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Eine kleine Kulturgeschichte der Abdankung

Klaus Wowereit gibt sein Amt als Regierender Bürgermeister von Berlin ab. Er ist da in bester Gesellschaft. Selbst Päpste und Könige treten von ihrem Amt zurück. Ein kurzer Blick in die Geschichte.

Foto: Senator Film Verleih

Klaus Wowereits Rücktrittsankündigung mag uns heute überraschen, aber es hat historisch betrachtet schon weitaus überraschendere Abdankungen und Amtsverzichte gegeben. Werfen wir einen Blick zurück: Papst Benedikt der XVI. hat in seinem Pontifikat einen traditionellen Kurs verfolgt. Reformorientierte Katholiken waren bald enttäuscht, die Zahl der Kirchenaustritte stieg. Auf keinem Gebiet erwies sich der kühle Denker als innovativ, die Kirche sollte ihre Gläubigen vor allem durch beinharte Beständigkeit in unbeständigen Zeiten überzeugen.

Doch dann, am 28. Februar 2013, trat der Papst auf einmal zurück – ein historisch beinahe einmaliger Vorgang. Erst zweimal zuvor hatte ein Papst sein Amt niedergelegt: 1294 war es Coelestin V., der den Wunsch verspürte, wieder als Einsiedler zu leben, 120 Jahre später dankte Gregor XII. ab, um eine neue Papstwahl auf dem Konzil von Konstanz zu ermöglichen. Von 1415 bis 2013 hatte kein Papst mehr sein Pontifikat niedergelegt. Erst mit seiner letzten Amtshandlung erwies sich der deutsche Papst als Querdenker.

Verzicht zugunsten der Kinder

Während in der Antike Abdankungen noch eine höchst seltene Angelegenheit waren, häuften sie sich später – oft aus politisch-strategischen Gründen. Manche, wie die des letzten Kaisers von China (1912, Puyi, letzter Kaiser von China, Thronverzicht wegen eines sog. „Wohlwollenden Vertrags“ mit der Republik China) oder des letzten Zaren von Russland (1917, Thronverzicht unter dem Druck der Februarrevolution), wurden erzwungen, einige erfolgten nach militärischen oder politischen Niederlagen. So hat Napoleon am 12. April 1814 – auf Druck der Alliierten – seine bedingungslose Abdankung bekanntgegeben, es folgte sein Rücktritt nach der „Herrschaft der hundert Tage“ mit der anschließenden Verbannung nach St. Helena.

Zweimal in der Geschichte der Abdankungen zogen Könige das Kloster vor: Shirakawa in Japan wollte im Jahr 1087 lieber buddhistischer Mönch als Staatenlenker sein. 60 Jahre später legte Erik III. in Dänemark wegen erwünschtem Eintritt in ein Kloster die Krone nieder. Viele Könige und Kaiser dankten zugunsten eines ihrer Kinder ab. So hat, um Beispiele aus der jüngsten Geschichte zu nennen, im Jahr 2013 die niederländische Königin Beatrix zugunsten ihres Sohnes Willem-Alexander abgedankt, im gleichen Jahr verzichtete der Belgier Albert II. aus Altersgründen zugunsten seines Sohnes Philippe und erst in diesem Juni reichte der spanische König Juan Carlos I. die Krone an seinen Sohn Felipe weiter.

Abdankungswelle 1918

Nur einmal wurde ein Monarch wegen „Verdachts auf Geisteskrankheit“ abgesetzt: Im Jahr 1907 wurde in Vietnam Thành Thái von den Franzosen für geisteskrank erklärt und zur Abdankung gezwungen.

Die größte „Abdankungswelle“, die je auf deutschen Boden stattgefunden hat, fiel in das Jahr 1918: Wilhelm II. (Deutsches Reich) „wurde abgedankt“: Nachdem am 9. November seine Abdankung eigenmächtig von Reichskanzler Max von Baden in der Presse erklärt wurde, dankte er am 28. November auch formal als Deutscher Kaiser und König von Preußen ab.

