Konzert

Dirigent Robin Ticciati feiert sein Debüt in Berlin

Ihm geht der Ruf eines der kommenden Dirigenten voraus: Der gebürtige Londoner Robin Ticciati hat beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin debütiert und es im sanften Handumdrehen erobert. Eine Kritik.

Foto: Marco Borggreve

Unwiderstehlicher Charme, verzückende Musikalität: Robin Ticciati erobert das Deutsche Symphonie-Orchester im sanften Handumdrehen. Mit elegant fordernden Bewegungen taucht er die Musiker in Bruckners Vierte. Lässt sie wuchernde Wonnen und gedehnte Leidenschaften spüren.

Es ist ein lebendiger Bruckner. Ein Bruckner voller mutiger Tempobrüche, voller gewagter Stimmungsumschwünge. Ticciati breitet Landschaften erlesener musikalischer Schönheit aus. Bevölkert von hauchzarten Streicher-Pianissimi, offensiven Solo-Kantilenen und naturgewaltig brausenden Tutti.

Ein trauerndes Zeitlupen-Andante

Sonnenbeschienen tänzelt das DSO im Kopfsatz. Im beschaulich trauernden Zeitlupen-Andante muss sich das Orchester gegen heftige Hustensalven aus dem Publikum behaupten. Konsequent vermeidet Ticciati im Finale jegliche architektonische Zuspitzung. Er zelebriert das Episodenhafte, bringt bislang verborgene Details zum Leuchten.

Robin Ticciati, der 1983 in London geboren wurde, kann bereits auf eine beachtliche Karriere verweisen. Angefangen hat er als Geiger, Pianist und Schlagzeuger, mit 15 Jahren wendet er sich dem Dirigieren zu. Inzwischen leitet er das Scottish Chamber Orchestra, und seit diesem Jahr ist auch als Nachfolger von Wladimir Jurowski Musikdirektor des Glyndebourne Festivals. Sein Debüt beim DSO wird aufmerksam beobachtet.

Ein früheres Mitglied am Konzertmeister-Pult

Die Begeisterung des Orchesters für diesen jungen Dirigenten schwingt in jeder Bruckner-Note mit. Und wird von einem vor Spiellust überschäumenden Gast-Konzertmeister noch weiter in die Höhe getrieben. Ex-DSO-Mitglied Sebastian Breuninger rotiert so mitreißend, dass er zeitweilig die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Fast scheint es, als wolle sich der derzeitige Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters mit dieser Hochleistung zum DSO zurückbewerben. Für das Berlin-Debüt des 31-jährigen Ticciati erweist sich Breuninger als purer Glücksgriff.

Auch in der ersten Konzerthälfte überzeugt der britische Dirigent: mit einem kompakten, spannungsgeladenen Britten, der ganz auf Weltklasse-Solist Steve Isserlis zugeschnitten ist. Im Gegensatz zum Bruckner übt Ticciati hier Beschränkung, bringt Stringenz ins Spiel. Brittens sonst eher spröde Sinfonie für Cello und Orchester op. 68 gewinnt dadurch an Dringlichkeit. Isserlis und Ticciati, zwei gebürtige Londoner mit vergleichbarer Lockenpracht, scheinen sich auch musikalisch bestens zu verstehen. Da sitzt jeder gemeinsame Rubato-Schlenker, jedes putschende Accelerando. Schelmisch verkneift sich Isserlis hinterher die obligatorische Bach-Zugabe. Lieber lässt er Kabalewskis "Clowns" zwischen Dur- und Mollterz herumtollen – zum 50. Todestag des Komikers Harpo Marx.

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