Klassik

Patricia Kopatchinskaja sieht eine Mission in Neuer Musik

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Volker Blech

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja debütiert bei den Berliner Philharmonikern. Ein Gespräch über Neue Musik, die Einsamkeit des Künstlerlebens und warum sie immer barfuß spielt.

Sie hat ein übersprudelndes, offenes Wesen. Nur bei einem Thema wirkt Patricia Kopatchinskaja sofort verschlossen. Dabei will man als Konzertbesucher schon wissen, warum sie als Geigerin immer barfuß auftritt? „Es gibt nichts darüber zu sagen“, wiegelt sie ab: „Es ist einfach so. Ich bin vor vielen Jahren darauf gekommen. Es ist einfach sehr bequem. Aber es steckt keine Philosophie oder Buddhismus dahinter, was manche vermuten.“ Und auch auf die Nachfrage, ob man auf der Bühne nicht kalte Füße bekommt, antwortet sie mit knapper Ernsthaftigkeit: „Mir ist nie kalt. Ich stehe immer mitten in einem Vulkan. Ich kann nur verbrennen.“

Debüt bei den Philharmonikern

Patricia Kopatchinskaja, Jahrgang 1977, ist eine der faszinierendsten Virtuosinnen ihrer Generation. Eine, die es sich nicht leicht macht. „Mein Leben ist ein Sturm. Das war schon immer so“, sagt sie. Unser Treffen findet in einem Künstlerzimmer in der Philharmonie statt. Sie ist gerade aus Bern angereist, wo sie mit ihrem Mann, einem Psychiater, und ihrer neunjährigen Tochter lebt. In Berlin gastiert sie regelmäßig, aber am heutigen Freitag wird sie bei den Berliner Philharmonikern debütieren. Das ist in jeder Solistenlaufbahn etwas besonderes. Sie erwarte viel „Enthusiasmus, Präzision und vor allem Liebe zur Musik“, sagt sie. Und gleich nach dem zweiten philharmonischen Konzert am Sonnabend stellt sie sich noch in der „Late Night“ ab 22 Uhr vor.

Ein nachträgliches Ständchen für den Dirigenten

Das Gespräch verzögert sich dann doch etwas, weil sie nur mal kurz dem Dirigenten Hallo sagen will. Es zieht sich hin, die beiden haben sich offenbar viel zu sagen. Die Philharmoniker haben das heutige Konzert als nachträgliches Geburtstagsständchen für Peter Eötvös angekündigt. Der Dirigent ist im Januar 70 Jahre alt geworden und seit Jahrzehnten ein geschätzter Komponist. „Es freut mich besonders“, sagt Patricia Kopatchinskaja, „dass sich der Komponist gewünscht hat, dass ich sein Stück spielen darf. Dass ich bei meinem Debüt nicht ein verstaubtes Souvenir spielen muss.“ Mit verstaubtem Souvenir meint sie die allgemein beliebten Klassiker, mit denen sich neue Solisten normalerweise präsentieren. Sie spielt lieber „DoReMi“, das Konzert für Violine und Orchester Nr. 2, von Eötvös.

Sein erstes Violinkonzert hatte sie auch bereits gespielt. Ein Stück, wie sie beschreibt, dass die Energie wegfließen lässt. Patricia Kopatchinskaja entdeckt in den Stücken oftmals kleine Geschichten. „Das zweite Violinkonzert erinnert mich an ein Kind, das auf die Erde gekommen ist, um Unfug zu machen“, sagt sie: „Es ist ein freches Kind, ein unglaublich neugieriges, patziges Kind. Es macht alles, was ihm einfällt. Es verwandelt sich in Licht, in Sommersprossen, in Wind. Es fallen Küchengeräte um. Am Anfang hämmern Engel im Himmel.“ Und dann singt sie gleich noch das bab, bab, bab in höchsten Tönen an. Und freut sich. „Es wird nie langweilig auf der Bühne. Man ist mit einem Lächeln dabei.“ Natürlich spricht sie auch mit dem Komponisten darüber. Peter Eötvös lächle dann immer und meine, ja, das könne schon sein, vielleicht.