Die deutschen Bundesfürsten verzichteten dann infolge der Novemberrevolution auf ihr Amt – zwischen dem 8. und dem 30. November 1918 dankten 17 Herzoge, Großherzoge, Fürsten und Könige ab. Es war ihnen keine andere Wahl geblieben: Bis die adeligen Häupter ahnen konnten, wie es um ihre Zukunft bestellt sein würde, waren sie schon de facto gestürzt. Hier und da mit ein wenig Druck oder mit dem Schwenken von Gewehren, fielen sie letztendlich relativ geräuschlos zu Boden. Oft haben Abdankungen Leben gerettet, nicht nur das desjenigen, der freiwillig zurücktrat.

Wesentlich länger als die Liste der freiwilligen Amtsverzichte und Abdankungen ist die Liste der Staats- oder Kirchenoberhäupter, die – leider – nicht abgedankt haben. Ob Inquisition oder Dreißigjähriger Krieg, Drittes Reich oder Stalin-Terror: Das Klammern an der Macht hat weitaus mehr Verheerung und Elend ausgelöst oder befördert als der – manchmal feige – Rückzug von ihr.

Abdankung aus Liebe

Einmal hat ein König tatsächlich aus Liebe abgedankt: Diese berühmte Abdankung jüngeren Datums hat es bis auf die Leinwand geschafft: „The King’s Speech“ (2010) von Tom Hooper wurde ein Kassenschlager. Der Stoff diente auch mehreren Theateraufführungen zur Grundlage: König George V. (1868-1936) – von 1910 bis zu seinem Tode 1936 König des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland (seit 1927 Nordirland) und Kaiser von Indien – hat zwei Söhne. Nach seinem Tod soll sein ältester Sohn, Edward, das Zepter übernehmen. Zu seinem Sohn hat König Georg V. ein sehr zwiespältiges Verhältnis, denn seine Verbindung zu der bildschönen, aber zweifach geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson betrachtet er mit großem Argwohn.

Nie hat König George V. Wallis Simpson empfangen. Noch auf dem Sterbebett lässt er seine Frau schwören, dies ebenfalls nie zu tun. Sohn Edward stößt dann prompt die halbe Welt vor den Kopf. Kaum König geworden, legt Edward VIII. schon die Krone nieder. Grund: Er zieht die Heirat mit der bildschönen, jedoch zweifach geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson dem Thron vor. Nun muss Edwards jüngerer Bruder Albert König werden. Er ist jedoch ein verschüchteter Stotterer (später geheilt von dem ungewöhnlichen Sprachtherapeuten Lionel Logue – dies ist der eigentliche Inhalt des Films „The King’s Speech“).

Auf dem Tiefpunkt seiner Popularität

Edward und Wallis wiederum heirateten fernab vom britischen Trubel in Frankreich. Wallis Simpson erringt noch im gleichen Jahr den zweifelhaften Ruhm als erste Frau vom Time Magazine zur „Person des Jahres“ gekürt zu werden. Vier Jahre später gerät das Paar auch noch ins Visier des FBI, weil Wallis Simpson dem damaligen deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop – das Gerücht, er sei ihr Liebhaber wird verbreitet –, angeblich kriegswichtige Informationen zugespielt haben soll. Später wird ihr eine Affäre mit Jimmy Donahue, einem, wie gemunkelt wurde, homo- oder bisexuellen Sprössling der Woolworth-Dynastie, angehängt. Einfach gestaltet sich weder ihr Leben noch das von Edward nach seiner Abdankung, auch wenn das sich in Liebe verbundene Paar bis zu Edwards Tod 1972 verheiratet bleibt. Wallis Simpson selbst kommentiert das einmal mit einer knappen Sentenz: „You can’t abdicate and eat it.“

Warten wir ab, was Klaus Wowereit, den die Berliner einst mit „Wowi“ zu ihrem politischen Liebling erkoren haben und der nun auf dem Tiefpunkt seiner Popularität abtritt, später über seinen Amtsverzicht sagen wird. Der Makel, der oberste Chef der ewigen Flughafen-Baustelle gewesen zu sein, wird ihm anhaften, ob er nun noch Regierender Bürgermeister von Berlin ist oder nicht.