Konzert in Berlin

Geigerin Lindsey Stirling beschwört Mittelalter-Fantasien

In der rappelvollen Berliner Columbiahalle fiedelt die Dubstep-Violonistin im knappen Röckchen und mit wirbelnden Tanzeinlagen. Dem Publikum gefällt die schlageresk-überdrehte Fantasy-Inszenierung.

Foto: Universal

„Es ist nicht genug“, bescheinigte Jurorin Sharon Osborne (die quakige Ehefrau des Ex-Bürgerschrecks Ozzy Osbourne) der HipHop/Dubstep-Violinistin Lindsey Stirling in der Sendung „America’s Got Talent“. Dabei hat Lindsey Stirling alles, was einer Karriere dienlich sein kann: Sie ist schlank, gutaussehend, kann eine rührende Kindheitsgeschichte erzählen und hat dazu noch eine Magersucht bezwungen.

Talent hat sie natürlich auch, obgleich sich das bei derlei Fernsehshows nicht zwingend als Pluspunkt auszahlt. In Deutschland hätte Stirling die RTL-“Supertalent“-Jury mit Sicherheit auch über das Viertelfinale hinaus überzeugen können – das Publikum ohnehin, schließlich gewann hierzulande bereits ein Hund den Titel des Supertalents.

Dass Sharon Osbourne mit ihrer Annahme, man könne als Pop-Violinist keine Säle füllen, schlichtweg falsch lag, hätte schon mit dem Verweis auf „Teufelsgeiger“ David Garrett widerlegt werden können. Stirlings Alben verkaufen sehr gut, ihrem YouTube-Kanal folgen über 5 Millionen Fans – auch in Berlin sind einige bereit, sich die Geigerin anzusehen, die Columbiahalle ist rappelvoll. Das Publikum steht fast schon im Vorraum, vor dem Brezelstand weint ein von der Menge verängstigtes kleines Mädchen, nicht einmal ihre Stoffgiraffe kann jetzt noch trösten.

Schwitzende Punks neben älteren Damen

Wie breit die Gruppe derer ist, die sich auf Lindsey Stirlings Musik einigen können, zeigt das Publikum. Hier stehen schwitzende Punks mit abrasierten Haaren und aufs äußerste geweiteten Ohrläppchen neben älteren Damen, jungen Frauen und muskelbepackten Männern in Rockerkutten. Es ist furchtbar heiß hier, so muss es wohl in den virtuellen Drachenhöhlen von „World Of Warcraft“ sein.

Endlich geht das Konzert los, zunächst kann man nur Stirlings Silhouette auf dem Bühnenvorhang sehen. Wer Elfen, Computerspiele und Fantasy-Welten liebt, ist bei der Geigerin richtig. Hier verschmelzen Musik und Show zu einer amerikanisch, überinszenierten, Windmaschinen gesteuerten Rollenspiel-Ästhetik. Wenn man die Augen schließt, muss man kurz an Peter Jackson denken – Mittelerde oder doch nur Mittelaltermarkt?

Egal, der Vorhang fällt und gibt den Blick frei auf Stirling, die einen glitzernden Body trägt, an dem ein extrem kurzes Röckchen wippt. Dann fiedelt Stirling in neongelben Anzug auf die in schrillem pink aufleuchtende Geige ein, während sich im Hintergrund regenbogenfarbene Würfelgrafiken drehen.

Pendant zu David Garrett

Zu Beginn ihrer Karriere inszenierte sich Stirling auf ihren Werbeplakaten als Lolita-mit-Geige-Pendant zum blond gesträhnten Geigenteufel Garrett. Saß mit Brille und konsterniertem Gesicht auf einer Parkbank. Hochgeschlossen zwar, dafür blitzte eine rote Netzstrumpfhose unterm knappen Rock. Heute präsentiert sie ihr neues Album, das „Shatter Me“ heißt und mit dem sich Stirling vom sexy Schulmädchenlook verabschiedet und zum Gamer-Traum avanciert.

So märchenhaft wie das Bühnenbild ausschaut, wenn digitale Schneeflocken fallen, klingt der Werdegang der jetzt in ein blassblaues Glitzerkleid verpackten Fee. Als Kind hatte sich Stirling sehnlichst eine Geige gewünscht, die sich die vergleichsweise armen Eltern vom Mund absparen mussten. Von nun an geigte Stirling, was das Zeug hielt, und stellt ihre Stücke werbewirksam auf ihren eigenen YouTube-Channel.

Schlageresk-überdrehte Fantasy-Inszenierungen

Eine Mischung aus Keltisch angehauchter Evanescence-Powerballade, elektronischen Videogame-Sound und Klassikpop wabert durch die Halle. Im Publikum tanzen zwei Freundinnen eine Line-Dance-Choreographie. Mittendrin wirbelt Stirling mit ihrer Violine, sie zuckt mit den Hüften, windet sich um ihr Instrument und gibt immer wieder schnellfüßige Riverdance-Tanzeinlagen, bei denen man kaum glauben mag, dass sie es wirklich schafft, gleichzeitig noch zu geigen. Weil sie nicht singt, redet sie viel, ist zwar schlagfertig, bemüht aber auch gerne die gängigen Floskeln: „Ich liebe euch“ und „Ihr seid das beste Publikum der Welt“.

Spätestens seit „Game of Thrones“ ist die verklärte Mittelalter-Romantik ja ohnehin schwer angesagt. Nun kann man von Stirlings Geigerei halten, was man will, das Publikum jedenfalls honoriert ihre schlageresk-überdrehten Fantasy-Inszenierungen. Fehlt nur noch, dass sich die wackeren Rocker hier Elfenohren aus Plastik ankleben.