Theater

Anika Mauer ist Berlins beliebteste Schauspielerin

Das Publikum hat entschieden: Die Schauspielerin wird mit dem Goldenen Vorhang ausgezeichnet. Bei der Abstimmung des Berliner Theaterclubs liegt sie deutlich vor Dagmar Manzel, Anna Thalbach und Nina Hoss.

Foto: Amin Akhtar

Sie hat es jetzt schwarz auf weiß: Anika Mauer ist die beliebteste Schauspielerin der Theatersaison 2013/14. Bei der Publikumsabstimmung des Berliner Theaterclubs bekommt sie 1817 Stimmen und setzt sich damit gegen Anna Thalbach, Dagmar Manzel, Nina Hoss und andere durch. Bei den Männern hat Walther Plathe gewonnen, ihm folgen Dieter Hallervorden, Oliver Mommsen und Ulrich Matthes. Überreicht wird der Goldene Vorhang, der seit 1976 von der Besucherorganisation verliehen wird, am 8. November im Rahmen des Theaterballs am Palais am Funkturm.

Für Anika Mauer wird das ein „sportlicher Abend“. Denn vorher steht sie in Hamburg auf der Bühne, nach der Vorstellung wird sie per Taxi nach Berlin zur Preisverleihung gefahren. So wie im vergangenen Jahr. Da hat sie die Laudatio auf ihren Kollegen Boris Aljinovic gehalten – und hatte vorher einen Theaterauftritt. Sie selbst hat die Auszeichnung auch schon erhalten. 2010 bekam das siebenköpfige Ensemble den Preis für „Ewig jung“ – Erik Gedeon hatte sein Songdrama am Renaissance-Theater inszeniert.

Das Publikum singt mit

Dort in der Garderobe treffen wir Anika Mauer zum Gespräch. Sie hat drei Kinder im Alter von fünf, sieben und neun Jahren, wohnt im Grünen Südosten der Stadt, geht häufiger auf Gastspielreisen und muss entsprechend umsichtig ihre Termine legen. Eine Stunde sitzt sie in der Maske, für die Aufführung muss sie so um die 50 Jahre altern. „Ewig Jung“ steht an diesem Montag auf dem Spielplan, die Vorstellung ist ausverkauft, die Stimmung im Zuschauerraum ausgelassen, es wird mitgeklatscht und zum Schluss singt das Publikum „We shall overcome“ mit.

Der Liederabend ist ein Renner. In „Ewig jung“ geht es um eine Gruppe Senioren, allesamt frühere Schauspieler des Renaissance-Theaters, die sich trotz kleiner und größerer Wehwehchen nicht mit dem verordneten Unterhaltungsprogramm abfinden wollen und lieber selber rocken, wenn die betreuende Schwester Angelika nicht im Raum ist. Gespielt wird die von Angelika Milster, die gerade nebenan ihre Garderobe betritt. „Ich sag’ mal rasch Guten Tag“, sagt Anika Mauer.

Diesmal braucht sie sich den Preis nicht zu teilen, auch wenn sie damit überhaupt kein Problem hätte. Sie bekommt ihn allein, nicht für eine Arbeit, sondern ihre „wundervollen Darstellungen“, so formulierte es der Theaterclub, in den Inszenierungen „Venus im Pelz“, „Ich weiß nicht, zu wem ich gehörte“, „Der ideale Mann“ und dem Pendantstück „Die ideale Frau“. Dass sie jetzt einen Publikumspreis bekommt, freut sie sehr. Denn es zeigt, dass ihr Spiel die Menschen berührt, dass „die sich angesprochen fühlen“.

Lob in der Garderobe

Die Berliner Morgenpost schrieb bei der „Frau“-Premiere über ihren Auftritt: „Ihre feine Ironie kann sie hier in allen Nuancen ausspielen, ihre verletzliche Kraft, ihre Kunst, Gefühlsäußerungen genauestens zu dosieren. Seit Jahren schon ist sie der größte Trumpf des Renaissance-Theaters, diese Rolle ein würdiger Dank für ihren Dauereinsatz.“ Ein klein bisschen verlegen reagiert sie auf das vorgelesene Lob in der Garderobe. Sie redet schnell, berlinert gern und lacht viel. Auch über sich selbst.

Das Renaissance-Theater ist für Anika Mauer seit ein paar Jahren die künstlerische Heimat. Zwar kann sich das Haus kein festes Ensemble leisten, was die Schauspielerin bedauert, aber Intendant Horst-H. Filohn legt Wert auf Kontinuität und arbeitet zumindest mit einem festen Kreis von Schauspielern zusammen.

Geboren wird Anika Mauer 1974 in Bernau, in Berlin geht sie zur Schule. Sie spielt als Kind in zwei Defa-Filmen mit, in „,Morgen kommt der Weihnachtsmann‘ war ich ’ne ganz böse Göre“, da hat sie selbigen „aus dem Himmel geschmissen“. Sie würde den Film gern mal wieder sehen, als sie kürzlich beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) eingeladen war, hatte sie gehofft, dass der Sender jemand ins Archiv schicken würden. „Hamse aber nicht“, erzählt sie ein bisschen enttäuscht.

Langhoff holt sie ans Deutsche Theater

Mit 21 Jahren wird sie an der „Ernst-Busch“-Hochschule für Schauspielkunst genommen, sie gehört einem „Riesenjahrgang“ an, wie sich später herausstellte: Kommilitonen waren Lars Eidinger, Fritzi Haberlandt, Mark Waschke und Nina Hoss. Anika Mauer studiert noch, als ihr ein Engagement am Bremer Theater angeboten wird. Intendant Thomas Langhoff holt sie zurück nach Berlin ans Deutsche Theater, wurde dann aber selbst abgelöst.

Anika Mauer bleibt bis 2005, danach arbeitet sie freiberuflich, dreht Filme, macht Fernsehen und einen kurzen Ausflug in die Welt des Musicals. Sie spielt in der Uraufführung „Hinterm Horizont“ am Potsdamer Platz die Jessy im Berlin der Nachwendezeit. Zu Mauerzeiten war sie ein FDJ-Mädchen – und hatte eine Liaison mit dem West-Rockstar Udo Lindenberg.

„Geträllert“ hat sie schon immer gern. In der Band Mathilda um den Texter und Komponisten Florian Bald wird sie Sängerin, aber weil sie „bei jedem Album ein Kind bekommt, haben die mich rausgeschmissen.“ Sie ist da verständnisvoll. „Die haben jetzt selbst Kinder und können nachvollziehen, wie das ist.“

Anika Mauer ist jetzt mächtig gealtert, die Maskenbildnerin betrachtet ihr Werk. „Tja, wer keine Falten hat, muss eben länger geschminkt werden“, sagt sie lachend. Gleich beginnt die Vorstellung. Eine letzte Frage zum Mauerfall. Den hat sie als 15-Jährige auf einer Klassenfahrt erlebt, beziehungsweise „im Radio davon gehört“. Damit endete auch eine Phase des Spotts. „Die Mauer muss weg“ war ein beliebter Spruch ihrer Mitschüler.

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