50er-Jahren kam er als Chronist der künstlerischen Avantgarde zu internationalem Ruhm und auch in den 60er-Jahren war er derjenige, der die schöne Frontfrau von Velvet Undergorund porträtierte.

Maywalds Bilder wurden in Magazinen wie „Vogue“ oder „Harper’s Bazaar“ veröffentlicht. Zu seinem 30. Todestag sind 100 seiner Arbeiten nun bis im Museum für Fotografie zu sehen. Die Auswahl ist ein breitgefächerter Ritt durch Maywalds Künstlerporträts, vorbei an Modefotografien, dem alltäglichen Treiben in Paris sowie Reise- und Städtereportagen durch seinen Geburtsort und Algerien. Als Betrachter wird man sofort in die eingefangenen Szenen gezogen. Dabei wirkt ein Schnappschuss in einem französischen Café genauso eindringlich wie die betonte Formensprache der verschiedenen Pavillons bei der Weltausstellung 1937 oder eine durchkomponierte Modefotografie für Nina Ricci.

Ein Deutscher in Paris

Maywald, 1907 in der Kleinstadt Kleve geboren, ging um 1930 nach Berlin und nahm Unterricht an der Privaten Kunstschule des Westens in Charlottenburg. Schon hier tauchte er ein in das kulturelle Leben. Der Schlüssel für ihn war die Bohème. Er bewegte sich zwischen Theater, Kunst und Subkultur. 1931 zog er nach Paris. Mit Ausnahme der Kriegsjahre blieb die Stadt fortan seine Wahlheimat bis zu seinem Tod. Hier wähnte er sich in einem Paradies voller dankbarer Motivemitten in der Moderne Frankreichs. Als Flaneur mit Kamera in der Hand bewegte sich Maywald durch die Straßen. Schon früh suchte er Kontakt zur Pariser Künstlerszene und trat häufig in einen freundschaftlichen, aber vor allem kreativen Dialog mit Protagonisten jener Zeit. Sein Bekanntenkreis unter den Schaffenden der Stadt wuchs. Seine Porträts verraten, dass er all diesen Persönlichkeiten auf Augenhöhe begegnet sein muss. So gelang es ihm sogar, dem Schriftsteller und Regisseur Jean Cocteau, der als der Seltsame, Mystische verschrien war, fotografisch nahe zu kommen. Auch Maywald war Avantgardist seiner Zeit, vielleicht war es das, was Motiv und Fotograf so bedingungslos auf eine kreative Ebene stellte.

1934 machte er sich mit seinem Studio May-Wa am Montparnasse, wo er bis zu seinem Tod lebte, selbstständig. Er konnte sich schnell etablieren. Sein sehr intimer Blick auf die großen Künstler t war einmalig. Während Prominente heute ihr Leben freiwillig in allen sozialen Netzwerken mitteilen, war es damals ein Bruch der Sehgewohnheiten: Fotos berühmter Menschen im privaten Umfeld. Auch wenn seine Bilder aus heutiger Sicht wohl nicht mehr die stark voyeuristischen Merkmale aufweisen wie damals, ist es dennoch beeindruckend, die polnische Malerin Tamara de Lempicka in ihrem Arbeitsraum zu sehen.

Modefotografien für Yves Saint-Laurent und Christian Dior

Während des Zweiten Weltkriegs wurde er als feindlicher Ausländer interniert und floh nach Südfrankreich und in die Schweiz. In den Nachkriegsjahren kehrte er zurück in die Stadt an der Seine und widmete sich zunehmend den Pariser Couture-Häusern. Daneben fotografierte Maywald auch für Yves Saint-Laurent und Pierre Cardi. Vor allem aber verhalf er Christian Dior mit haptisch wirkenden Aufnahmen der verschwenderisch verwendeten Stoffe zu großem Erfolg in der Modewelt – ein Blick der so neu wirkte nach dem Zweiten Weltkrieg.Im Gegensatz zu seinen uninszenierten Porträts und spontan wirkenden Alltagsbeobachtungen inszenierte Maywald die Models in ihren Roben fast schon in überzogenen Posen.

Die namenlosen Frauen in ihren opulenten Entwürfen sind in diesen Fotos nicht die Protagonisten, sie sind viel mehr Projektionsfläche und erinnern dabei etwas an antike Statuen: steife Körpersprache, Standbein-Spielbein, angehobenes Kinn.Ob er diese plakative Eleganz im Foto so kurz nach der spröden Kriegsmode vielleicht als Provokation zu verstehen geben wollte, ist nicht bekannt. Deutschland zumindest sah Maywald als Botschafter des beeindruckenden Pariser Glamours’ nach all den tristen Jahren zuvor. Ein erfrischender Blick auf avantgardistische Motive, Fortschritt, Veränderung – einer, der sich bis heute lohnt.

Museum für Fotografie, Jebenstr. 2, Charlottenburg. Bis 2. August.