Musiktheater

Klangwelten, zu rebellisch für den Innenraum

Iannis Xenakis war Musiker und Architekt. Er ist ein Solitär in der Musik des 20. Jahrhunderts. Mit „Oresteia“ wird eines seiner stärksten Werke aufgeführt: auf dem Parkdeck der Deutschen Oper.

Foto: Bernd Uhlig

Wie klingt Musik, die nach mathematischen Prinzipien entstanden ist? Kühl, steril, sachlich und ein bisschen langweilig? Keineswegs! Iannis Xenakis (1922-2001) hat sein Leben lang mathematische Berechnungen angestellt, seine Musik mit Hilfe von Computerprogrammen, von Stochastik, Mengenlehre, Spieltheorie und Ganzheitstheorie komponiert.

Trotzdem steckt sie voller Vitalität, Wildheit und Ausdruckskraft. Das Nebeneinander von Formeln und Klangwucht, Millimeterpapier und Rauschzuständen, ausgetüftelter Theorie und sinnlicher Praxis ist das Faszinierende an dem griechisch-französischen Komponisten. Die serielle Musik lehnte er ab, konsequent verfolgte er seinen eigenen Weg.

Iannis Xenakis ist einer der großen Individualisten, ein Solitär in der Musik des 20. Jahrhunderts. Er war überzeugt davon, „dass wir zum Universalismus nicht durch Religion, Emotion, Tradition gelangen, sondern durch die Naturwissenschaften.“ Sein Interesse war nie ganz auf die Musik fixiert.

Als Widerstandskämpfer verlor er im Griechenland der 40er-Jahre ein Auge, er wurde in Abwesenheit zum Tod verurteilt. Er wurde Bauingenieur und arbeitete in Paris viele Jahre lang als Assistent des Architekten Le Corbusier. Gleichzeitig besuchte er Kurse bei dem Komponisten Olivier Messiaen, der ihn ermutigte, seine eigenen Antworten zu suchen.

Ein Leben lang ein Außenseiter

Der Verknüpfung zwischen musikalischem und naturwissenschaftlichem Denken widmete er sein Lebenswerk. Der „kleine Fremde“, das bedeutet sein Name, schlug Brücken zwischen Musik und Architektur, komponierte mathematisch exakt berechnete Kurvenverläufe.

Auf den Berechnungsgrundlagen seiner Komposition „Metastasis“ von 1954 erschuf er vier Jahre später den Philips-Pavillon der Brüsseler Weltausstellung. In Paris und den USA gründete er Zentren für mathematische und automatische Musik.

Der unerschrockene, systematische Denker war sein Leben lang ein Außenseiter. Vergessen ist er deswegen keineswegs, im Gegenteil. Im Internet sind seine utopischen Entwürfe heute sehr lebendig. Wenn man auf „YouTube“ nach Iannis Xenakis sucht, bekommt man nicht weniger als 23.800 Ergebnisse.

Erst 1974 wurde das Todesurteil in Griechenland gegen ihn aufgehoben. Seine Wurzeln waren ihm immer wichtig. Mit den altgriechischen Tragödien setzte er sich sein Leben lang intensiv auseinander. In seinem Pariser Studio komponierte er im Angesicht der Totenmaske des Agamemnon.

Musik mit einer großen geheimnisvollen Kraft

Mit „Oresteia“ bringt die Deutsche Oper Berlin eines seiner bedeutendsten Werke auf die Bühne. Zu Beginn der Spielzeit ein spektakuläres modernes Stück zu präsentieren, ist am Opernhaus schon eine kleine Tradition. „Seine Musik ist völlig eigenständig, überhaupt nicht abgenutzt und kann trotzdem die Menschen erreichen“, findet der Regisseur David Hermann. „Sie hat so eine große geheimnisvolle Kraft.“ Er schwärmt von den guten Proportionen, den interessanten Intervallstrukturen. Vielleicht spürt er die Mathematik als ordnendes Element im Hintergrund.

Hermann war schon früh von den einzigartigen Klangwelten des Iannis Xenakis begeistert. „Oresteia“ stand immer auf seiner Regie-Wunschliste, doch er hatte lange kein Glück. An den Opernhäusern bekam er zu hören: „Zu kurz, nur zwei Sänger, das ist keine richtige Oper.“ Die Theater dagegen sagten: „Viel zu schwierig und zu teuer.“

Vor zwei Jahren debütierte der Wahl-Berliner mit Helmut Lachenmanns „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ an der Deutschen Oper Berlin. Die Produktion erregte viel positive Aufmerksamkeit. Beim Gespräch über ein neues Projekt schlug der junge Regisseur Xenakis vor und stieß endlich auf Gegenliebe.

Wegen der Sanierungsarbeiten können die Vorstellungen nicht im großen Saal stattfinden. Eigentlich wollte man ein anderes Theater anmieten, doch dann hatten David Hermann und sein Ausstatter Christof Hetzer eine zündende Idee: Sie entdeckten das Parkdeck der Deutschen Oper als neuen Spielort. „Das Stück muss ins Freie, Xenakis hat es für Open-Air-Aufführungen konzipiert, das gibt es im Musiktheaterbereich ganz selten. Es ist viel zu laut und zu rebellisch für einen Innenraum“, findet der Regisseur.

