Kommentar

Warum Tickets für Berlins Opern und Theater zu günstig sind

Die Eintrittspreise sind deutlich billiger als anderswo, obwohl das Publikum immer wohlhabender wird. Darüber wundert sich nun Kulturstaatssekretär Tim Renner. Mit Recht, meint Matthias Wulff.

Foto: Reto Klar

Wer sich als Politiker in Berlin Ärger einfangen möchte, der ist gut beraten, sich über günstige Preise für Theater und Oper zu wundern. Das hat Tim Renner, Kulturstaatssekretär der Stadt, an diesem Wochenende getan, als er öffentlich fragte, warum hier die Tickets so viel billiger sind als in München, Frankfurt oder Hamburg. Und wie zu erwarten war, formierte sich reflexhaft die Phalanx der Sozialpolitiker, der Kulturkonservativen, der „Hände-weg-von-unserer-schönen-Kultur“-Publizisten. Die Eintrittspreise sind, so wie sind, sakrosankt.

Die Subventionierung der Kultur hat seit jeher ein Legitimationsproblem. Ich möchte es nicht entscheiden, ob das Spektakel einer schönen Helena in der Komischen Oper künstlerisch wertvoller als das Spektakel einer Lady Gaga in einer Mehrzweckhalle ist. Ich möchte aber auch nicht, dass der Staat diese Aufgabe übernimmt – was er de facto tut. Indem er bestimmte Kultur staatlich fördert und andere wiederum nicht, fällt er ein Geschmacksurteil. Eine Vorstellung in der Volksbühne ist demnach wichtig für die kulturelle Bildung, ein Film im Cinestar nicht.

Tim Renner liegt nicht falsch mit der Beobachtung, dass sich die Besucherstruktur im Zeitverlauf verändert hat. Die Stadt ist wohlhabender geworden, als sie sich selbst eingestehen will. Die Ticketpreise stammen aus der Zeit, als die Losung „arm, aber sexy“ ausgerufen wurde. Berlin prosperiert seit einem Jahrzehnt, es leben mittlerweile erstaunlich viele Leute mit erstaunlich viel Geld in der Stadt. Die Vergünstigungen für arme Menschen sind bei Renners Vorstoß ausgenommen. Man könnte also höhere Preise aufrufen, wenn man dann wollte.

Das will aber – fast – keiner. Die Intendanten bekommen mit billigen Tickets ihre Häuser garantiert voll und sind dann stolz auf ihre Besucherzahlen. Die Künstler, die mit hohen Gagen in die Stadt gelockt werden, finden den Status Quo in Berlin naturgemäß genau so großartig wie die Gutverdiener der Stadt. Und im Feuilleton hält sich – und das ist leider nicht polemisch gemeint – ohnehin das ökonomische Leitbild, dass jeder Euro, der aus Steuermitteln in die Kultur fließt, prinzipiell dort gut aufgehoben ist.

Opernkarten werden mit 200 Euro subventioniert. Das ist nicht gut so, wird aber so bleiben. Machen wir uns nichts vor, Tim Renner wird sich mit seinem Vorstoß nicht durchsetzen. Aber immerhin problematisiert er Zustände, mit denen sich die meisten arrangiert haben.