Krimi/Fernsehen

Mit Volker Kutscher Gassi gehen durchs historische Berlin

Der Autor hat mit seinen Gereon-Rath-Krimis Bestseller geschrieben. Demnächst legt er seinen fünften Band vor. Und Tom Tykwer soll die Fälle nun auch verfilmen - als aufwändige Fernsehserie.

Foto: KRAUTHOEFER / Jörg Krauthöfer

Vor dem Alexa, wo wir uns treffen, verzieht Volker Kutscher etwas angewidert den Mund. Die neue Einkaufspassage sei wirklich schrecklich, meint er. Aber irgendwie sei diese Hässlichkeit ja auch ein Teil von Berlin. Und das manifestiere sich vor allem am Alexanderplatz.

Es ist kein Zufall, dass wir uns hier mit dem Bestseller-Autor treffen. Da wo heute das Alexa steht, stand in den 20er-, 30er-Jahren das Polizeipräsidium, die „Rote Burg“, in der Kommissar Gereon Rath, der Protagonist in Kutschers auf acht Bände angelegte Krimireihe im historischen Berlin, arbeitet. Von hier aus geht er mit seinem Hund Kirie immer mal wieder Gassi, links entlang an der S-Bahn-Trasse durch die Direcksenstraße in den Monbijou-Platz. Genau diese Route gehen wir nun gemeinsam. Gassi gehen ohne Hund.

Hobby-Berliner und Intensivst-Tourist

Und Kutscher redet lebhaft drauflos, wo hier früher das Kaufhaus Tietz und dort im Park das Monbijou-Schlösschen stand. Der Bestseller-Autor könnte sein Geld locker mit historischen Stadtführungen verdienen. Dabei, das ist der Witz, ist er gar kein Berliner. Er lebt in Köln, und das aus Überzeugung. Seine ersten Regional-Krimis hat er im Bergischen Land angesiedelt, wo er herkommt. Aber, fügt er schnell hinzu, er sieht sich als „Hobby-Berliner“. Besser noch als „Intesivst-Tourist“.

Schon während des Studiums seien viele Freunde von ihm in die damals noch geteilte Stadt gezogen. Kutscher hat das „schamlos ausgenutzt“ und sie immerzu besucht. Die Stadt sei deshalb so etwas wie seine zweite Heimat. Und schon immer bei seinen Besuchen habe ihn fasziniert, was von der historischen Stadt noch alles zu sehen sei, wie sie Geschichte atme. So kam er auf die Idee zu den Krimis im Berlin der Vorkriegsjahre. Und wundert sich noch heute, warum niemand anderer darauf kam.

Doppelt spannende Lektüre

Gereon Rath stammt wie Kutscher aus Köln. Er wird nach Berlin strafversetzt und fühlt sich hier immer ein bisschen fremd. Dieser Blick von außen ist nicht nur eine Rückversicherung des Kölner Autors, er eignet sich einfach prima, um die Stadt zu beschreiben. Das Schöne an Büchern wie „Der nasse Fisch“ oder „Der stumme Tod“: Vordergründig sind sie erst mal spannende Krimis um rätselhafte Tode. Man erfährt aber viel aus dem Berlin jener Zeit, in einem Band über den aufkommenden Tonfilm, in einem anderen über den legendären Vergnügungstempel „Haus Vaterland“. Vor allem aber von den Lebensgewohnheiten jener Jahre. Und der Leser weiß da immer mehr als die Romanfiguren: dass die Weimarer Republik untergehen wird, dass die Nazis an die Macht kommen. Rath und seine Kollegen kriegen das nur am Rande mit, ohne die historischen Ausmaße ahnen zu können. Das macht die Lektüre doppelt spannend.

