Kunstherbst

Wenn die Kunstwerke zu Facebook-Freunden werden

Der Kunstherbst eröffnet mit der zentralen Ausstellung „Schwindel der Wirklichkeit“ in der Akademie der Künste. Thema ist das Digitale und wie esunsere Wirklichkeit verändert.

Foto: Maja Hitij / dpa

Humor, so hält es Klaus Staeck, ist der allerbeste Weg, um sich gegen die Realität zu wappnen. Der Akademie-Chef betont gern, dass er analog sei, den „Prachtknochen“ (Handy) nicht brauche. Gerade eben hat er drin in der Akademie der Künste über den „Schwindel der Wirklichkeit“ gesprochen, die zentrale Schau des Kunstherbstes. Da steht er nun draußen in der Sonne, steckt seinen Kopf in einen Kinderwagen und zwitschert dem Baby mit süßen Kanarienlauten etwas vor. „Analog“, sagt er.

Drinnen in der Ausstellung geht es um das Digitale. Darum, wie es unsere Wirklichkeit verändert, die Künste, uns, den Betrachter, es geht um Manipulation, um die NSA, die Annahme, der Siegeszug des Internets habe eine neue Ära eingeläutet. Kurz: um die Verhandlung unserer politischen und gesellschaftlichen Situation.

Klingt nach sehr viel Theorie, könnte spröde werden, denkt so mancher, der schon Akademie-Präsentationen gesehen hat, wo man eine Lupe brauchte, um die Vitrinen zu studieren. Aber es kommt anders: Die Ausstellung ist eigentlich wie Facebook, ist man drin, ist man dabei – und es macht Spaß. Die Kunstwerke sind deine Freunde. Kameras, Spiegel, Interaktionen – so viele Ichs wie hier gab es wohl noch in keiner Ausstellung. Ein Selfie nach dem anderen.

Verwandelt in pure Gegenwart

Giny Vos holt gleich die Kunstgeschichte mit ins Boot und verwandelt sie in pure Gegenwart. Die Medienkünstlerin installierte an der Reproduktion des bekannten Gemäldes der Arnolfini-Hochzeit van Eycks eine Überwachungskamera, und an jener Stelle des gemalten Spiegels im Original einen winzigen Monitor. Wir erscheinen nun als bewegtes Bild im Bild. Das ist eine ziemlich clevere Sache.

Kurios ist, dass gefühlt mehr Altmeister der 60er- und 70er-Jahre anzutreffen sind, die ihrer Zeit technologisch voraus waren, als „digital natives“, die die Welt verändern wollen. Eins ist klar, der Mensch lebt gefährlich in der Bilderwelt von heute: zerlegt, verdoppelt, zerstört oder gar komplett „zersehen“. Bei Name June Paik verdreifachen wir uns – vor dem Mikrofon stehend – auf der Leinwand, in rot, blau, grün.

In Olafur Eliassons mehrfach gebrochenen Spiegeln („Folded ellipse“) zerlegt sich der Körper gleich in drei in Teile. Und wer in Sophia Pompérys schönen großen Spiegel schaut, dessen Spiegelbild verlöscht langsam im Nebel. Bei Dan Graham ist Kontrolle schlichtweg unmöglich. In abgeschlossenen „Present Continuous Past(s)“-Raum sieht man sich in riesigen Spiegeln, auf der Wand gegenüber werden diese Bilder – acht Sekunden verschoben – projiziert. Die Macht übers Bild hat keiner mehr.

Das Schöne am „Schwindel“ ist, dass auch Musik, Schauspiel und Game-Art dabei sind, alle Sektionen der Adk sind dabei. Immerhin eineinhalb Jahre hat man für diese Versuchsanordnung gebraucht, 32 Treffen inklusive einiger Yoga-Stunden für die Entschleunigung. Ulrich Matthes, Sektionsleiter Schauspiel, sagt, ein Schauspieler, der nur noch seinen Text aufsagt, sei heute keiner mehr. Pollesch und Castorf haben die Bühne verändert. Zehn Schauspieler hat er also interviewen lassen, von Edith Clever bis Jens Harzer. Jenseits des Spiels gibt es eben eine ganz eigene Wirklichkeit.

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10. Di-So 11-19 Uhr. Bis 17. 12.