Schmuckstücke im Foyer

Direkte Begegnungen mit Puschkin oder Mascha Kaléko

Das Berliner Renaissance-Theater verfügt über ein schmuckes Foyer als zweiter Spielstätte. Hier präsentiert es Lesungen und Chansonabende, die ganz hoch in der Gunst des Publikums stehen.

Foto: Freese/drama-Berlin

Während sich der große Theatersaal des Renaissance-Theaters meist erst nach dem letzten Klingeln füllt, sind die Plätze an den Tischen im Bruckner-Foyer stets lange vor den Vorstellungen besetzt. Schließlich handelt es sich hier bei den meisten Zuschauern um Wiederholungstäter. Sie kennen die kleinen, feinen, sattfarbenen Räumlichkeiten und kommen so zeitig wie möglich, um ihre bevorzugten Plätze zu ergattern.

Neulinge haben da schon mal das Nachsehen, werden aber dennoch nicht enttäuscht. Der Zauber des opulenten Art-Déco-Ambientes und die hochkarätigen literarisch-musikalischen Veranstaltungen begeistern selbst dann, wenn man in der letzten Reihe sitzt. Auch von dort aus kann man übrigens jede Schweißperle auf erhitzten Künstlerstirnen bestens erkennen, ist man doch immer noch sehr nah dran am Geschehen. Ein weiteres Plus: Es ist geradezu unmöglich, sich im Bruckner-Foyer nicht wohlzufühlen.

Studiobühne war nicht mehr zu halten

Obwohl optisch beeindruckend, war das Obergeschoss der Charlottenburger Bühne ursprünglich ein ganz normales Pausenfoyer. Doch als in den Jahren 1998 bis 2002 die Subventionen des Renaissance-Theaters gekürzt wurden, konnte das Haus die benachbarte Studiobühne nicht mehr halten. „Dort konnten wir viele Erstaufführung und Stücke junger deutscher Autoren zeigen“, so Intendant Horst-H. Filohn. „Nach der Schließung haben wir nach einer kostengünstigen Alternative für eine zweite Spielstätte gesucht. So sind wir auf das Foyer gekommen.“

Bislang namenlos, wurde es nach Ferdinand Bruckner benannt, dem literarischen Pseudonym von Theodor Tagger, der das Renaissance-Theater 1922 gründete und bis 1926 Direktor des Hauses war.

Natürlich musste auch ein neues Konzept her. Im Stil des expressionistischen Rokoko, einer deutschen Art-Déco-Variante gestaltet, eignet sich das Bruckner-Foyer kaum für Zeitgenössisches. „Dort herrscht Salon-Atmosphäre. Ein idealer Raum für musikalisch-literarische Abende, Geschichten mit Berlin-Bezug und Autoren aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts“, erklärt Filohn.

„Du hörtest mein Gras wachsen“

Seither begegnet man dort in szenischen Lesungen vielen bekannten Figuren, etwa aus Wilhelm Buschs Schelmenstreich „Max und Moritz“ oder dem kauzigen Palmström aus Christian Morgensterns schwarzhumorigen Gedichten. Auch der Pianistin und Komponistin Clara Schumann, Gattin von Robert Schumann, war schon ein Abend gewidmet. Ebenso der wunderbaren Lyrikerin Mascha Kaléko mit „Du hörtest mein Gras wachsen“. Ein Porträt mit Chansons, Gedichten und viel Zeitgeist, ersonnen von Regine Gebhardt und dem Regisseur Michael Hoffmann.

Begleitet von Olaf Taube am Vibrafon, steht die Sängerin und Schauspielerin seit 2007 im Bruckner-Foyer als Mascha Kaléko auf der Bühne. „In diesem intimen Raum ist man für eine Vorstellung lang eine Gemeinschaft“, schwärmt sie begeistert. „Ich selbst hatte dort Irmgard Keuns ‚Kunstseidenes Mädchen’ gesehen und mir war klar, wenn Mascha Kaléko, dann dort.“ Zumal die jüdische Dichterin, die zu Lebzeiten gern in einem Atemzug mit Joachim Ringelnatz und Erich Kästner genannt wurde, gleich um die Ecke am Savignyplatz lebte, bevor sie 1938 nach New York emigrieren musste.

Weit mehr Vorstellungen als geplant

Eigentlich waren nur zwei Vorstellungen mit Kalékos ironisch-melancholischer Großstadtlyrik, Songs und geplant. „Mittlerweile nähern wir uns der 60. Aufführung. Das Kostüm, ein Originalkleid aus den Fünfziger Jahren, ist schon ganz morsch vom ständigen Reinigen“, lacht Regine Gebhardt. Für die Künstlerin, die unter anderem bei den Berliner Festwochen, am Theater des Westens und in der Neuköllner Oper gastierte, war es ein „großes Glück, dass das Renaissance-Theater zugegriffen und alles gepasst hat. Es ist immer noch aufregend für mich, den Abend zu spielen, da oft ein größerer zeitlicher Abstand zwischen den Vorstellungen liegt“, verrät sie.

Nicht nur Regine Gebhardt feiert im Bruckner-Foyer Erfolge. Kaum ersonnen, standen die Veranstaltungen schnell hoch in der Publikumsgunst. So ist etwa Hans-Jürgen Schatz’ Lesung von Alexander Puschkins „Eugen Onegin“ nächsten Januar bereits ausverkauft. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass dieser kleine, feine Abend eine solche Kraft entwickelt“, bekennt Horst-H. Filohn. Ihn hat der durchschlagende Erfolg zunächst überrascht. Heute weiß er jedoch, warum das Publikum in so großer Zahl erscheint: „Es ist die Sehnsucht nach der direkten, unmittelbaren Begegnung von Künstlern und Zuschauern an einem wunderschönen Abend.“

Das Bruckner-Foyer ist eben ein Ort, an dem große Künstler und ihre Werke noch strahlender funkeln als anderswo. Oder wie der unvergessene Christian Morgenstern einst schrieb: „Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht.“

„Du hörtest mein Gras wachsen“: 19.11. um 20 Uhr.

Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100, Charlottenburg,

Tel. 030 312 42 02.

Foto: Iko Freese / DRAMA. / Freese/drama-Berlin