Frühkritik

John Malkovich gibt in Berlin eine Lektion in Charisma

Malkovich erteilt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt eine Lektion in Charisma. Der Schauspieler steht auf der Bühne, umgeben vom Korean Chamber Orchestra, und macht nicht viel mehr als: sprechen.

Foto: Britta Pedersen / dpa /picture alliance

Der Saal ist dunkel. Eine Glocke schlägt. Kein Gong, eher ein Bimmeln. Ein Suchen im dämmrigen Raum. Eine Frau trägt diese Glocke. Und eine Augenbinde. Zu ihr tritt ein Mann, nimmt sie am Arm, führt sie zu einem Flügel. Sie setzt sich und beginnt blind zu spielen. Zögernde, tastende Akkorde. Dann Läufe und Triller wie von Bach, immer wieder zerschnitten von harschen Clustern. Die Frau ist die russische Pianistin Ksenia Kogan. Der Mann ist John Malkovich.

Malkovich erteilt an diesem Abend im Konzerthaus am Gendarmenmarkt eine Lektion in Charisma – ganz ohne Leinwand oder Maske. Der Schauspieler, den man vielleicht am Eindrücklichsten aus „Gefährliche Liebschaften“ in Erinnerung hat, steht auf der Bühne, umgeben vom Korean Chamber Orchestra, und macht nicht viel mehr als: sprechen. Er spricht einen Monolog aus dem Roman „Über Helden und Gräber“ des argentinischen Autors Ernesto Sabato, über ein Konzert für Klavier und Streichorchester von Alfred Schnittke gelegt. Zwei sich überlagernde Systeme, die ein neues, drittes ergeben. Bastard Klassik, könnte man sagen.

Wie Malkovich diesen Text spricht, der, paranoid, eine Verschwörung der Blinden imaginiert – gelangweilt erst, dann wie ein Elder Statesman, dann als durchgeknallter römischer Feldherr, plötzlich wieder leise und verletzlich – wie er dabei die Balance hält zwischen Erzählen und Spielen, cool und manisch zugleich – das ist ganz große Kunst. Und er benutzt nichts als Stimme, Gesicht, Hände.

Überhaupt: Welche Kraft zwei Arme entwickeln können, wenn man sie im richtigen Moment für eine Sekunde ausbreitet, ist schon verblüffend. Charisma, sieht man hier, hat mit Können zu tun, mit Rhythmus und Präzision, aber auch mit der Dosierung der Mittel. Mehr ist halt meist weniger. Und die Kombination mit Schnittkes Musik, die klingt, als habe jemand Tschaikowskys Klavierkonzert durch einen Fleischwolf gedreht, gelingt: Vor den Ohren des Publikums entsteht so etwas wie Schönbergs „Überlebender aus Warschau“ für die Copy-Paste-Moderne.

Gemischtes Programm der Welttournee zum 50-jährigen Jubiläum des Korean Chamber Orchestra

Selbst der Star Malkovich aber füllt das Konzerthaus gerade mal zu einem Drittel – eine leicht verloren wirkende Gesellschaft aus koreanischen Delegationen und Leuten, die aussehen, als besuchten sie einen Avantgardistenkongress. Und das, obwohl das Programm der Welttournee zum 50-jährigen Jubiläum des Korean Chamber Orchestra sehr gemischt ist. Zu Beginn gab es zwei frühe Stücke von Schostakowitsch, deren schrille Marsch-Persiflagen ein bisschen zu verzagt und akkurat klangen – wie eine Transistorradio-Version dieser zwischen Romantik und Dissonanz zerrissenen Musik. Und als Schmankerl dirigierte Ralf Gothóni zum Schluss Schuberts – für dessen Verhältnisse geradezu unbeschwerte – fünfte Symphonie.

Auch hier jedoch besteht die Herausforderung darin, die unter der frühlingshaften Oberfläche lauernden Abgründe auszuloten. Etwa im zweiten Satz, dessen Walzer-Passagen eben kein Wiener Kaffeehaus-Pop sind, sondern der uneinlösbare Wunsch nach Aufgehobensein in der Tradition. Das spielt das Korean Chamber Orchestra zu kapellenhaft herunter, zu verhuscht. Mehr Pathos wäre da nicht schlecht gewesen.

Anders und zu anderer Zeit war auch Astor Piazzolla, der den Tango aus den Kaschemmen und Salons von Buenos Aires in die Konzertsäle geholt hat, bemüht, dem Folkloristischen zu entkommen. Er wollte eine Brücke schlagen zwischen der Kraft des klassischen Tango und der Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Interessante Erfahrung, die Koreanerin Soyoung Yoon seine „Vier Jahreszeiten von Buenos Aires“ spielen zu hören.

Hier wirkt das Orchester erneut ein wenig artig und verhalten. Mit starrem Blick auf die Noten werden Saiten geknallt und mit der Handfläche darüber gefegt. Yoon aber reißt alles raus: Im schulterfreien, pinkfarbenen Paillettenkleid windet sie sich, tanzt auf der Stelle, zupft, kratzt und streichelt ihre Violine mit beinahe diabolischer Anmut. Sie funkelt die Cellisten an, fordert mehr Verve, muss es letztlich allein richten, und schmeißt sich in den nächsten Solopart. Bei einem Tutti-Einsatz im letzten Teil dieser Quasi-Tango-Symphonie sieht es aus, als würden sich Solistin und Orchester voreinander verneigen. Für ein paar Takte zitiert Piazzola sein Vorbild Vivaldi – und Asien, Lateinamerika und Europa sind versöhnt, in der Musik.