Film

„Die Gärtnerin von Versailles“ ist nur filmisches Unkraut

Sensen und Sinnlichkeit: Nach 20 Jahren sind Kate Winslet und Alan Rickman erstmals wieder gemeinsam in einem Film zu sehen. Der ist zwar ein bukolischer Kostümfilm, bietet aber Geschichtsklitterung pur.

Foto: Alex Bailey / Tobis Film

Hut ab. Das ist hier ausnahmsweise nicht als Kompliment gemeint. Sondern erst mal nur eine Regieanweisung. Und eine Charakterbeschreibung. Als die unkonventionelle Gärtnerin Sabine De Barra (Kate Winslet) sich um einen Posten bewirbt, für den sonst nur Männer vorsprechen, kauft sie sich extra einen Hut. Einen sehr federreichen obendrein. Dass Kate Winslet, die diese Frau verkörpert, Hüte ausgesprochen gut stehen, weiß man spätestens seit „Titanic“. Doch diesmal nutzt der Kopfschmuck nichts. Das Bewerbungsgespräch verläuft, nun ja, suboptimal. Zurück im heimischen Garten, wirft sie das neue, sündhaft teure Stück frustriert auf einen Schubkarren voll Unkraut.

Das ist eine schöne Szene. Denn genau dahin, zum Unkraut, gehört auch der ganze Film „Die Gärnterin von Versailles“. Auf den Schubkarren und weg damit. Es sei denn, man nimmt das Ganze als einen einzigen großen Kostümball. Das Motto: Großer Barockabend. Im Stil Louis XIV. Also tiefe Mieder, breite Korsetts, Puder und Perücken. Jeder gefällt sich in seinen aufgeplusterten Kostümen. Und spielt ein bisschen Barock. Aber nur ein bisschen.

Sufragette im Absolutismus

Man könnte ja, so muss es sich die Drehbuchdebütantin Alison Deegan ausgeheckt haben, folgendes Szenario vorstellen: Eine Männerrunde. Den Sonnenkönig in die Mitte. Der will für sein ausladendes Versailles-Schloss einen ebensolchen Garten. Sein Spezi LeNôtre sucht dafür geeignete Gartenarchitekten. Noch eine Männerrunde. Mit einer Frau darunter als absurden Farbtupfer. Die kriegt den Job am Ende doch. Weil sie so unkonventionell ist. Und ausgerechnet sie soll jetzt den Barockgarten bestellen, wo doch alles auf Ordnung geeicht ist, wo die Natur dem menschlichen Willen unterworfen wird.

„A little chaos“ heißt der Film im Original, und das trifft das Ganze ziemlich genau. Sie bringt ein bisschen Chaos ins Konzept, will die strenge Gartenzucht durchbrechen, das ganze natürlicher gestalten. Sie bringt natürlich auch ein bisschen Chaos in die Gefühle. Denn schon bald verliebt sich LeNôtre in sie, der aber verheiratet ist – noch so eine Ordnung, die von der Natur, den Gefühlen durchbröckelt wird. Et voilà: Emanzipation im 17. Jahrhundert! Natürliche Liebe im Absolutismus. Eine Sufragette am Hofe des Sonnenkönigs!

Ein kleines Chaos

Nichts stimmt an diesem Film. Gar nichts. Der Barockgarten heißt nicht umsonst französischer Garten, der – englische – Landschaftsgarten wurde erst 100 Jahre später entwickelt. Prachtvolle Gartenanlagen sieht man hier auch nicht, nur ein paar Rosengärten, die eher Laubenpieperformat haben. Und für die französischen Schlösser mussten britische Bauten herhalten. Eine Gartenarchitektin ist für diese Zeit absolut undenkbar. Und der wahre LeNôtre war 25 Jahre älter als der Sonnenkönig.

Hier ist das Altersverhältnis genau umgedreht, damit Le Nôtre (Matthias Schoenaerts) als Love-Interest für Kate Winslet taugt. Der Sonnenkönig wird dagegen vom 69-jährigen Alan Rickman verkörpert. A little chaos indeed, das noch gekrönt wird durch die Tatsache, dass dies kleine Emanzipierungsdrama nicht etwa von einer Frau inszeniert wurde, sondern vom Sonnenkönigmimen.

Ein großes Chaos

Und doch: Es spielt eben Kate Winslet mit. Und Alan Rickman. Der hier erst seine zweie Regie-Arbeit vorlegt. Nach „The Winter Guest“. Das war 1997, vor seinem Einsatz als Professor Snape im Harry-Potter-Kosmos. Damals mit Emma Thompson, mit der er in „Sinn und Sinnlichkeit“ spielte. Und jetzt mit Kate Winslet, mit der er auch in „Sinn und Sinnlichkeit“ spielte. Damals war sie knapp 20, jetzt ist sie doppelt so alt. Es ist ein starker Reiz, die beiden erstmals wieder miteinander spielen zu sehen. Darüber könnte man, mit viel gutem Willen, über die doch sehr vorhersehbare Schnurre hinwegsehen.

Und doch gibt es immer mehr Menschen, die ihre Kenntnisse über die Historie nicht mehr aus Geschichtsbüchern, sondern einzig aus Filmen beziehen. Da ergibt sich nach TV-Serien wie „Die Tudors“ und Kinoepen à la „Elizabeth“ ein immer schrägeres, verschnitteneres Geschichtsverständnis. Wenn man da noch anachronistische Emanzipationsvorreiterinnen hineinverpflanzt, ist das mehr als kleines Chaos. Auf den Komposthaufen also mit diesem filmischen Unkraut.