Berlin-Konzert

Schluss mit Talken - Reinhold Beckmann ist jetzt Liedermacher

Reinhold Beckmann, der Allrounder des deutschen Fernsehens, hat seine Talkshow in der ARD geschmissen und macht jetzt auf Liedermacher. Und das macht er im Berliner Admiralspalast gar nicht so schlecht.

Foto: Isabel Schiffler dpa / picture alliance / Jazzarchiv

„Hallo Berlin“, ruft Reinhold Beckmann ins Mikrofon, und erklärt im nächsten Atemzug, er habe lange überlegt, wie er diese zwei Worte betonen solle, damit sie richtig rüberkommen. Und wo er schon mal am Reden ist, muss er es gleich noch länger tun, denn plötzlich ist auf der Bühne der Strom weg. Nur sein Mikro funktioniert noch. Man möchte einen Trick der Technik vermuten, damit Beckmann etwas länger tun darf, was er so gut kann und wofür ihn die Menschen mögen. Dabei ist er doch gekommen, um zu singen.

Dieser Stromausfall aber gibt auch uns Zeit, schnell zwei Grundfragen in den Raum zu werfen. Was machen eigentlich Fernsehmoderatoren, wenn sie aufhören zu moderieren? Sportler werden Trainer, klar, oder Moderatoren. Aber Moderatoren? Zweitens: Warum gibt es eigentlich Dinge, die alle Welt zu können glaubt – Fotos machen zum Beispiel, über Fußball reden oder in Bands singen?

Aber Moment, so schlimm ist es gar nicht. Es ist nur so: Reinhold Beckmann, der Vorzeige-Sympath und Allrounder des deutschen Fernsehens, hat im Herbst seine Talkshow in der ARD geschmissen und macht jetzt in Rock'n'Roll. Oder eher in Singer-Songwriter, altdeutsch: Liedermacher. Und das macht er – fast hat man es geahnt – die meiste Zeit über gar nicht so schlecht.

Zwischen Kusel und Berlin

Sogar ein Album ist erschienen, „Bei allem sowieso vielleicht“, und wie es sich gehört, folgt darauf eine Tour. Die tingelt recht unprätentiös durch Städte wie Niederhausen, Kusel, Freudenburg und Neuruppin. Und machte am Montag in Berlin Station, im Studio des Admiralspalasts, einem Ort, der für Beckmanns Dimensionen vermutlich als intim durchgeht. Vier Stockwerke hoch muss man kraxeln. Das kleine Heineken kostet dann auch vier Euro.

Eine Gruppe Kita-Erzieherinnen besetzt geschlossen Sitzreihe 9. Dahinter unterhalten sich zwei Herren über Zylinderköpfe. In Reihe 8 hockt ein rotgesichtiger Herr in einem asymmetrisch gemusterten 90er-Jahre-Pulli. Weiter rechts drei junge Damen mit modischen Kurzhaarfrisuren, die im Übrigen fast den selben Pulli tragen. Beckmann hingegen steckt im dunklen Jackett, einem offenen schwarzen Hemd und Jeans. Wie ein angegrauter Rocker mit einem guten Stilcoach sieht er aus. Auf der nicht zu großen Bühne liegt ein Perser-Teppich, wie man ihn in nahezu jedem Band-Proberaum der Welt findet. Der suggeriert Bodenständigkeit, Direktheit, Ehrlichkeit.

Beckmann als Quereinsteiger

Und, falls Sie bis hierhin nicht bereits geplatzt sind vor Wissensdurst: Ja, Beckmann kann singen. Er kann sogar Gitarre spielen. Und man merkt ihm auch an, dass er nicht erst seit gestern Musik macht, schon zu Schulzeiten eine Band hatte. Man merkt aber auch, dass er das eher nebenberuflich tut, oder gemein gesagt: als Hobby. Hin und wieder vollführt er unbeholfene, einstudiert wirkende Rockergesten, wiegt sich behäbig beim Klampfen in den Knien oder bringt den berühmten Songabschluss-Sprung mit erhobenem Schellenring. Man merkt in jedem Moment, dass er sich als Moderator wohler fühlt. Genau das aber macht wiederum den Musiker Beckmann sympathisch: Er weiß, er ist kein Original, sondern ein Quereinsteiger. Das entkrampft diesen Abend erheblich.

Die besten Lieder sind dann auch die harmlosen, in denen sich in Rollengedichten à la Heine über „Society-Vampire“, politische „Gangster und Zocker“, Smalltalker oder „globale Dilettanten“ aufgeregt wird. Kostprobe: „Kann deine goldene Nase noch riechen was zum Himmel stinkt?“. Selbst mit sentimental abgefederten Geschmacklosigkeiten wie einer Hymne auf das „verrückte Huhn“ Merle, deren Achselhaare „der Wind frisiert hat“ macht Beckmann nicht wirklich viel falsch. Er rettet es mit seinem Charme und einer Geschichte über die Jugendliebe und ihren „BH von C&A“.

Der Tod überfordert den Hobby-Rocker

Was er wirklich falsch macht sind Lieder über die ernsten Themen. Zum Beispiel über den Vater aller ernsten Themen, den Tod. Wenn er da für das langsame Verstummen eines Freunds das Bild findet, er sei „verirrt im Tunnel seiner Seele“ während „die Stille schreiend lacht“, dann sind die Grenzen des Songwriters Beckmann doch deutlich überschritten. Vergleichbares haben, sagen wir, Herman van Veen, Reinhard Mey oder Ulla Meinecke mal besser gekonnt. Vom großen Jacques Brel ganz zu schweigen, der irgendwo im Hintergrund als Ideal herumlümmelt.

Der Trick der Beckmann-Band aber ist, dass der Moderator Beckmann den Sänger Beckmann - immer wenn es peinlich zu werden droht - ironisch kommentiert. Und der Moderator hat ein gutes Gespür für die Schwächen des Sängers. Außerdem weiß er natürlich, wie man mit einem Publikum umgeht. Vom „Sie“ übers „Ihr“ zu „meine Lieben“ geht das ganz fix. Und es funktioniert, man fühlt sich persönlich umfangen von dieser Freundlichkeit. Das aber ist das Können eines Fernsehfuzzis, nicht das eines Songwriters. Schade eigentlich, denn die meisten Song-Zutaten stimmen: Beckmanns Understatement, seine unpathetische Stimme, sentimentale sowie aktuelle Themen, Witz und Ernst. Eine Prise Satire hier, eine Messerspitze Utopie da.

Gut gemachte Konzert-Simulation

Bei aller angenehmen Unfertigkeit bleibt letztlich aber doch ein schales Gefühl, als hätte man bloß die gut gemachte Simulation eines Konzerts erlebt. Da hilft es wenig, dass Beckmann als Zugabe seinen Mini-Hit „Bremen“ zum zweiten Mal spielt, damit das Publikum nicht nur mitschunkeln, sondern nun auch mitsingen kann.

Vielleicht ist das der tief sitzende Haken an einem singenden, textenden Moderator: dass er von Berufs wegen partout verstanden werden will. Das produziert aber, um noch einen kleinen Grundsatz hinterher zu schießen, keine Kunst, sondern nur Sachen zum Wohlfühlen, bei denen alle glauben, mitreden zu können. Und am Ende geschlossen aufstehen und im Takt klatschen. Wie im Fernsehen.