Berliner Kriminal Theater

Spannung, auch wenn man den Mörder schon kennt

Niemand hat die Tode gezählt, die im Berliner Kriminal Theater in den vergangenen 15 Jahren gestorben wurden. Das einzige Theater seiner Art spielt nach wie vor mit Erfolg Stücke nach berühmten Vorlagen.

Foto: Berliner Kriminal Theater

Im Fernsehen und als Buch sind Krimis seit langem verlässliche Quotenbringer. Dass pointierte Spannung auch auf der Bühne bestens funktioniert, beweist das Berliner Kriminal Theater seit nunmehr 15 Jahren. Als das Haus am 13. April 2000 eröffnete, damals noch in der Nürnberger Straße in Wilmersdorf, sah mancher Skeptiker die Zukunft der Bühne ob der Genre-Festlegung allerdings eher düster. Darüber kann Intendant Wolfgang Rumpf heute nur noch lachen: „Man startet kein Projekt, wenn man nicht daran glauben würde, dass es läuft. Wolfgang Seppelt und ich hatten damals einen guten Grund dafür: Nämlich durch unser Alleinstellungsmerkmal mit den Krimis.“

Anfangs lief auch alles glatt. Nach dem Auftaktkrimi mit Robert Thomas „Die acht Millionäre“, in dem Schauspieler Matti Wien jeden Abend rekordverdächtige sieben Mal starb, folgte rasch der zweite gelungene Streich: Agatha Christies „Die Mausefalle“ prominent besetzt unter anderem mit Brigitte Grothum.

Gebremst durch die Wirtschaftskrise

Durch die fulminante Produktion, immerhin das erfolgreichste Theaterstück weltweit, rückte das Berliner Kriminal Theater schnell in den Fokus der Öffentlichkeit. Damit stiegen auch die Zuschauerzahlen. Aber dann kam 2002 die Wirtschaftskrise und machte auch vor dem zahlenden Publikum nicht halt. In der Folge konnte das Haus die hohe Miete nicht mehr stemmen und schloss 2003.

Doch die Theaterdirektoren Rumpf und Seppelt waren vom Krimi-Konzept überzeugt, steckten nicht auf und suchten nach einer neuen Spielstätte. Wie so oft half der Zufall. Als Wolfgang Rumpf eines Abends im Restaurant Umspannwerk in der Friedrichshainer Palisadenstraße speiste, entdeckte er einen Zettel, der ihm verriet, dass das Off-Theater Stükke in den Nebenräumen seinen Spielbetrieb eingestellt hatte. Rumpf hatte damit seinen neuen Spielort gefunden. Schöner und größer als zuvor.

Größte Beinfreiheit der Stadt

„Wir haben sukzessive ein Kammerspielhaus daraus gemacht“, sagt er. Dazu eines mit der bequemsten Bestuhlung und der größten Beinfreiheit in der Stadt. Den Direktoren war zunächst dennoch ein wenig bang. „Wir dachten, so ein Umzug kann böse enden“, erinnert sich Rumpf. „Doch das Gegenteil war der Fall: Die Zuschauerzahlen stiegen. Unsere Auslastung liegt heute bei 70 Prozent, der Altersdurchschnitt bei 38 Jahren.“

Natürlich schätzt das Publikum nicht nur die gut angebundene Backstein-Location und das nette Ambiente, sondern vor allem die spannenden Bühnen-Produktionen. Das Repertoire ist sich denkbar weit gefächert. Vor allem große Klassiker prägen den Spielplan. Wie Agatha Christies „Tod auf dem Nil“, Umberto Ecos „Der Name der Rose“ oder Sir Arthur Canon Doyles „Der Hund von Baskerville“. Bei den Zuschauern beliebt sind auch Krimikomödien wie Joseph Kesselrings „Arsen und Spitzenhäubchen“. Und natürlich „Die Mausefalle“, mit über 1200 Vorstellungen bislang ein Dauerbrenner mit verlässlich hoher Auslastung von 90 Prozent.

Auch schwergewichtige Stoffe

Das Berliner Kriminal Theater hat sich aber auch immer wieder an sperrige, schwergewichtige Stoffe herangewagt, wie etwa Felix Mitterers subtilen Thriller „Die Beichte“ um Kindesmissbrauch. Oder die Bühnenfassung „Der Totmacher“ vom berüchtigten Kriminalfall um den Massenmörder Fritz Haarmann. Zunehmend stehen auch ganz neue Stoffe auf dem Programm, wie „Der Seelenbrecher“ nach dem Bestseller des Berliner Autors Sebastian Fitzek.

Dem Publikum dürften die meisten der Stücke aufgrund berühmter Vorlagen bekannt sein. Dem Haus als unsubventioniertem Theater ist es sogar wichtig, dass die Zuschauer den Stoff kennen. Je medienwirksamer ein Buch oder Film, desto besser. Das ist ein Garant für gut verkaufte Vorstellungen. Selbst wenn mancher Schauspieler in eine Rolle mit prominentem Vorbild schlüpfen muss. Wie Gundula Piepenbring, die in „Zeugin der Anklage“ jene Christine mit Bravour spielt, die einst schon Marlene Dietrich auf der Leinwand verkörperte.

Keine Angst vor großen Namen

„Große Vorbilder und Namen haben uns noch nie geschreckt“, weiß Wolfgang Rumpf, der ältere Klassiker immer zeitgerecht modernisiert. Während etwa die Jury in Sidney Lumets „Die zwölf Geschworenen“, dem Gerichtsfilm per excellence, nur aus Männern besteht, setzt sie sich im Kriminal Theater aus Frauen und Männern zusammen.

Mit seinen zahlreichen Regie-Arbeiten hat Wolfgang Rumpf dem Haus ein unverwechselbares Profil gegeben. Er inszeniert ohne Effekthascherei mit genauem Blick für Details und kitzelt mit sicherem Gespür kleinste Nuancen aus den Charakteren. Manche nennen ihn deshalb einen konventionellen Regisseur. „Das nehme ich nicht als Schimpfwort, denn ich will Geschichten erzählen und nicht alles gegen den Strich bürsten, um irgendwelche Regie-Eitelkeiten zu befriedigen“, bekennt Rumpf.

Open-Air in Strausberg

Auch im Jubiläumsjahr inszeniert der Intendant drei von insgesamt vier Premieren. Den Auftakt machte John Wainwrights Psychoduell „Das Verhör“. Im Herbst folgen dann die Krimikomödien „Außer Kontrolle“ und „Fisch zu viert“. Matti Wien führt bei Edgar Wallace „Der Zinker“ Regie, eine Open-Air-Produktion in Strausberg. Außerdem gibt es am 13. April eine Gala zum 15. Geburtstag mit Liedern und Szenen.

Als Geschenk würde sich Wolfgang Rumpf endlich mal finanzielle Unterstützung seitens der Politik wünschen: „Uns würden rund 250.000 Euro im Jahr richtig gut voranbringen.“ Dann könnte er sich vielleicht auch mal zurücklehnen. Wenigstens für einen kurzen Moment. Denn für eine längere Auszeit ist Wolfgang Rumpf viel zu kreativ. Dabei ist er mittlerweile 66 Jahre alt. „Gefühlt sind es nur 56. Auf die Idee aufzuhören, bin ich aber noch nicht gekommen.“ Ein guter Grund, optimistisch auf die nächsten 15 Jahre zu blicken.

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