Film „Unbroken“

Angelina Jolie - Allein unter Männern

Filmstar Angelina Jolie hat in ihrem zweiten Regiefilm „Unbroken“ das unglaubliche Leben des Olympioniken Louis Zamperini verfilmt. Ein aufwühlendes Kriegsdrama mit recht drastischen Szenen.

Foto: © Universal Pictures

Angelina Jolie und Brad Pitt haben Ehekrieg. Nicht im klassischen Sinn, zumindest nicht dass wir wüssten. Aber doch im übertragenen. Zu Neujahr erst startete „Herz aus Stahl“ mit Brad Pitt. Am Donnerstag, nur zwei Wochen später, kommt nun „Unbroken“, der zweite Regiefilm von Angelina Jolie, ins Kino. Beides sind Filme über den Zweiten Weltkrieg mit ziemlich expliziten Gewaltszenen. Beide spielen auch mit klaustrophobischen Momenten: Pitts Film spielt überwiegend in einem engen Panzer, Jolies Film anfangs in einem B-24-Bomber, wo der Held der Geschichte zwischen Pilot, Funker und Heckenschütze durch das schmale Gehäuse hin- und herkrabbeln muss, während das Flugzeug beschossen wird. Klaustrophobisch wird es dann erst recht, wenn die Maschine abgeschossen wird und die einzigen Überlebenden 47 Tage auf offener See im Schlauchboot dahinvegetieren.

Und läuft und läuft und läuft

Aber sonst haben die beiden Filme wenig gemeinsam. „Herz aus Stahl“ bleibt konsequent bei dieser Reduktion und erzählt gerade einen Tag in diesem Panzer inmitten der Gefechte. Jolies Film dagegen ist ein großes, über Jahre angelegtes Epos mit vielen Rückblenden und umfasst gleich mehrere Filme: Kriegsfilm, Katastrophenfilm, Sportfilm, Gefangenenfilm. Vor allem aber ist es ein Biopic, eine Filmbiografie. Denn „Unbroken“ erzählt die unglaubliche, aber wahre Geschichte des US-Olympioniken Louis Zamperini. Die typisch amerikanische Erfolgsgeschichte: Du kannst alles erreichen, du musst es nur wollen. Oder, wie es der Bruder von Louis einmal sagt: „Halte durch, dann kommst du durch.“

Anfangs ist dieser Louis das schwarze Schaf der Familie, das schon als Kind während der Großen Depression raucht und trinkt und stiehlt und ständig vor Polizisten davonlaufen muss. Bis der Bruder genau darin seine Berufung erkennt: im Laufen. Er spornt ihn an, Sportler zu werden. Zamperini läuft und läuft und schafft es damit bis zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, als jüngster Läufer im 500-Meter-Lauf. Aber dann beendet der Krieg diese Karriere. Dann kommen die Gefechte. Kommt das Elend auf offener See, mit Sturm und Haiattacken. Kommt schließlich die Rettung, mit der nur ein anderes Martyrium beginnt: weil sie von Japanern gefunden und so zu Kriegsgefangenen werden.

Aufdringliche Christus-Metapher

Zamperini trifft dieses Los doppelt. Als Olympionik hat er eine gewisse Popularität, die japanischen Offiziere wollen sogar Autogramme von ihm. Nur um ihn danach vor allen anderen nur noch mehr zu demütigen und zu martern. Aber was immer Zamperini passiert, als Läufer hat er gelernt, nicht aufzugeben. Und immer haben wir den Spruch des Bruders im Ohr: Halte durch, dann kommst du durch.

Man muss dieses Credo freilich auch als Zuschauer immer wieder im Geiste vor sich hinsprechen. Denn „Unbroken“ setzt diese Folterszenen explizit und unerträglich lange in Szene. Und sie gipfeln in einer endlosen Sequenz, in der der sadistischste der Japaner Zamperini zwingt, stundenlang mit einem riesigen Balken über den Schultern reglos zu verharren. Da steht und schwankt er denn, wie Christus, der sein Kreuz trägt. Eine Passionsgeschichte also, klar. Aber das hätte man wohl auch ohne diese aufdringliche Metapher verstanden.

Der Film lässt merklich kühl

Angelina Jolie versteht ihr Handwerk als Regisseurin. „Unbroken“ ist in jeder der 137 Minuten Überwältigungskino, mit einem überzeugenden Script, das ihr die Coen-Brüder geschrieben haben, und bestechenden Bildern von Roger Deakins, dem Kameramann der Coens. Sowie mit starken, aber noch nicht so bekannten, ergo unverbrauchten Darstellern: der Brite Jack O’Connell als Zamperini, der japanische Popstar Miyavi als dessen Peiniger. Was man aber überraschenderweise vermisst, ist ein Quantum emotionaler Anteilnahme. Der Film lässt merklich kühl.

Stattdessen kommt immer noch eine und noch eine peinigende, schier unerträgliche Gewaltszene. Solche expliziten Stellen kennen wir auch aus Jolies erstem Regiefilm, „In the Land of Blood and Honey“ über die Gräuel des Bosnienkriegs, der aus der Perspektive gepeinigter Frauen erzählt wurde. „Unbroken“ dagegen ist klassischer Männer-Film, Frau Jolie scheint damit in die Fußstapfen von Kathryn Bigelow zu steigen, noch so eine Frau in typischer Männerdomäne. Aber so sehr wir Angelina Jolie ihr humanitäres Anliegen auch abnehmen, das sie auch als Unicef-Botschafterin immer wieder unter Beweis stellt, irgendwie scheint Gewalt für sie auch ein Faszinosum zu sein. Aus diesem Widerspruch kommt ihr Film nicht heraus. Das teilt er übrigens auch mit dem Kriegsdrama ihres Mannes, das ebenso abschrecken will, wobei die brutalen Szenen aber doch zum Selbstzweck verkommen.

Vergebung und Versöhnung

Frau Jolie hätte noch eine andere, nicht weniger spannende Geschichte erzählen können. Wie dieser Louis Zamperini sich nach dem Krieg vorgenommen hat, sich für Vergebung und Versöhnung einzusetzen. Wie er sich mit seinen früheren Peinigern ausgetauscht hat. Und wie er sich sehr spät noch einen großen Traum erfüllt hat: an einem japanischen Olympia, 1998 in Nagano, teilzunehmen, als Fackelläufer, mit 81 Jahren.

Zamperini, 1917 geboren, ist erst im vergangenen Jahr, kurz nach Fertigstellung der Dreharbeiten, hochbetagt gestorben. Angelina Jolie hat sich von ihm beraten lassen. Aber diese zweite, nicht minder interessante und bewegende Geschichte Zamperinis, sie wird nur im Abspann kurz angerissen. Das wäre ein anderer Film geworden. So ist „Unbroken“ zwar ein solides Epos geworden, aber nur eines, das einmal mehr den amerikanischen Traum als Glaubensbekenntnis zelebriert.

Foto: David James / AP