Christian Thielemann

Der Dresdner aus Potsdam zu Gast in Berlin

Die Staatskapelle Dresden unter ihrem Chef Christian Thielemann gastiert beim Musikfest in der Philharmonie. Ein rundweg konservativer, aber unverzichtbarer Abend.

Foto: Staatskapelle Dresden

Angesichts der schlimmen, ja aussichtslosen Lage vieler Menschen in der Ukraine“ wolle er als Zugabe Musik seines Freundes Walentyn Sylvestrov aus Kiew hören lassen, erklärt Gidon Kremer in akzentfreiem, diszipliniert kontrolliertem Deutsch. Es ist eine volksliedhaft-bescheidene Kantilene in Moll, die Kremer da mit leichtem Strich präsentiert. Ganz anders klingt seine Geige in der Philharmonie zuvor: Das Musikfest-Gastspiel der Staatskapelle Dresden unter ihrem Chef Christian Thielemann begann mit dem Violinkonzert „In tempus praesens“ von Sofia Gubaidulina.

Alle musikalischen Gedanken, in ritualhaften Wiederholungen aus dem Orchester dringen, scheinen von dem energisch zwingenden Ton des Kremerschen Instruments aus entwickelt – ein smaragden klarer, tagheller Ton, der so gar nicht mehr an den intellektuell-heiseren, scheinbar um Schönheit unbekümmterten Zugriff des legendären „jungen Wilden“ Kremer von vor 30 Jahren erinnert.

Der Klang des Orchesters in Gubaidulinas Stück färbt sich zuweilen, mit Hilfe eines Cembalos, ins blechern Metallische, mal auch in die andere Richtung, zu satten Farben mit Hilfe der Wagner-Tuben, die schon auf ihren Einsatz in der anschließenden Bruckner-Symphonie zu warten scheinen. Die Staatskapelle Dresden scheint fast froh, sich zunächst auf dem ungewohnten Podium der Philharmonie in eine komplizierte Musik versenken zu dürfen, wo alle Aufmerksamkeit auf die Pünktlichkeit gemeinsamer dramatischer Ausbrüche gerichtet werden muss, nicht darauf, dass man so klingen muss wie in seinen besten Momenten daheim in der Semperoper.

Unsicherheit eines Spitzenorchester

Doch gerade diese Unsicherheit eines absoluten Spitzenklangkörpers unter Leitung Thielemanns, des Bruckner-Dirigenten der Gegenwart schlechthin, gerade diese Unsicherheit macht die folgende Aufführung von Anton Bruckners Neunter zu einem unvergesslichen Erlebnis. Die Generalpausen im ersten Satz dieses Spätwerks, wo der todkranke Komponist gleichsam nachträglich noch nach dem Sinn des eigenen Seins sucht, sie wirken wie klaffende Löcher.

Das gesamte Orchester selbst scheint auf diese Abgründe nicht gefasst ist und hält erschrocken, fast schon hineingestürzt, vor ihnen inne. Doch die Orientierungslosigkeit ist, wie könnte es bei diesem traditionsreichen Kulturorchester anders sein, durchaus inszeniert und künstlerisch gewollt.

Der zweite Satz, dessen seelenloses Perpetuum mobile wie ein verrückt gewordener Spielautomat die Moderne ankündigt, glitzert bei den Dresdnern mit allen seinen rotierenden Rädchen – man weiß nicht, wo man zuerst hinhören soll, und so wollte Bruckner es wohl. In der Endzeit-Musik des dritten Satzes ist Thielemanns Orchester wieder ganz bei sich. Dieser durchaus konservative, aber rundweg individuelle Beitrag der berühmtesten Staatskapelle der Welt war beim Berliner Musikfest unverzichtbar.