Kutscher hat in den 20er-Jahren angefangen, um sich erst mal warm zu schreiben. Jetzt, im fünften Band, „Märzgefallene“, der im November erscheinen wird, ist er im März 1933 angekommen, wenn der Reichstag brennt. Für Rath, der, das betont Kutscher, niemals ein Nazi werden wird, wird es immer schwieriger. Der letzte Band wird vermutlich 1936 spielen, während der Olympischen Spiele. „Länger könnte das auch nicht funktionieren“, so sein Schöpfer, „dass Rath sich im Polizeiapparat so durchmogelt.“

Das ambitionierteste TV-Projekt seit „Berlin Alexanderplatz“

In letzter Zeit ist Kutscher noch häufiger in Berlin als sonst. Weil er nicht nur für seine Bücher recherchiert, sondern sich auch viel mit Tom Tykwer trifft. Der Berliner Regisseur, mit „Cloud Atlas“ längst im Weltkino angekommen, soll nämlich die Rath-Bücher verfilmen. Arbeitstitel: „Babylon Berlin“. Nicht fürs Kino, sondern fürs Fernsehen. Als für hiesige Verhältnisse immens aufwändige 25-Millionen-Produktion soll ein Acht- oder Zehnteiler entstehen, den die ARD, auch das ein Novum, gemeinsam mit dem Privatsender Sky stemmen will. Das ist wohl das ambitionierteste deutsche TV-Projekt seit Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ und spielt ziemlich genau zur selben Zeit am selben Ort. Wenn die erste Staffel gut ankommt, sollen auch die anderen Bücher verfilmt werden. Ein Mammut-Unternehmen.

Bis hier war Volker Kutscher ganz in seinem Element. Jetzt aber wird er etwas einsilbiger. Ja, gibt er zu, „ich bin hin- und hergerissen.“ Zum einen sei er natürlich euphorisch, dass seine Bücher verfilmt werden. Und dann auch noch als Serie! Seit „Boardwalk Empire“ oder seiner Lieblingsserie „Die Sopranos“ geht der 51-Jährige eigentlich gar nicht mehr ins Kino. „Die spannenderen, experimentierfreudigen Erzählformate werden derzeit im Fernsehen entwickelt.“ Aber Kutscher hat auch Angst, dass seine Bücher verfälscht werden. Er hat Angst vor der Degeto, die die Serie mitentwickelt und längst zum Synonym für öffentlich-rechtlichen Kitsch geworden ist. Vor allem aber hat er Angst, dass „Berlin am Ende wie Prag aussieht“. Dort ist das Drehen bekanntlich billiger, dort wurde etwa auch der tolle Stoff der Berliner Bankräuber Franz und Erich Sass gedreht. „Sass“ sah man aber an allen Ecken an, dass er nicht in Berlin entstand.

Die Krimis erscheinen bald auch als Comic

Tykwer will sich zu „Babylon Berlin“ noch nicht äußern. Er dreht derzeit mit den Wachowski-Geschwistern, mit denen er schon „Cloud Atlas“ realisierte, seine allererste Fernsehserie, das Science-Fiction-Epos „Sense8“. Kutscher aber ist da ganz zuversichtlich. „Tom Tykwer und ich haben dieselbe Wellenlänge. Wir lieben auch dieselben Serien.“ Und Tykwer, da ist er sich sicher, wird sich auch durchsetzen: „Der hat ja einen großen Stilwillen. Und Visionen.“ „Berlin Babylon“ könnte dann das deutsche „Boardwalk Empire“ werden.

Welcher Schauspieler am Ende den Gereon Rath oder all die anderen Figuren des Krimipersonals spielen wird, darauf hat Volker Kutscher keinen Einfluss. Natürlich könnte er jetzt ein paar Namen nennen. Aber er hat da kein Mitspracherecht. Und, hier fällt ein großer Satz: „Man muss auch abgeben können.“ Kutscher hat genug anderes zu tun. Er ist noch mit den Druckfahnen der „Märzgefallenen“ beschäftigt und holt sich dafür gerade Rat von seinem ersten Kritiker (seiner Frau) und etlichen Berlin-Kennern ein. Und dann trifft er sich auch noch mit einem anderen Berliner. Einem Zeichner. Gereon Rath wird nämlich nicht nur fürs Fernsehen adaptiert, sondern demnächst auch noch zum Comic-Held.