Komische Oper

Für Henrik Nánási ist die Oper ein Heilsversprechen

Generalmusikdirektor Henrik Nánási liefert an der Komischen Oper den richtigen Sound. Am Sonntag dirigiert er „Gianni Schicchi“ von Giacomo Puccini und „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók.

Foto: Reto Klar

Das Zimmer des Generalmusikdirektors der Komischen Oper ist kleiner als das seiner Kollegen in den beiden anderen Berliner Opernhäusern. Das mag Zufall sein, aber auch in der Öffentlichkeit bekommt Henrik Nánási weit weniger Aufmerksamkeit.

Dabei hat der ungarische Dirigent schon Halbzeit in Berlin, seit 2012 ist er im Amt, sein Fünfjahresvertrag geht zunächst bis 2017. Aber wenn über die Komische Oper gesprochen wird, dann fällt immer der Name Barrie Kosky. Der ist von Hause aus Regisseur, ein begnadeter Selbstdarsteller und prägt als Intendant das Haus. „Ich fühle mich nicht benachteiligt“, versichert Nánási.

Er gehört zu jenen, die mit einem jungenhaften Lächeln alle Zweifel ausräumen können. „Ich freue mich sehr darüber, dass wir das hier zusammen machen“, sagt er: „Es ist ein Genuss. Diese Leidenschaften, die hier im Haus unterwegs sind, das muss man einfach erleben.“ Gerade bereitet er seine nächste Premiere vor: Am Sonntag dirigiert er die beiden Einakter „Gianni Schicchi“ von Giacomo Puccini und „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók.

Im Dirigentenzimmer sitzt Henrik Nánási vorm Flügel auf seiner Couch und ist vor allem eines: freundlich und auch ein bisschen harmoniesüchtig. „Ich glaube, dass das Publikum am Ende eines Abends bereichert nach Hause gehen sollte“, sagt er etwa: „Sinn der Sache sollte nicht in erster Linie sein, dass die Theaterleute alles zeigen, was sie so drauf haben. Vielmehr möchte das Publikum etwas mitnehmen.“ Bei Nánási klingen solche Sätze apart. Es hängt auch mit seinem Deutsch zusammen. Geboren wurde er 1975 im ungarischen Pécs, und in Budapest begann seine Ausbildung. Aber als 18-Jähriger wechselte er nach Wien, um Orchesterdirigieren und Komposition zu studieren. Aus der Studienzeit hat er sich etwas Wiener Schmäh bewahrt.

Ochsentour durch die Provinz

Nánási gehört zu den Dirigenten, die die klassische Ochsentour durch die Provinz gemacht haben. 1999 wird er Solorepetitor am Stadttheater Klagenfurt, wo er sich zum Ersten Kapellmeister hocharbeitet. Er dirigiert Mozart, die Italiener, die Russen und auch Operette. 2005 wechselt er nach Augsburg, zwei Jahre später schließlich an den Gärtnerplatz in München. Da hat er sich bereits einmal quer durchs Repertoire dirigiert. Berlin ist seine erste Chefstelle. Er sei im Musiktheater groß geworden, sagt Nánási. „Natürlich ist Musik für mich heilig. Aber mir geht es vor allem um lebendiges Musiktheater. Musik und Bühne, Dirigent und Regisseur müssen Hand in Hand gehen. Wenn sie nicht zusammenarbeiten, sollten sie es einfach lassen.“

Die Komische Oper ist seit Walter Felsensteins Gründung traditionell eine Hochburg des Regietheaters. Allerdings tun heute alle Opernleute so, als sei es ein Schimpfwort und sie hätten nichts damit zu tun. Auch Nánási spricht konsequent vom Musiktheater. Das klingt nach Gleichberechtigung, nach einem Miteinander. „Es passiert sicherlich oft, dass sich eine Produktion mal in die eine oder andere Richtung verschiebt“, sagt er. „Aber das Publikum sollte nie gezwungen sein, es voneinander zu trennen, nach dem Motto: Die Bühne war zwar schön, aber die Musik naja, oder umgekehrt. Aber für mich ist die Verbindung interessant, deswegen mache ich Oper.“ Sein Vorvorgänger, der US-Amerikaner Carl St. Clair, hatte vor fünf Jahren fluchtartig die Komische Oper verlassen, weil er Beethovens Oper „Fidelio“, die im Müllcontainer spielte, nicht leiten wollte. Nánási hat da offenbar keine Berührungsängste, er hat ihn dirigiert. „Es ist Kunst“, sagt er: „Natürlich kann es immer einmal sein, dass man etwas nicht mit sich vereinbaren kann. Dann muss man die Konsequenzen ziehen.“

Nánási ist Koskys Mann für den richtigen Sound. Und Kosky, ein gebürtiger Australier, schert sich wenig um deutsche Theaterbefindlichkeiten. Zumal sich das sogenannte Regietheater mit all seinen Skandalen und Plattitüden überlebt hat. Der Dekonstruktivismus, der seit den 90er-Jahren auf Theaterbühnen die Klassiker zertrümmert und anders wieder zusammensetzt, konnte im Opernbetrieb nie Fuß fassen. Möglicherweise entsteht an Koskys Haus, das manchmal wie ein Gemischtwarenladen zwischen Operette und Operndrama wirkt, gerade etwas ganz Neues, was noch keiner für die Oper definieren kann. Seit 2000 spricht man in der Musik vom neuen Konzeptualismus, der mit der digitalen Revolution einhergeht. Das sind auch Spartenkanäle, die zielgerichtet Stimmungen bedienen, wofür alle Multimediaraffinessen erlaubt sind. Das Opernpublikum wird nicht mehr durch Provokationen, sondern durch Heilsversprechungen herbeigelockt. Das kann unterhaltsam, aber auch hochartifiziell sein. Alles ist möglich beim Opernunternehmen Kosky & Co. „Die Zauberflöte“ hat Kosky in Stummfilmästhetik inszeniert, Nánási hat eine präzise Mozart-Tonspur zugeliefert. Und die Produktion ist Kult geworden. Nánási dirigiert Koskys Operetteninszenierung „Die schöne Helena“ ebenso wie dessen düster-clownesken „Rigoletto“.

Keiner wartet auf Skandale

Die Neuinszenierung stammt von Calixto Bieito. Der charismatische Katalane war mal ein richtiger Skandalregisseur. Auch in seiner siebten Inszenierung am Haus wird es nackt und blutig zugehen, aber es wartet keiner mehr auf einen Skandal. Und Nánási geht es diesmal um die eigenen Gefühlswelten. „Ich fühle mich tief verwurzelt in der Musik von Béla Bartók“, sagt er. „Und es ist mir wichtig, als GMD der Komischen Oper Berlin solche Stücke zu machen. Da steckt auch meine komplette Persönlichkeit mit drin.“ Was auch immer in Nánási stecken mag, es wird bei der Premiere wohl niemanden verschrecken.