Berlin-Konzert

Michelle besingt im Friedrichstadt-Palast ihr Lebenswerk

Die Show von Michelle ist eine Reise durch das Schlageruniversum. Die Sängerin weiß, wovon sie singt. Schließlich hat sie schon fast alles durchlebt, was jemals in einem Song thematisiert wurde.

Foto: picture alliance / Eventpress / Schraps

Den Anfang macht ein Anheizer. Der heißt Mike und er bedeutet dem Publikum, dass es sich bei dem heutigen Michelle-Konzert um keine gewöhnliche Show handelt. Im Gegenteil: Michelles Ultimative Best-Of-Tour wird aufgezeichnet – und alle im Publikum kommen mit auf den Film. Die Gefühle der Menge sind gemischt - nicht jeder träumt von fünf Minuten Ruhm. Aber da man ja doch nichts machen kann, gibt es von Publikum Applaus, Applaus für Michelle, die angeblich schon hinter der Bühne wartet.

Mit 17 begann Michelle professionell zu singen. Kristina Bach (die Frau, die kürzlich Helene Fischers Übersong „Atemlos“ geschrieben hat) hat sie entdeckt, ist sozusagen Urheberin des Erfolgs. Schnell sang sich die zierliche Michelle mit „Und heut’ Nacht will ich tanzen“ in die Höhen des Schlagerzirkus, dahin wo Verkaufszahlen und Einschaltquoten sowohl Interpreten als auch Manager noch schwindelig machen können vor Glück.

Zweiundzwanzig Jahre später kann man Michelle auf der dunklen Bühne des Friedrichstadt-Palastes schon erahnen. Dann geht der Spot an. Im Lichtkegel zeichnet sich die Sängerin auf einer weißen Felldecke ab. Auf ihren Rücken sind Flügel geschnallt, die abfallen, als sie aufsteht, was den Verlauf des Abends noch durcheinanderbringen wird. Michelle steht da, in einem weißen Zweiteiler, der von einem goldenen Reisverschluss durchzogen wird. „Am Ende siegt immer die Liebe“, singt sie und das Publikum klatscht und jubelt, ganz und gar freiwillig und nicht bloß wegen der DVD-Aufzeichnung.

Am Ende reichte der Hundesalon nicht aus

Bei der Sängerin Michelle kann man davon ausgehen, dass sie weiß, wovon sie singt. Schließlich hat sie weiß Gott schon fast alles durchlebt, was jemals in einem Schlager thematisiert worden ist: Erfolg, Glück, Stress, Insolvenz, Liebesaus, bittere Trennungen, schwere Zusammenbrüche. Die Frau scheint mit dem Schlager eine Personalunion eingegangen zu sein. Michelle war bereits blond und brünett, gesträhnt mit frechem Kurzhaarschnitt, verrucht hochtoupiert, ging mit bravem Pferdeschwanz oder wilder Wallemähne. Heute trägt sie kurzes, wild gegeltes aschblond.

Auch beruflich gab es einige Stationen, von der Bühne ging es bis in den Hundesalon. Föhnen, waschen, schneiden, ab und an ein Hundekeks für Fiffi und im Radio trällern zu den Hits. Am Ende reichte es ihr doch nicht. Michelle kann nicht ohne die große Bühne, ihren Abschied hat sie schon oft angekündigt - durchgehalten hat sie die Bühnenabstinenz nie. Zur Freude der Fans, die ihr auch heute Abend die Treue halten und in der Pause bedruckte Tassen und Schlüsselanhänger kaufen.

Und die Show beginnt noch einmal

„Die Ultimative Best-Of-Show“ soweit der Titel des Abends. Im Gegensatz zu den Kolleginnen Berg und Fischer ist Michelle bereits dabei ihr Lebenswerk zu besingen. Dabei enthält die Platte auch sieben neue Songs, geschrieben von Ex-Rosenstolz-Mann Peter Plate. Den Refrain von „Herzschlag“ singen viele im Publikum mit. Das Michelle-Erlebnis ist eine Gala der Gefühle – einmal durch das ganze Schlageruniversum. Im Hotel von St. Germaine besingt sie den Traum der verbotenen Sehnsucht wo die Liebe ewig andauern kann. Sie beichtet, dass sie sich Peter Maffay als Duett-Partner wünscht und qualifiziert sich direkt mit ihrer Version von „So bist Du“.

Vor dem ersten Kostümwechsel kommt Anheizer Mike erneut auf die Bühne. Er verkündet der Sängerin und dem Publikum dass der Eingangsauftritt und ein Publikums-Selfie für die DVD-Aufzeichnung wiederholt werden müssen. Also tut Michelle so als würde sie nochmals das Konzert beginnen, setzt sich auf die Felldecke, singt „Am Ende siegt immer die Liebe“ und dieses Mal halten die Flügel tatsächlich.

Michelles Klassiker ist „Wer Liebe lebt“ – ein Klischee aus Sehnsucht und Liebe, ganz große Gefühle gekrönt von Meter dickem Zuckerguss. Der Text ergibt nicht wirklich einen Sinn, aber den braucht es auch nicht. „Wer Liebe lebt, wird unsterblich sein. Wer liebe lebt, ist niemals allein“. Ja, wenn es doch so einfach wäre. Rauschender Applaus – Michelle verbeugt sich. Nach dem Song knipst sie ihr Lächeln an. Die ultimative Best-Of-Show muss weitergehen.

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