Admiralspalast

Für Ben Howard wurde das Wort „lässig“ erfunden

Die Musik von Ben Howard klingt nach Surfer-Paradies und sonnengebräunten Menschen. Im Berliner Admiralspalast nimmt er seine Fans mit auf eine melancholische Reise in seine relaxte Songwelt.

Foto: Frank Hoensch / Redferns via Getty Images

Es ist heiß im Admiralspalast. Das Publikum hat mit seinem Ben-Howard-Konzertkarte ein Ticket für den Pazifik gelöst. Destination? Irgendein Surfer-Paradies. Vielleicht Hawaii, Haleiwa Beach. Bühne und Wangen glühen rot. Ben Howard singt, „Where have you been hiding lately? Where have you been hiding form the news?“ Und das Publikum wiegt sich wie Palmen in einer Meeresbrise. Sachtes Köpfenicken im pechschwarzen Zuschauerraum. Niemand schaut jetzt auf irgendeinen aus der Hosentasche gezogenen Bildschirm. Denn Ben Howard glüht auf der Bühne.

Howard, das ist so ein Gitarrenzupfer, der sich für fast jeden Song ein anderes Saiteninstrument umhängen lässt – Akkustik-Gitarre, Ukulele, E-Gitarre. Das ist so ein 27-jähriger Boy im blassen Shirt und schwarzer Röhrenhose. So einer der Sorte an dem Brandlöcher im T-Shirt „lässig“ wirken. Überhaupt „lässig“, das ist ein Wort, das für ihn erfunden wurde. Seine Musik klingt nach „Hang Loose“. Nach Longboard Island Lager Bier in den Händen von gebräunten Dudes mit Haarknoten. Nach einem oberkörperfreien Leben im offenen Jeep mit Ladefäche.

Howards Musik klingt, als käme er aus Hawaii oder Australien. Tatsächlich aber kommt er aus dem nasskalten Südwesten Englands. Aber natürlich ist Ben Surfer. Und seine Eltern – verkappte Hippies sollen sie sein - leben mittlerweile auf Ibiza. Er kennt das Insel-Leben. Schrieb mal für ein Surf-Magazin wollte eigentlich Journalistik studieren, warf dann aber hin – um Musiker zu werden.

Lässig über Trauriges singen

Und das bedeutet in seinem Fall, um lässig über Trauriges zu singen. Was Jack Johnson für das Frühstück ist, ist Ben Howard für das Barbecue. Er ist melancholischer, nicht so klimperig. Auf dem Rang liegen junge Menschen wie am Lagerfeuer. Sie mit Kopf und Hals auf seinem Rücken. Er beide Hände unters Kinn während Ben Howard vom Alleinsein singt, vom Ende einer Affäre, vom Scheitern einer Beziehung.

Ein Rhythmus-Ei raschelt, hinter Ben leuchten violettblaue, rote und gebe Scheinwerfer auf, wie Neon-Röhren in einer Waikiki-Nacht. Seit zwei Monaten war das Konzert ausverkauft. Warm-wangig benommen freut sich der Zuschauer dabei sein zu können. Auch wenn man sich nach fünf Liedern nicht mehr sicher ist. Ist Ben Howard wirklich da ? Oder mehr so eine Art Fata Morgana?

„Benny“, ruft eine junge Frau als es zwischen zwei Liedern totenstill und dunkel ist. Der Sänger erschrickt. Ein Graben und eine breite Bühne trennen ihn vom Publikum. „Ihr seid so weit weg“, sagt er, der die meiste Zeit auf den Bühenboden starrt. „We love you“, ruft die Frau wieder. Er lächelt. „Yo“, sagt er dann. So lässig.

Im Oktober erscheint Howards zweites Album. „I forget where we where“. Im Admiralspalast beschwört der Titelsong einen Sturm herauf. Brandung am Bühnenrand. Das Publikum bewegt sich wellenförmig. Endgültig erwacht aus dem Inselkoma, singt es lauthals mit „Hello love, my invincible friend“. Dann spielt Howard „Oats in the Water“ und das Scheinwerferlicht bricht sich im Admiralspalast-Lüster, tanzt wie Wasserreflektionen über die glückliche Besucherschar. Das ist alles so schön, so zuckerrohrsüß, dass es dringend eine Entladung braucht.

Und das Gewitter kommt. „Oats in the Water“ endet im turbolenten Gitarrensolo. Howard wischt sich mit der Hand den Regen aus dem Gesicht. Und mit „Black Flies“ bricht der Morgen an. Grellweißes Licht bricht in die dunkle Hitze, als hätte jemand Jalousien geöffnet. Das Publikum streckt sich, bevor es die Handflächen gegeneinander klatscht. Zugabe. Die bekommt es. Im November spielt Ben Howard noch mal in Berlin. Im Tempodrom.