Bernhard Schlink

Gemälde gegen Geliebte - Ein unmoralisches Angebot

Bernhard Schlink hat uns zu seinem 70. Geburtstag einen neuen Roman geschenkt. „Die Frau auf der Treppe“ erinnert stark an seinem Hauptwerk „Der Vorleser“, fällt aber weit dahinter zurück.

Foto: dpa Picture-Alliance / GAETAN BALLY / Picture-Alliance/KEYSTONE

Das Schöne am Bücherlesen ist ja, dass jeder seine eigenen Vorstellungen hat von dem, was da erzählt wird. Das ist das Schlimme an Literaturverfilmungen, dass diese eigenen Bilder mit den vorgesetzten auf der Leinwand kollidieren. Nun schenkt uns Bernhard Schlink zu seinem 70. Geburtstag listig einen Roman, der von genau dieser Diskrepanz zwischen der Realität und den Bildern im Kopf handelt. Sich dabei aber selbst von einem Bild hat inspirieren lassen: von Gerhard Richters Gemälde „Ema. Akt auf einer Treppe“.

Frau gegen Bild! Das ist der ungeheure Deal, mit dem „Die Frau auf der Treppe“ phänomenal beginnt. Held oder vielmehr Antiheld dieser Geschichte ist, da kann sich der Jurist Schlink nicht verleugnen, einmal mehr ein Anwalt. Genauer: ein Junganwalt. Einer seiner ersten Fälle ist einer, den sonst keiner annehmen würde. Da streiten sich ein unglaublich reicher Bankier und ein unglaublich von sich selbst überzeugter Maler um ein Bild.

Gemälde oder Geliebte

Gundlach hat seine Gattin von Schwind malen lassen. Der hat ihm die Frau dabei ausgespannt, und seither beschädigt Gundlach, dessen Image ja auch angekratzt ist, das Gemälde immer wieder aufs Neue. Schwind aber, der gerade im Kommen ist, will sein Bild zurück. Da macht der Magnat das unmoralische Angebot: Der Maler kann das Bild haben, wenn er die Frau zurückgibt. Der Anwalt soll vermitteln. Und der Maler stimmt tatsächlich zu!

Die Herren haben die Rechnung nur ohne die Wirtin gemacht. Die umkämpfte Frau nämlich, Irene, mag nicht als Ware gefeilscht werden. Sie bezirzt den Anwalt, bei der Gemäldeübergabe zu tricksen. Am Ende ist Irene weg und das Bild auch. Aber geprellt wurden nicht nur die werten Herren, sondern auch der Junganwalt. Man hat hier dauernd ein Déjà-vu. Kennen wir doch aus „Der Vorleser“, Schlinks Großwerk: ein junger Mann, der von einer reifen Frau verführt wird. Kennen wir doch auch, den Zeitsprung, dass der Anwalt seiner Verflossenen Jahrzehnte später noch einmal begegnet. Und eine grausige Entdeckung macht, die mit deutscher Schuld zu tun hat. Im „Vorleser“ war die Angebetete eine KZ-Wärterin. Irene, die Frau auf der Treppe, hat irgendwie mit dem RAF-Terror zu tun gehabt und sich nachher in die DDR abgesetzt.

Gruppenbild ohne Dame

So stark das Buch beginnt, so zäh und absehbar wird es nach dem schon bald folgenden Zeitsprung. Da taucht das Gemälde in einem Museum wieder auf. Und alle drei Herren hecheln ihm und der Dame hinterher. Ergraut und desillusioniert hocken sie dann wieder beisammen. Jeder hat sich ein Bild gemacht von der Frau, keines hat gestimmt. Und Irene lief vor allen weg, weil sie keinem Bild entsprechen wollte.

In „Der Vorleser“ gerann Schlinks durchaus spröde-juristische Sprache zu großer Literatur. „Die Frau auf der Treppe“ scheint dagegen nurmehr das Spätwerk eines ausgeschriebenen Altmeisters. Das Konstrukt blitzt zu eindeutig durch, die Figuren bleiben allesamt Klischees und werden nie zu Fleisch und Blut. Und das Rätsel hinter dem Gemälde ist gar keines. Manchmal sind Bilder dann doch mehr als die Geschichte dahinter.