Pierrot lunaire

Jüdische Kulturtage eröffnen mit einer Flohmarkt-Entdeckung

Jochen Kowalski fand das kleine Heft, das Max Kowalskis Vertonung von Albert Girauds „Pierrot lunaire“ enthält, auf dem Flohmarkt an der Straße des 17. Juni. Das Stück öffnet die Jüdischen Kulturtage.

Foto: Christian Kielmann

Nein, mit dem Komponisten Max Kowalski sei er weder verwandt noch verschwägert. Das betont Jochen Kowalski von der Bühne der Synagoge Rykestraße herab an diesem Abend mehrmals. Aber vielleicht ist der populäre Berliner Altus, einst Star der Komischen Oper Berlin, gerade deshalb der umso glaubwürdigere Anwalt für die Musik des komponierenden jüdischen Juristen aus Frankfurt am Main.

Max Kowalski musste 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten seine Anwaltslizenz abgeben und war nach den Pogromen 1938 für einige Zeit im KZ Buchenwald interniert. Er kam frei und ging nach London, wo er sich – die Nazis hatten sein Vermögen konfisziert – als Klavierstimmer, Chorsänger und Gesangslehrer durchschlug.

Die Biografie eines jüdischen Bildungsbürgers in Nazi-Deutschland – Jochen Kowalski und das Vogler Quartett verbinden die Erläuterungen des Sängers Kowalski zu diesem Schicksal mit einer Musik, die sich uneingeschränkt hören lassen kann.

Zusammengefunden im Klang und Zusammenspiel

Jochen Kowalski fand das kleine Heft, das Max Kowalskis Vertonung von Albert Girauds „Pierrot lunaire“ enthält, auf dem Flohmarkt an der Straße des 17. Juni und verliebte sich auf den ersten Blick in diese Musik, zeigte sie seiner Gesangslehrerin, ließ sie für Altus und Streichquartett arrangieren.

Bei der farblichen und figürlichen Vielfältigkeit, die sich in dieser Musik zeigt, dürfte dies für Uwe Hilprecht, Routinier auf dem diffizilen Gebiet musikalischer Transkriptionskunst, eine große Aufgabe gewesen sein. Erfreulich ist, dass sich das Vogler Quartett bei der Begleitung der Kowalski-Lieder in der Synagoge in Klang und Zusammenspiel zusammenfindet.

Es führt die von Max Kowalski vorgegebene, von Uwe Hilprecht inszenierte Farbgebung getreulich aus, nach einem intonatorisch höchst unsicheren Mendelssohn-Quartett und einem schon souveräner gespielten, fast experimentell komponierten Quartettsatz des großen jüdischen Modernen Erwin Schulhoff in guter spielerischer Form.

Klassisch-akademische Kompositionsausbildung

Interessant an Max Kowalskis zwölf Gesängen ist vor allem, dass niemand genau sagen kann, wo sie stilistisch hingehören. Stil haben sie trotzdem. Mit dem legendären expressionistisch-atonalen „Pierrot-lunaire“-Melodram von Arnold Schönberg, das 1911 das Tor zur musikalischen Moderne weit aufstieß, hat Max Kowalski nichts gemeinsam. Seine Musik offenbart – im Gegensatz zum Autodidakten Schönberg – eine klassisch-akademische Kompositionsausbildung.

Das ist die Grundlage, doch ganz im Geist der 1920er-Jahre findet sich auch viel slapstickhaft Komisches in den Liedern: Das Cello zeichnet den filmreifen Absturz eines Mondflecks auf Pierrots Gehrock nach, fast gegenständlich erleben wir das Funkeln des Mondes sowie die Hornrufe, wenn nur ganz kurz von dem Gestirn, der eigentlichen Hauptperson in Girauds Gedichten, als „einem blassen Horn am duftig blauen Himmelszelt“ die Rede ist.

Dieses für die 20er-Jahre zeitgemäß Kabaretthafte würden wohl die meisten Hörer unwillkürlich von einem jüdischen No-name-Komponisten dieser Epoche erwarten – wenn man die Comedian Harmonists, Friedrich Hollaender, Ralph Benatzky und die üblichen Verdächtigen im Hinterkopf hat. Doch so leicht macht es der alte, vergessene Max den Nachgeborenen nicht. Man hört genauso das Schubertsche Kunstlied durch, das Wagnersche Musikdrama, italienische Oper und Folklore. Wer mehr von Kowalski hören will, muss zur Zeit noch auf den Flohmarkt gehen.