Ustwolskaja zu spielen ist für sie eine Mission

In der „Late Night“ steht Galina Ustwolskaja auf dem Programm. Das ist ein harter Kontrast. „Eine düstere, traumatische, schicksalhafte Musik“, sagt die Geigerin: „Es ist fast ein traumatisches Erlebnis, es zu spielen. Es gibt Leute, die für dieses Stück aus anderen Ländern anreisen, um es noch einmal hören zu können. Für mich ist es fast eine Mission, es zu spielen.“

Die Geigerin stammt aus einer moldawischen Musikerfamilie, die Mutter ist Geigerin, der Vater Zymbalist. Sie ist ein Ziehkind des Sowjetreiches, aber 1989 emigriert die Familie nach Wien. Dort beginnt sie Geige und Komposition zu studieren. Und sie entdeckt ihre Leidenschaft für zeitgenössische Musik. „Schon als ich als junge Studentin an der Wiener Hochschule begann, Komposition zu studieren, habe ich gespürt, dass ist die Musik, die mich etwas angeht. Für die werde ich gebraucht.“ Ihre eigenen Werke sieht sie dagegen kritisch. „Ich stehe am Anfang, eigentlich noch davor“, sagt sie. „Ich hatte das Glück, dass ich in das Interpretentum abgerutscht bin. Dort treibe ich jetzt mein Unwesen.“

100 Konzerte pro Jahr

Das treibt sie auf brillante Weise. Als Geigerin kann sie bereits auf eine erfolgreiche Karriere blicken. Sie ist mehrfach preisgekrönt, hat mit hervorragenden Dirigenten und Orchestern weltweit musiziert, hat eine Reihe von Werken zur Uraufführung gebracht und gilt als erfahrene, leidenschaftliche Kammermusikerin. Sie sei sehr neugierig, betont sie mehrfach im Gespräch. „Aber Musik, für die ich nichts Nützliches tun kann, möchte ich erst einmal vor mir schützen. Ich könnte Schaden anrichten. Aber die Werke liegen alle in meiner Seelenbibliothek, und ich hebe sie mir für später auf. Bach zum Beispiel.“

Rund 100 Konzerte spielt sie pro Jahr. Das ist vergleichsweise viel. Fast Zweidrittel des Jahres sei sie unterwegs, sagt sie. „Das Alleinsein ist unerträglich. Das ist die dunkle Seite des Berufs. All die jungen Leute, die von diesem Künstlerleben träumen, müssen wissen, dass es viele schwierige Momente gibt. Man kann den Kontakt zu Freunden und Familie nur virtuell halten. Und wenn man eine Familie gegründet hat, tut es am meisten weh. Man braucht einen einfühlsamen Partner und wirklich gute Freunde.“

Zuhause ist dort, wo die Familie ist

Aber ein Stück Getriebenheit steckt wohl tief in ihr. Wenn sie zu Hause sei, meint sie, herrsche auch dort eine große Unruhe. „Insofern ist manchmal gar schlecht, meine Mitmenschen von diesem Sturm zu befreien. Ansonsten beginne ich die Möbel und das ganze Leben umzustellen.“ Auf die Frage nach dem Zuhause überlegt sie einen Augenblick länger. „Mein Zuhause ist da“, sagt sie schließlich, „wo ich mit meiner Tochter und meinem Mann eine freie Minute habe, um auf den Himmel zu schauen. Aber zum Wesen eines Künstlers gehört die Heimatlosigkeit, die ewige Suche nach einem Zuhause.“

Ein Stück Familientradition habe sie sich aus Moldawien bewahrt, sagt sie. Es sind Lebenssichten. „Alles gehört dir, aber eigentlich gehört dir nichts. Es kann dir weggenommen werden. Bleibe trotzdem deinen Prinzipien treu. Liebe deine Erde, sei fleißig, bleib dankbar. Erklingt Musik, tanze dazu.“

Philharmonie 12.9. um 20 Uhr, 13.9. um 19 und 22 Uhr