Berliner Kultur

Durchbruch für Sammlung Pietzsch - Museum der Moderne kommt

Das Bangen um die Schenkung des Berliner Sammler-Ehepaars Pietzsch hat ein Ende. Der Bund macht mit 200 Millionen Euro den Weg frei für den Neubau des Museums der Moderne.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Das Museum der Moderne war eine Herzensangelegenheit von Monika Grütters. Als sie von Bernd Neumann das Amt des Kulturstaatsministers übernahm, hat sie sich in dieser Frage klar positioniert. Zwischenzeitlich sah es allerdings so aus, dass dieses Projekt aus finanziellen Gründen scheitern könnte, weil der Bundesfinanzminister bei den Haushaltsberatungen Ausgabendisziplin einforderte. Offenbar aber hat Monika Grütters (CDU) in den vergangenen Monaten Überzeugungsarbeit geleistet, nicht nur bei Schäuble, sondern auch bei den Parlamentariern.

Am Donnerstag beschloss der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages, 200 Millionen Euro für einen Neubau bereitzustellen, in den die bedeutenden Sammlungen Pietzsch, Marx und Marzona untergebracht werden sollen, wie Rüdiger Kruse (CDU), Hauptberichterstatter für Kultur & Medien im Haushaltsausschuss, und Johannes Kahrs (SPD), der haushaltspolitische Sprecher, gemeinsam mitteilten. Mit dem Beschluss sei "nun das Bangen um die angebotene, aber keineswegs sichere, großzügige Schenkung durch das Berliner Sammlerehepaar Pietzsch beendet".

Die Moderne liegt im Depot

Der Erfolg von Monika Grütters ist nur dann richtig wertzuschätzen, wenn man sich an das jahrzehntelange Ringen um einen Platz für moderne Kunst erinnert. Zwar hat Berlin mit der Neuen Nationalgalerie eine architektonische Ikone des 20. Jahrhunderts und damit einen passenden Raum für die Moderne, aber das Gebäude ist viel zu klein. Größere Teile der Sammlung schlummern im Depot. Hamburg, Köln, Frankfurt und München hingegen verfügen über mehr Fläche für die Kunst des 20. Jahrhunderts, in Berlin überspielte man diese Leerstelle mit Verlegenheitslösungen wie dem Hamburger Bahnhof oder Debatten, wie die über die Kunsthalle.

Zudem setzt Monika Grütters auch noch städtebauliche Akzente. Anders als von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im vergangenen Jahr aus Kostengründen favorisiert, soll der Neubau nicht hinter der Neuen Nationalgalerie versteckt werden, sondern an der Potsdamer Straße entstehen und das wenig einladende Kulturforum damit attraktiver machen.

14.000 Quadratmeter Fläche sind für das Ausstellungsgebäude vorgesehen. Natürlich muss Berlin mitspielen, ein Grundstück zur Verfügung stellen und das nötige Baurecht schaffen. Aber auch in diesem Punkt hat die Kulturstaatsministerin vorgearbeitet. Bereits im September hat sie sich mit Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD), dem künftigen Regierenden Bürgermeister, darüber ausgetauscht und entsprechende Signale bekommen. Grütters, die den "Sammlern unendlich dankbar ist", dass sie ihre Werke Berlin überlassen, wertet die Entscheidung der Haushälter als "klares Bekenntnis zur Kultur in der Hauptstadt". Das Verhältnis zwischen Bund und Land ist ja nicht immer unkompliziert, Abgeordnete aus anderen Bundesländern sehen den Geldtransfer nach Berlin kritisch.

Wenn alles gut geht, dann könnte der Neubau schneller realisiert werden als in der Variantenuntersuchung des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR). Das BBR ging im vergangenen Jahr bei einem Projektstart 2014 von einer Fertigstellung in den Jahren 2022 bis 2025 aus – je nach realisierter Variante. Jetzt soll das Projekt nicht mit dem BBR umgesetzt werden, sondern als ÖPP-Projekt. Die ÖPP-Deutschland AG ist eine Ausgründung des Finanzministeriums, sie berät den Bund beispielsweise bei Fragen öffentlich-privater Partnerschaften. 2015 könnte bereits europaweit ein entsprechender Wettbewerb für das Museum ausgeschrieben werden, um 2020 könnte dann der Neubau stehen, das ist das ehrgeizige Ziel.

