Klassik und Weltmusik

Zwei Brüder im musikalischen Geiste

Avi Avital ist ein Star auf der Mandoline, David Orlowsky an der Klarinette. Beide Echo-Preisträger sind in diversen Musikstilen zu Hause. Trotzdem finden sie in gemeinsamen Konzerten zueinander.

Beide sind ausgesprochen neugierig, das ist wohl ihre entscheidende Gemeinsamkeit. Avi Avital spielt auf der Mandoline Bach und Vivaldi, aber auch Folklore und die Musik der marokkanischen Juden. Der Klarinettist David Orlowsky bewegt sich zwischen Klassik, Klezmer und Jazz. Die beiden Musiker haben eine klassische Ausbildung, sind aber völlig offen für andere Musikstile. Bei den Jüdischen Kulturtagen waren beide schon zu Gast. Das brachte die Veranstalter auf die glänzende Idee, die vielseitigen Musiker einmal für ein gemeinsames Konzert zu engagieren. Beide mussten schmunzeln, als das Angebot kam. Schon lange sind sie enge Freunde, und schon oft haben sie die Bühne geteilt. Am 13. September in der Synagoge Rykestraße feiern sie nun das zehnjährige Jubiläum ihrer Zusammenarbeit.

In der Stadt Safed, lange Zeit ein geistiges Zentrum der Kabbala, gab der Klezmer-Klarinettist Giora Feidman 2004 sein allererstes Seminar in Israel. Dort lernten sich die beiden jungen Musiker kennen. „Gleich am ersten oder zweiten Tag zeigte Giora auf uns beide und bestimmte, dass wir im Abschlusskonzert zusammen spielen sollten“, erinnert sich Avi Avital. Also übten sie David Orlowskys Stück „Happiness“ ein und spielten es im großen Opernhaus von Tel Aviv. „Ein fantastisches Erlebnis war das. Die Chemie zwischen uns stimmte auf Anhieb. Es machte so viel Spaß, dass wir uns seitdem nie mehr aus den Augen verloren haben.“

Beeindruckende Solokarrieren

Beide Musiker haben in den letzten zehn Jahren eine beeindruckende Solokarriere gemacht. Sie sind Echo-Klassik-Preisträger, haben ihre eigenen Ensembles und reisen mit ihrer Musik um die ganze Welt. Trotzdem finden sie auch immer wieder zusammen. Drei Platten haben sie gemeinsam aufgenommen. Mit Orlowskys Trio sind sie durch die Lande getourt. Der Komponist Josef Bardanashvili hat ein Doppelkonzert für Mandoline, Klarinette und Streichorchester für sie geschrieben.

„Jeder Musiker kennt vielleicht zwei bis fünf andere Musiker, die einen wichtigen Einfluss auf ihn ausgeübt haben. Für mich ist Avi einer von ihnen“, findet David Orlowsky, und auch Avi Avital meint: „David hat viel dazu beigetragen, wie ich mich heute als Künstler definiere.“ Beide haben sich einfach in einer prägenden Zeit kennen gelernt. Sie haben Feidmans Seminar nach dem Musikstudium besucht. Damals waren sie noch ziemlich unbeschriebene Notenblätter. In den zehn Jahren ihrer Freundschaft hat sich ihre künstlerischen Identität geformt. „Man diskutiert, lernt und wächst gemeinsam“, fasst David Orlowsky zusammen.

Giora Feidman als wichtigster Lehrer

Beide nennen Giora Feidman ihren wichtigen Mentor und Lehrer. David Orlowsky aus Tübingen hat keinen jüdischen Hintergrund. Nach einem von Feidmans Konzerten war er aber so begeistert, dass er unbedingt Musiker werden wollte. „Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein“, sagt er. Avi Avital ist als Jude mit marokkanischen Wurzeln in Israel aufgewachsen. „Klezmer war als Teil meiner Kultur immer da, hat mich aber nie wirklich interessiert“, erzählt er. Erst auf einer Deutschland-Tournee hörte er während einer langen Busfahrt eine CD von Giora Feidman und war auf Anhieb beeindruckt.

Zurück in Israel, erzählte er einem Freund davon und der sagte bloß: „Ah ja? Giora ist ein guter Freund von mir. Komm, wir rufen ihn an.“ Einen Tag später saß Avi Avital in Feidmans Wohnzimmer und spielte ihm klassische Stücke auf der Mandoline vor. Irgendwann sagte Feidman: „Jetzt improvisieren wir zusammen.“ Avital mit seiner klassischen Ausbildung wusste gar nicht, was er ohne Noten machen sollte, aber der Meister bestand darauf. „Los, improvisiere!“ Für den Mandolinenspieler eröffnete sich eine ganz neue Welt. Er hat öfter mit Feidmans Band gespielt, auch bei den Jüdischen Kulturtagen, und Feidman ist auch auf Avitals aktueller CD „Between Worlds“ zu hören.

Rockmusik erzeugt Sinn für Rhythmus

David Orlowsky und Avi Avital haben in ihrer Jugend als Schlagzeuger angefangen. Damals hatten sie lange Haare und spielten in Rockbands. „Ich habe dadurch heute einfach einen stärkeren Sinn für Rhythmus“, findet der Klarinettist, und der Mandolinenspieler fügt hinzu: „Dass ich Schlagzeug gespielt habe, hat einen Einfluss darauf, wie ich Vivaldi oder Bach spiele. