Ausstellung

Meister Botticelli, Christus und die Holzwürmer in Berlin

In der Gemäldegalerie läuft die Vorbereitung auf die Ausstellung im September auf Hochtouren – ein Besuch in der Restaurierungswerkstatt der Berliner Gemäldegalerie.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Sandro Botticelli, der Maestro der Renaissance, hat viele Feinde. Nicht etwa solche, die ihm die Venus neiden, sie sind trivialer: Holzwürmer nennen sie sich. Sie lieben den fetten Leim, haben ein Faible für Leimfugen, weil sich da besonders viel von der nahrhaften Masse sammelt.

„Christus“ für privat

Babette Hartwiegs Job ist es nun, ihnen zu Leibe zu rücken. Die Leiterin der Restaurierungswerkstatt der Gemäldegalerie dreht den „Christus“ um, der auf einer massiven Holzstaffelei steht und zeigt die Rückseite des Bildes, die extrem verwurmt ist. Die Würmer haben sich bis zur Grundierung des Bildes hindurchgefressen. Dicke Furchen durchziehen nun das Pappelholz, das immerhin mehr als 500 Jahre auf dem Buckel hat. Ein riesiger Riss durchzieht die linke Ecke, überhaupt, das ganze Bild wurde in der Größe beschnitten. Der Erlöser wurde um 1500 gemalt. Er stammt aus Botticellis Florentiner Werkstatt, und so rahmenlos sieht er ziemlich armselig aus, seit dem Krieg war er nicht mehr zu sehen, lag im Depot.

Im Vorfeld der großen Botticelli-Ausstellung am 24. September möchte man Aspekte der Botticelli-Forschung beleuchten. Zum Künstler gehören schließlich mehr als nur die Ikonen wie die Venus. Es geht auch um die Frage der Restaurierung eines alten Œuvres. Was zeigt man einem Publikum überhaupt aus dem Depot? Wie restauriert man heute? Was malte der Meister selbst, was stammt aus seiner Werkstatt.

Vorgaben vom Meister

Das ist natürlich nicht alles einfach zu beantworten, die Forschung selbst ist da nicht immer eins. Klar ist, aus dem Bestand der Gemäldegalerie, die 40 Werke besitzt, wurden nur ein Bild und eine Zeichnung von Botticelli signiert. Man muss sich die damalige Werkstatt vorstellen wie Manufakturen, Malerei war Handwerk. Um 1500 waren die Italiener fromm und hatten Geld, so fingen sie an, Bilder zu sammeln, daher die große Nachfrage an religiösen Motiven. „Christus“ etwa entstand als Privatauftrag.

Ruben Rebmann, Kurator der Ausstellung, vermutet, dass Botticelli drei oder vier angestellte Maler hatte, die allerdings unbekannt blieben, umso schwieriger der Nachweis. Eine Ausnahme war Filippino Lippi, der ab 1472 für Botticelli malte. In der Werkstatt benutzten die Maler Schablonen für gefragte Motive wie Madonna oder Christus. Style Botticelli würde man heute sagen.

Es gab bestimmte Vorgaben vom Meister, ansonsten waren die Maler frei, Augen, Nase, Mund oder Hintergrund dürften sie nach eigenem Geschmack gestalten. Babette Hartwieg zeigt auf ein „Madonna“-Tondo, das ebenfalls restauriert wird. Da sieht man im Hintergrund einen Fensterrahmen, der in der Perspektive ziemlich schief sitzt. Das ist ein Hinweis darauf, dass er nicht vom Maestro selbst stammt.

Die junge Restauratorin Ramona Roth nimmt „Christus“ behutsam von der Staffelei, sie trägt Handschuhe, legt ihn auf ein schwarzes Tuch auf den Tisch, so behutsam, als wolle sie ein Baby wickeln. Nun wird er unter ein Tischmikroskop geschoben. Roth stellt auf 25-fache Vergrößerung, das Resultat erscheint auf dem Laptop: Was aussieht wie die pelzigen Rückstände von verbrannter Milch im Topf, sind dunkle Farbsplitter, die sich im Haar des Erlösers abgelöst haben. Mal sehen, wie ihn Ramona Roth mit dem Pinsel frisieren wird.