Berlin-Konzert

Wie Veronika Fischer in Berlin ihre Fans beschenkte

Das schönste Weihnachtsgeschenk ließen sich Fans von Veronika Fischer nachträglich in der Berliner Passionskirche machen. Song für Song sorgte die Sängerin für einen intimen Abend.

Foto: pa/Geisler-Fotop/Geisler-Fotopress

Der bunt geschmückte Baum stand noch auf der Bühne und daneben verbreitete Veronika Fischer eine Atmospähre so herzerwärmend wie am Heiligabend, so knisternd wie bei der Bescherung. Die seeligen Blicke des Publikums standen leuchtenden Kinderaugen dann auch in nichts nach.

Fischer verschenkte das Wertvollste, was sie hat - sich selbst. Song für Song, Anekdote um Anekdote entblätterte sie ihr Seelenleben, in einer sorgfältige geplanten Dramaturgie, die mit träumerischen Glissandi auf dem Flügel begann und mit einem ihrer größten Hits „Dass ich eine Schneeflocke wär“ endete, der wie viele ihrer Wintersongs auch noch bestens zu den weißen Straßen vor den Kirchentoren passte.

Über 400 Lieder hat Veronika Fischer in ihrer Jahrzehnte währenden Bühnenkarriere gesammelt. So ausgewogen, wie sie daraus ein Konzertprogramm zusammenstellt, könnte kein Kramen in der CD-Sammlung enden. Die meisten Stücke handeln von der Liebe, sagt sie, ihr „Klavier im Fluss“ allerdings, das sie zu Beginn des Konzertes spielt und das mit einer an Schuberts „Forelle“ angelehnten Improvisation des Pianisten beginnt, war von einem schrecklich kaltfeuchten Proberaum inspiriert, in dem sie 1974 noch üben musste. So ging es los für sie damals in der DDR, sieben Jahre später verließ sie das Land in Richtung Westberlin.

Veronika Fischer musste sich „neue Gesichter malen“

Mehr als einmal musste Fischer sich ganz neu orientieren, sich „neue Gesichter malen“, wie es in dem Song „Ein bisschen Make Up“ heißt. Fast zum Reggae gerät er der Band, beschwingt und leicht. Überhaupt die Band. Sie hat einmal mit einem Trio konzertieren wollen, verrät Fischer, und die Auswahl der Musiker ist ihr aufs Trefflichste gelungen.

Stefan Henning an der Gitarre, Torsten Harder am Cello und Andreas Gundlach am Flügel nuancieren mit großer Könnerschaft und erschließen mit dieser Instrumentenkombination kunstfertig Klangräume, in denen man die Gänsehaut schlicht bekommen muss. Die musikalische Vielschichtigkeit reicht dabei von an Progressive Rock erinnernden Klaviersoli wie beim Intro zu einem Panta Rhei Song aus alten Tagen über elektronisches Gekreische bis hin zu einer verhallten Celloimprovisation, die in dem Gotteshaus klingt wie der ausgeklügelte Soundtrack zu einem Weltraumabenteuer.

Nach dem dritten Song schon setzt sich Fischer in einen roten Sessel und liest eine Passage aus ihren Memoiren „Das Lügenlied vom Glück“ vor. Sie wählt die Geschichte, wie sie noch während des Musikstudiums in Dresden mit ihrer ersten Band von der ostdeutschen Defa Angebote bekam, bei Filmen mitzuwirken und für erste Aufnahmen im Kreise eines großen Teams eine Reise nach Eriwan unternahm, 8000 Kilometer im Wartburg Richtung Kaukasus.

Die Atmosphäre wird sofort persönlich, vertraut, wenn Fischer ihre Erlebnisse vorträgt. Weit später am Abend liest sie noch einmal etwas, diesmal eine richtiggehende Weihnachtsgeschichte: Wie sie 1989 zum ersten Mal seit Jahren mit ihrer Großfamilie wieder im heimatlichen Thüringen feiern konnte. Die Glücksgefühle dieses Jahres hat sie in „Herbstwind“ verarbeitet. Ein Song zum Mauerfall, doch kein Hurra-Ballade, ein Fischer-typischer Song, zurückhaltend melancholisch, klug, beseelt.

Einmal setzt sie sich sogar selbst ans Klavier und singt begleitet von Gundlach am Akkordeon die melancholische Ballade von einer Frau, die glaubt, ihr Glück nur am anderen Ende des großen Ozeans finden zu können. Sehnsucht, Fernweh, Suche nach Glück und die Frage was das eigentlich sein soll – das sind Fischers große Themen und sie behandelt sie jetzt noch einmal mit einem Hit nach dem anderen: „Auf der Wiese“, „Hans im Glück“, „In jener Nacht“ als ein herrliches Duett mit dem Pianisten und schließlich die „Schneeflocke“. Drei Zugaben immerhin gibt es obendrauf - dann ist Weihnachten leider endgültig vorbei.