Klassik-Konzert

Schneekönigin Bartoli bringt „St. Petersburg“ nach Berlin

Opernsängerin Cecilia Bartoli ist mehrfach nach Russland gereist, um Werke einer vergessenen russischen Musikepoche auszugraben. Jetzt stellt sie im Konzerthaus ihr Programm „St. Petersburg“ vor.

Foto: Decca/Uli Weber

Das Konzerthaus ist zum Bersten voll, denn es gibt wirklich etwas Besonderes zu hören, und auch ein bisschen etwas Exklusives. Mit Wohlwollen hat sicherlich so mancher Berliner Gesangsfan zur Kenntnis genommen, dass sich die Sopranistin Cecilia Bartoli mit ihrem neuen Programm „St. Petersburg“ zum zaghaften Ausprobieren gleich mutig unter die Augen und Ohren eines möglichst großen Publikums am Gendarmenmarkt begibt.

Cecilia Bartoli ist mehrfach nach Russland gereist, um Werke einer vergessenen russischen Opernepoche auszugraben: des barocken 18. Jahrhunderts, lange Zeit vor der Gründung einer nationalen „russischen Schule“ mit Glinka, Borodin und schließlich Tschaikowski. Sich nicht im sprichwörtlichen Labyrinth der russischen Bürokratie zu verlieren und tatsächlich in die Herzen der entscheidenden Bibliotheken mit ihren alten Notenarchiven in St. Petersburg vorzustoßen, dafür brauchte die Römerin die Unterstützung eines mächtigen russischen Musikerkollegen, des St.-Petersburger Mariinski-Theaterchefs Valery Gergiev. Es hat funktioniert: Am Mittwoch konnte Bartoli erstmals ihre russischen Schätze auf ein Konzertpodium hieven, tatkräftig unterstützt von dem Barockorchester I Barocchisti.

Wer nun einen speziellen Klang der Musik der mächtigen Nachfolgerinnen Peters des Großen – die Kaiserinnen Anna Iwanowna, Elisabeth und Katharina die Große – am russischen Hof erwartet, der erwartet das Falsche. Größtenteils waren die Schöpfer von Opern für den Zarenhof Gäste mit Importware; italienische Komponisten, die in ihrer Heimat bereits einen großen Ruf hatten, darunter Nicola Porpora und Francesco Araja. Gerade diese beiden lieferten keine zweitklassige, aber doch typische Exportmusik aus dem Geburtsland der Oper: Ouvertüren und Arien, die oft auffallend einfache musikalische Charaktere umso effektvoller gegeneinanderstellen.

Ausnahmen indes bestätigen die Regel: Nachdem I Barocchisti unter dem vorzüglichen Diego Fasolis den Abend mit einer Ouvertüre von Hermann Raupach – komponierendes deutschstämmiges Mitglied der Kapelle am Hof der Zarin – eingeleitet haben, ist eine Arie aus Arajas Oper „La forza dell’amore e dell’odio“ der erste Vorgeschmack auf die ausladenden dreiteiligen Barockarien. Cecilia Bartoli bestimmt so von Anfang an den Charakter des Konzerts. Gewiss, viele Zuhörer sind wegen ihr gekommen, weniger wegen unbekannter Barockmusik aus Russland. Das leise, verhaltene Singen zu Beginn erfordert Mut in einem großen Saal. Cecilia Bartoli wird an diesem Abend dem staunenden Publikum noch viele andere Spielarten russischen Barockgesangs zeigen.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.