Konzert in Berlin

Sondre Lerche gibt im Berghain den Leonardo DiCaprio

In der Kantine am Berghain macht der norwegische Sänger Gitarrenmusik zum Schmunzeln, Schunkeln und Tanzen - und erzählt, wie er seine Lieder in den großen Zeiten von Britney Spears geschrieben hat.

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Sondre Lerche, das ist so ein jungenhafter Schlaks. Weißes Hemd, dunkelblonde Haare, Pottschnitt. An diesem Abend in der Kantine am Berghain sieht er aus wie Leonardo DiCaprio in „Titanic“. Genauer, wie Leonardo DiCaprio auf der Party der dritten Klasse unter Deck der Titanic.

Schweißtreibender Tanz auf dem Tisch, Bier – Sondre Lerche wirkt, als wäre er geradewegs aus dieser Szene gefallen. Das Publikum ist seine Kate Winslet. Erst klatscht es verhalten, dann vergisst es seine steife Kinderstube und hüpft und stampft und wackelt zu der Energie, die Lerche und seine zwei Musiker – ein Schlagzeuger, ein weiterer Gitarrist – auf der Bühne erzeugen.

Der Sänger freut sich. Er ist nicht der König der Welt, aber er ist Musiker. Wie fantastisch sei das bitte, fragt er das Publikum, dass er seit fast 20 Jahren sein Leben in seiner Musik verarbeiten könne, damit auf Bühnen gehen könne und auch noch gemocht würde? Das Leben als Musiker sei schon gut, sagt er, und ja, das stimme auch dann, wenn das Leben an sich doch manchmal rätselhaft sei, so wie ein David-Lynch-Film etwa. Sein Publikum lacht. Er lacht. Erwachsen sein, sagt er dann, bedeute für ihn, sich manche Fragen nicht mehr zu stellen, einfach, weil man weiß, dass man die Antworten ohnehin nicht findet.

Gitarrenmusik zum Schmunzeln, Schunkeln und Tanzen

Sondre Lerche ist jetzt 32 Jahre alt. Er kommt aus Bergen in Norwegen, er ist Gitarrist und Singer und Songwriter und Preisträger des Spellermannprisen, des norwegischen Grammys. Seine Musik, das ist Gitarrenmusik, zu der man entweder schmunzeln, schunkeln oder auch richtig tanzen kann. Gerade hat er sein siebtes Studioalbum veröffentlicht. „Please“ heißt es. Das Cover hängt aufgedruckt auf einem Tuch hinter ihm. Öl auf Leinwand. Ein goldener Herbst, ein dandyhafter Künstler nutzt eine blasse, eine tote Frau als Staffelei, sie sind umgeben von Bäumen, die Vögel fliegen, der Himmel ist blau.

Es ist ein Gemälde des norwegischen Künstlers Lars Elling. „Please“, das ist Lerches verflixtes siebtes Album, sein Scheidungsalbum. Von 2005 bis 2013 war er mit der Regisseurin Mona Fastvold verheiratet. Ihre Trennung ist jetzt vertont. „Bad Law“ heißt der Hit von „Please“, ein Radiosong, so easy listening und doch ein Scheidungssong. „Baby it's a bad law, bad law, Geronimo.“ Lerche singt vom Kampf und davon, wie er ihn und seine Frau verlor. Die Paare in der Kantine hüpfen dazu auf und ab, mitunter werden sie auch possierlich miteinander. Es ist schon so, wie Lerche sagt, manchmal ist das Leben rätselhaft, aber das Tanzen zur Scheidung, das hat er so gewollt.

Denn das Leben geht ja immer weiter, und dann ist es ja auch wichtig, dass man das Negative, das Schmerzliche wegtanzen kann, so hat er das mal in einem Interview gesagt. Auf der Bühne sagt er etwas anderes. Seine Lieder zu spielen, das sei wie sein Leben durchzublättern. „You Know Me So Well“, von seinem Debütalbum „Faces Down“ (2002) etwa, sei ein Lied über unerwiderte Liebe. Er sagt, er weiß noch genau, wann er es geschrieben hat. 1999. Nachdem Britney Spears „Baby One More Time“ sang und kurz bevor sie „Oops I did It Again“ rausgebrachte. Geht es präziser? Okay, sagt er, „You Know Me So Well“, das habe er geschrieben, kurz bevor Eiffel 65s „Blue (Da Be Dee)“ herauskam. Das Publikum lacht. Und er singt. Und wie er das macht.

Wie ein Straßenmusiker

Er spielt nicht nur Musik, die Musik spielt auch ihn. Wie eine Klappmaulpuppe hat sie ihn in der Hand. Sperrt ihm den Mund auf, lässt ihn schreien, und zu jedem Beckenschlag lässt sie ihn mit dem Kopf zucken. Wann immer seine Rechte nicht an den Saiten ist, hebt die Musik sie zur Seite hoch. Wie an Stäben, zackig in den Luft geschnellt. „My Hands are shaking“ heißt ein weiterer Trennungssong. Lerche singt ihn ganz alleine. Gitarrist und Schlagzuger schickt er von der Bühne. Und auch das Mikrofon lässt er stehen. Wie ein Straßenmusiker geht er vor seinem Publikum auf und ab und singt vom gebrochenen Herzen, nein, besser eigentlich, von Lippen, die bluten vom Abschiedskuss.

Nach jedem Lied springt Lerche, wie ein Springteufel aus der Box, aus der Musik hervor. Da ist er wieder, der Schlaks. „Danke, Danke“, sagt er und „Thank You“ und irgendwann auch „Auf Wiedersehen“. Lerches Leben geht weiter. Fortsetzung folgt also.

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