Konzert in Berlin

Ja, Panik feiern im SO36 eine kleine Thekenrevolution

Schmissiger 80er-Jahre-Schnulzenpop zwischen Michael Jackson und Rio Reiser - und dazu ein wenig Systemhass: Die Band Ja, Panik spielte am Donnerstagabend in Kreuzberg.

Foto: Staatsakt

Es ist keine Frage von Geschmack, ob man Ja, Panik gut findet. Eine Band, die aus ACAB mal eben „All Cats Are Beautiful“ macht, muss man einfach gut finden. Und wenn das Ganze dann auch noch nach schmissigem 80er-Jahre-Schnulzenpop klingt, umso besser.

Ja, Panik nicht zu mögen, hat etwas mit der Einstellung zu tun. Wer gänzlich un- oder gar nicht linkspolitisch ist, der hat schlechte Karten am Donnerstagabend. An der Theke des SO36 kann man für 6,90 Euro 100 Wort-Aufkleber kaufen, aus denen man zum Beispiel den Satz „Kotze knallt“ kleben kann. „Gentrifizierungsresistent“ muss nicht mal in einen Satz, das geht auch so.

Dürr und blass und ganz in Schwarz gekleidet steht Andreas Spechtl auf der Bühne. Die verschwitzten Haarsträhnen sind frisch geschnitten und kleben nicht an der Stirn, die Hose ist verdammt eng. Es mag unangebracht sein, aber man muss an Kate Moss denken, wegen des Heroin chic eben. Zugegeben, ein bisschen erinnert Spechtl auch an Moss’ Ex-Ehemann Pete Doherty, aber von dem sollte man eigentlich gar nicht anfangen, weil Spechtl mit Dohertys überdrehtem und furchtbar angestrengten Junkie-Style-Gehabe glücklicherweise nichts gemein hat. Neben Spechtl stehen die Bandmitglieder Stefan Pabst und Sebastian Janata, Letzterer auch ganz in Schwarz. Seit neuestem gibt es auch eine Frau, Laura Landergott.

Vom Burgenland über Wien nach Berlin

„Griaß Eich, Peoples": Das allerschönste an Ja, Panik ist Spechtls Akzent. Vom Burgenland nach Wien und von dort nach Berlin ging die Reise der festen Bandmitglieder. Wer einmal in Wien war, fragt sich, weshalb einer ernsthaft von dort wegziehen will. Die Statistik sagt, in Wien sei die Selbstmordrate sehr hoch. Aber das liegt am schweren Herzen, an dem der echte Wiener leidet.

Auch Spechtl hat die Krankheit. In Berlin heißt „schweres Herz“ einfach Schnauze, und die Ruppigkeit ist am Ende auch nur eine Form von Depression. Also passt die Sache mit dem Umzug doch. Woran man sich bei Ja, Panik gewöhnen muss, ist die Sache mit dem Denglisch. Kann man Scheiße finden, besser ist, man findet’s gut.

Das Englische ist ja ohnehin schon drin im Sprachgebrauch, dagegen hilft auch nicht Gentrifikation mit harten G auszusprechen. Um es mit Spechtls Worten zu sagen: „Vergiss die troubles und den blues / Forget your well worn worried shoes / Denn ich hab Gästelistenplätze, für das allerletzte Fest.“ Wo er Recht hat, hat er Recht.

Eine Mischung aus Michael Jackson und Rio Reiser

Ja, Paniks Musik ist eine Mischung aus Michael Jackson und Rio Reiser – nehmen wir einmal den titelgebenden, astreinen Popsong zum neuen Album: „Sisters & Brothers, One Love, One World, Libertatia“, singt Spechtl, das ist dann Jackson. „Worldwide befreit, von jeder Nation. Auf das man Eines nicht vergisst, diese Land hier ist es nicht“, das ist Rio. Und wie Rio, als er noch bei den Scherben war, befinden sich Ja, Panik ein bisserl im Zwiespalt.

Zwischen Klassenkampf und Antikapitalismus, Scheiß-System, Facebook und Musikbusiness, Eigentumswohnung und dem Traum vom Paradies. Antikommerziell soll’s sein, ein bisschen Geld verdienen muss man auch. Es hilft alles nichts, Kunst zu machen bedeutet noch lange nicht eine Revolution anzuzetteln, das weiß auch Spechtl.

An der konkreten Umsetzung vom Paradies hat es immer schon gekrankt. Aber ganz ohne Kohle geht es eben auch nicht.

Eine kleine Thekenrevolution

Also besser pragmatisch an die Sache herangehen. „Wo wir sind, ist immer Libertatia“ propagiert er, sowohl am Donnerstag im SO36 als auch auf dem runtergeklappten Klodeckel aus dem Videodreh. Selbiger fand in einem engen Berliner Badezimmer statt, wo sich die Band zwischen Fugenschimmel und Kloromantik fast gänzlich frei fühlen konnte.

Nur Spechtls Gemächt musste durch selbstgeschlagenen Seifenschaum zensiert werden. Nun, irgendwas ist immer. Bei aller Dramatik siegt am Ende des Abends die Freude über den struggle. Auch wenn morgen noch gar nicht Wochenende ist, ein kleines Bier geht noch. Und die kleine Thekenrevolution singt ein Hoch auf den Systemhass. Selbst wenn es für Spechtl am Ende doch die Eigentumswohnung wird. Irgendwas ist ja immer.