Ein Zeichen – auch für Ulla und Heiner Pietzsch. "Wir halten uns bis Ende des Jahres an unsere Zusage bezüglich der Schenkung", hatte das Sammlerehepaar im vergangenen Monat gegenüber der Berliner Morgenpost gesagt und damit dem Land eine letzte Frist eingeräumt. Klar, dass beide am Donnerstag glücklich waren: "Unser sehnlichster Wunsch geht in Erfüllung. Wir haben davon geträumt und wir waren so verrückt, daran zu glauben. Nun hat die Politik die richtigen Weichen gestellt." Und Erich Marx sagte: "Meine Sammlung in einem Haus neben Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie – diese greifbare Zukunft beglückt mich sehr. Nun entsteht mit dem Museum an der Potsdamer Straße eine wahrhaft dauerhafte Bleibe für die Sammlung Marx." Vergessen alle Dispute der Vergangenheit, beispielsweise der Verkauf einzelner Werke aus der Sammlung. Egidio Marzona sagte: "Diese erfreuliche Nachricht ist ein weiterer Beweis dafür, dass meine Sammlung bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in guten Händen ist. Ich werde das in meine weiteren Überlegungen miteinbeziehen."

Kleine Indiskretionen

Tim Renner (SPD), Berlins Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten, reihte sich unter die Danksager ein, weniger euphorisch als die Sammler, dafür mit einem eingeflochtenen Berlin-Lob: "Die Sammlungen Pietzsch, Marx und Marzona stellen eine wunderbare Ergänzung für unsere exzellente Museumslandschaft dar. Berlin ist den Haushältern des Bundes dankbar."

Natürlich fehlt noch einer. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK). Hermann Parzinger hatte kürzlich mit einem Interview die Kulturstaatsministerin verärgert. Parzinger hatte davon gesprochen, dass Grütters verschiedene Finanzierungsmodelle für das Museum der Moderne prüfe und einige Details verraten. Grütters selbst verhandelte aber gerade darüber, es stand offenbar sogar ein Abbruch der Gespräche im Raum, an denen Parzinger zwar nicht teilgenommen hatte, über deren Verlauf er aber als einer der Protagonisten informiert war.

Es scheint, dass die Stiftung bei dem Thema ein Haus für die Kunst des 20. Jahrhunderts kein glückliches Händchen hat. Als Grütters' Vorgänger Bernd Neumann 2012 zehn Millionen Euro im Rahmen eines Nachtragshaushaltes organisiert hatte, um Varianten zu prüfen, entbrannte eine der heftigsten kulturpolitischen Debatten der vergangenen Jahrzehnte über den von der Stiftung ins Gespräch gebrachten Umzug der Alten Meister aus der Gemäldegalerie auf die Museumsinsel. Kritiker befürchteten, dass die Alten Meister jahrlang im Depot verschwinden würden. Neumann, der Berlin Gutes tun wollte, stand plötzlich ziemlich blöd da. Er revanchierte sich dann mit einer kleinen Indiskretion.

Am Donnerstag war Parzinger richtiggehend euphorisch. Er sprach von einem "Geschenk", dankte explizit den "Haushältern des Deutschen Bundestages und dem Bundesfinanzminister" und lobte Monika Grütters, die zugleich Vorsitzende des Stiftungsrates der SPK ist, für ihren "enormen Einsatz": Der Staatsministerin sei "ein fulminanter Akt mit großer Zukunftswirkung gelungen. Es ist auf wunderbare Weise geglückt, spektakuläre Sammlungen für Berlin zu sichern. Mit dieser wichtigen Entscheidung wird nicht nur ein Neubau errichtet, der seit drei Jahrzehnten schmerzlich vermisst wird, es geht auch um eine Perspektive für das Kulturforum als ,Museumsinsel der Moderne'."

Foto: Amin Akhtar / Amin Akhtar/VG Bild-Kunst, Bonn 2014

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