Nachruf

Gottfried John – Sein Gesicht war sein Markenzeichen

Bei Fassbinder war er ebenso zuhause wie bei James Bond. Nun ist der Berliner Schauspieler Gottfried John gestorben, nur vier Tage nach seinem 72. Geburtstag an den Folgen einer Krebserkrankung.

Foto: Thomas Schulze / dpa

Seinen populärsten Auftritt hatte er im James-Bond-Film „GoldenEye“. Mit dem ersten Einsatz von Pierce Brosnan ging 1995 eine längst totgeglaubte Reihe in eine neue, erstarkte Runde. Und dass der Gegenspieler dabei ein Deutscher war, ist seit Gert Fröbe eine alte Tradition. Doch Gottfried John hatte als russischer Putschist General Ouromov nicht viel mehr zu tun als dumm aus der Persermütze zu schauen und Wodka aus dem Flachmann zu trinken.

Seine wichtigsten Auftritte hatte er schon zwei Jahrzehnte zuvor, in Werken von Rainer Werner Fassbinder. In „Berlin Alexanderplatz“ war er der Gegenspieler von Günter Lamprechts Franz Biberkopf, der ihm seine Mieze meuchelt. Er war auch in „Lili Marleen“, „Die Ehe der Maria Braun“ und, Fassbinders persönlichstes Opus, „In einem Jahr mit 13 Monden“ zu sehen. Vor allem aber in dessen früher, fast vergessener und viel zu selten wiederholter Fernsehserie „Acht Stunden sind kein Tag“ (1972). Ein Fünfteiler, der, heute undenkbar, im proletarischen Milieu spielte. Mit John als Werkzeugmacher Jochen Epp, den Fassbinder damals noch unter eine groteske blonde Mähne steckte.

Sonoriger Baß, kantige Visage

Gottfried Johns Merkmal war sein kantiges, grobschlächtiges Gesicht. Das erkannten auch die, die mit seinem Namen vielleicht weniger anfangen konnten. Gepaart mit seiner sonoren Baßstimme war er damit eine Idealbesetzung für harte, brutale, rauhbeinige Charaktere aus schwierigen Verhältnissen. Das Leben hat sich in diese Physiognomie geschrieben: John wurde am 29. August 1942 in Berlin als uneheliches Kind geboren. Die Mutter verlor das Sorgerecht, immer wieder landete der Sohn deshalb in Heimen, teils für schwer erziehbare Kinder. Die doppelt gebrochene Nase stammt aus jener Zeit. Seine Autobiographie sollte er später „Bekenntnisse eines Unerzogenen“ nennen.

Mit 15 floh er aus dem Heim und vagabundierte mit seiner Mutter nach Paris, wo er sich als Pflastermaler durchschlug. Wieder in Berlin, versuchte er sich sich im Traumberuf der Mutter, als Schauspieler. Die Aufnahme im begehrten Max-Reinhardt-Seminar schaffte er zwar nicht, nahm aber privaten Unterricht bei Marlise Ludwig, die ihm das Stottern abgewöhnte – ein Wendepunkt in seinem Leben. Noch während der Ausbildung 1961 gab er fast gleichzeitig sein Debüt am Berliner Schillertheater und im Film.

Ein großer Peachum im Admiralspalast

Es wäre unrecht zu behaupten, erst Fassbinder hätte sein Potenzial erkannt. John spielte schon in „Jaider – der einsame Jäger“ (1970) den bayrischen Wilddieb und in Hans W. Geißendörfers Westernvariation auf Schillers „Don Carlos“ die Titelrolle. Doch erst durch Fassbinder, der durch „Carlos“ auf ihn aufmerksam wurde, wurde er zum Star. Wie Hanna Schygulla hatte John stets darauf geachtet, nicht in die legendär-verschrieene Truppe des Regie-Egomanen zu geraten. Während der Fassbinder-Ära hat er auch mit anderen Größen des Neuen Deutschen Films gedreht, war im TV-Event „Die große Flatter“ genauso zu sehen wie in Billy Wilders vorletztem Film „Fedora“.

Immer wieder kehrte er auch auf die Bühne zurück, einer seiner letzten großen Auftritte war der Peachum in Brandauers „Dreigroschenoper“ 2006 im Berliner Admiralspalast. Nur selten durfte er dabei auch seine komische Seite unter Beweis stellen wie in Doris Dörries „Bin ich schön?“ oder selbst in einer Klamotte wie „Asterix und Obelix gegen Caesar“.

Meist war er nur das Gesicht, eine Nebenfigur, die mit ihrer Visage schon alles sagte. Die großen Hauptrollen, die spielte er nur bei Fassbinder, mit dessen Namen der seine auf immer verbunden sein wird. Nun ist John, der seine letzten Jahre mit seiner Ehefrau Barbara am Ammersee in der Nähe von München gewohnt hat, nur vier Tage nach seinem 72. Geburtstag an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.