Geschichte von Aischylos auf eine gute Stunde komprimiert

Über einen sehr langen Zeitraum, zwischen 1966 und 1992, hat Iannis Xenakis an seiner „Oresteia“ gearbeitet. Zunächst komponierte er eine Bühnenmusik für eine Schauspielaufführung der antiken Aischylos-Tragödie. Später machte er eine Konzertfassung aus seiner Version der „Orestie“, dann schrieb er weitere Stücke hinzu.

Eine klassische Oper ist es nicht geworden, auch nicht wirklich ein Oratorium. David Hermann nennt das Stück ein „Musiktheaterritual“. Den Regisseur beeindruckt vor allem, dass Xenakis die sehr komplexe Geschichte von Aischylos auf eine gute Stunde komprimiert hat: Agamemnon kommt aus Troja nach Hause und wird von seiner Ehefrau Klytämnestra ermordet. Orest rächt den Vater und ermordet die Mutter. Er wird von den Erinnyen gejagt, ehe er am Ende von Schuld freigesprochen wird. Das alles passiert Schlag auf Schlag, ohne lange Dialoge dazwischen.

Der Hans-Neuenfels-Schüler David Hermann hat sich in den vergangenen Jahren zwischen Monteverdi, Mozart, Verdi und Berlioz kreuz und quer durch die Operngeschichte inszeniert. Hin und wieder beschäftigt er sich gern mit ungewöhnlichen zeitgenössischen Werken: „Ich finde es spannend, einen Weg zu finden, diese Stücke mit dem Publikum kommunizieren zu lassen. Außerdem ist der Theaterbegriff oft erweitert. Bei Xenakis gibt es viele neuartige Elemente.“

Rustikales Ambiente auf der Parkdeck-Bühne

Die eigentliche Hauptrolle spielen der Chor, der Kinderchor und das Kammerorchester. Für die Gesangssolisten sind die Partien ganz außergewöhnlich. Seth Carico muss in der Rolle der Kassandra schnell zwischen Bariton- und Countertenorlage hin und her wechseln. Auch Michael Hofmeister, der die Athene singt, ist in der Höhe und Tiefe gefragt.

Drei Schauspieler sprechen gemeinsam auf Altgriechisch den Orest, drei Schauspielerinnen die Elektra. „Wir haben Gesang, Sprache und Schreie, alle Abstufungen von stimmlicher Entäußerung“, freut sich der Regisseur. Auch Tänzer sind mit dabei. Auf einer Videoleinwand will der Regisseur den Zuschauern mit Bildern und Texten Orientierungshilfen geben.

Das Parkdeck der Deutschen Oper ist schon mit breiten Holzbänken ausgestattet. 500 Besucher finden hier bei der Premiere am 9. September Platz. Geradeaus blickt man auf die geschlossenen Türen zum Magazin, in dem der Zeittunnel vom „Ring des Nibelungen“ und andere Bühnenbildteile lagern. Ein großes seitliches Tor wird in den Aufführungen zur Pforte von Agamemnons Palast.

Kassandra bekommt eine Art stacheliges Ei als Bühne

Die Strohballen rechts weisen darauf hin, dass die Palastbewohner während der langen Abwesenheit des Königs degeneriert sind. Links sollen die Erinnyen am Gitter rütteln. Der ganze Innenhof wird bespielt. Das problembeladene Königspaar und seine Kinder tragen Riesenköpfe voller Gehirnwindungen. Kassandra, die Seherin und Außenseiterin, bekommt eine Art stacheliges Ei als eigene Bühne.

In der „Orestie“ von Aischylos geht es um die Erfindung einer neuen Rechtsform: die Demokratie. Auch in David Hermanns Interpretation von Xenakis‘ „Oresteia“ durchbricht die Göttin Athene am Ende die Blutrache-Linie, indem sie den ganzen Fall in einer Gerichtsverhandlung aufrollt. Es wird nach dem Willen des Regisseurs allerdings so etwas wie eine „feindliche Übernahme“.

Athene fährt als moderne Politikerin mit dem Auto in die antike Szenerie und verlangt eine Zeitenwende. „Demokratie ist etwas sehr Gutes, aber man kann es den Leuten nicht einfach so aufoktroyieren. Die Parallele zur heutigen Zeit wird jeder Zuschauer verstehen“, meint David Hermann.

Am Ende sind dann die Opernbesucher gefragt. Sie sollen mit voller Kraft jubeln und schreien, mit vorher verteilten Metallflaggen einen Riesenlärm veranstalten. So steht es tatsächlich in der Partitur.

Premiere: Di, 9. September; weitere Aufführungen: Fr. 12., Sa. 13 sowie Mo., 15. und Di., 16. September, jeweils 20 Uhr