Kirsten Fuchs

"Mädchenmeute" ist kreativ, originell und sehr, sehr witzig

Im Wald, da lauern die Geschichten: Die Schriftstellerin Kirsten Fuchs hat sie in „Mädchenmeute“ aufgeschrieben. Es handelt von einer Gruppe junger Frauen, allein im Wald, die sich zu helfen weiß.

Foto: Reto Klar

Kirsten Fuchs ist lustig. Das ist natürlich ganz schön komisch, schließlich ist sie eine Frau. Und es ist ja allgemein bekannt: Frauen sind nicht lustig. Niemals. Das wissen Männer und auch Frauen.

Frauen kamen nach Kirsten Fuchs' ersten Lesebühnenauftritten auf sie zu und meinten: "Gott sei Dank, du bist lustig. Als wir gehört haben, hier tritt eine Frau auf, wollten wir schon wieder gehen. Wir dachten, du blamierst uns." Und Männer sind auf sie zugekommen und haben sie gefragt, ob sie vielleicht lesbisch sei, und Kirsten Fuchs sagte, nein, das sei sie nicht. Da nickten die Männer und sagten: "Wir haben es! Du hast einen älteren Bruder. Stimmt's?!" All das fand Kirsten Fuchs nicht lustig, aber komisch fand sie es schon.

Kirsten Fuchs ist 37 Jahre alt. Sie hat ein Kind, das ist fünf, und einen Hund. Sie schreibt Bücher und ist Mitglied der Lesebühne in Moabit, Fuchs und Elster, heißt die. In der Arktis, da wo es immer hell ist, war sie auch schon mal, sie sagt, geschlafen hat sie aber trotzdem und 3Sat hat einen Dokumentarfilm darüber gedreht.

In erster Linie ist sie aber Schriftstellerin. Und meistens sind ihre Bücher lustig, wie "Mädchenmeute" zum Beispiel, ihr aktuelles Buch. Es handelt von einer Gruppe junger Frauen, die nach einem missratenen Feriencamp allein im Wald unterwegs sind.

Ein Abenteuerroman im Erzgebirge

Halt, nicht ganz allein, sie haben Hunde dabei, die haben sie geklaut. Sie bleiben auch nicht das Einzige, was sie stibitzen, denn sie sind allein im Wald. Da muss man sich durchschlagen. "Mädchenmeute" ist, und das ist selten, ein Abenteuerroman mit 15-jährigen Mädchen. Im Erzgebirge. Allein. Zaubern können sie nicht.

Spitze Eckzähne haben sie auch nicht, und all das zusammen ist schon ungewöhnlich. Denn wenn man mal googelt: Frauen im Wald, dann findet man vor allem Frauen in Unterwäsche, sich räkelnd im Unterholz, und natürlich Vermisste und Vergewaltigte. (Einen Bericht zum ersten Kettensägenkurs nur für Frauen findet man auch.)

Kirsten Fuchs will zeigen, dass all das Quatsch ist. Denn Frauen sind lustig und können auch mal alleine im Wald sein, ganz ohne vermisst und vergewaltigt zu werden. Sie sagt, als Jugendliche hätte sie so ein Buch wie "Mädchenmeute" gerne gelesen. Aber damals gab es das Buch ja noch nicht.

Lieber Tischlerlehre als Studium

Sie sagt das alles so in einem Ringelshirt und in Jeans. Die langen Haare trägt sie offen. Sie hat auch mal ein Buch über Mode geschrieben. "Zieh dir das mal an", hieß das. Und da ging es zwar um Kleidung, aber um Prada eben nicht, sondern mehr um enge Rhombenpullover. Kirsten Fuchs sagt, sie sei jemand, der eben gerne "macht". Deswegen hat sie einst auch ihr Literaturstudium geschmissen.

Das war ihr alles zu verkopft. In einem Kurs, und der war wohl besonders verkopft, habe die Dozentin die ganze Zeit versucht, das Wort "machen" nicht zu sagen, sondern immer versucht, stärkere, intelligentere Verben zu finden. Kirsten Fuchs fand das alles gar nicht intelligent, sondern ermüdend. Und dann hat sie sich exmatrikuliert.

Sie sagt, sie wollte es konkreter, lauter, dreckiger. Sie ließ sich zur Tischlerin ausbilden. Ihr Gesellenstück war dann ein Schreibtisch, denn sie ahnte schon, für immer wollte sie dann doch nicht Tischlerin sein. Sie schrieb. Dann las sie vor. 2003 gewinnt sie den Open Mike Wettbewerb. Und seitdem, schreibt sie so schöne Sätze wie: "Wenn man schon sein halbes Leben lang an einer leeren Bushaltestelle steht, in einem öden Vorort, dann muss man in den Bus einsteigen, wenn einer kommt. Egal, wo der hinfährt."

"Der Wald will nichts von euch. Ihr wollt was vom Wald"

Charlotte, die Ich-Erzählerin in "Mädchenmeute", kommt aus einem sehr langweiligen Ort. Das Spannendste, was dort mal passiert, ist, dass ein Schuppen zusammenbricht. Kirsten Fuchs sagt, sie kennt das. Sie wurde in Karl-Marx-Stadt geboren, in Berlin-Hellersdorf wuchs sie auf, ein Ganzneubaugebiet war das damals. Weder Stadt noch Land. Die Straßen waren noch nicht befestigt, gespielt hat sie mit Teerplatten und Kieswerk, und während die anderen Kinder in die Stadt wollten, auf ein Rockkonzert, wollte Kirsten Fuchs am liebsten nach Karl-Marx-Stadt zu den Großeltern, denn die hatten einen Garten mitten im Wald.

"Der Wald will nichts von euch. Ihr wollt was vom Wald", müssen die jungen Frauen in Mädchenmeute lernen. Und Kirsten Fuchs wollte viel vom Wald. 2012 war sie dort immer mal wieder unterwegs. Nicht allein, und auch nicht mit Hunden, sondern mit ihrem Vater, der aus dem Erzgebirge stammt. Auf diesen Recherchereisen hat sie dann Schwarzenberg und einen Flaschenwald und Reste vom Bergbau und hohe Wiesen gefunden und all das kommt jetzt in ihrem Roman vor.

"Der Wald wurde ruhig. Der Weg knackte unter den Füßen. Wir sprachen gar nicht mehr. Wir liefen einfach. Wie eine zwingende Bewegung. Wir waren eine Ameisenstraße voller Ameisen, deren Bau geflutet worden war." "Mädchenmeute" lesen ist wie eine zwingende Bewegung, denn es ist auf eine ganz simple Art ziemlich schön. Und klug. Und natürlich auch ziemlich lustig.

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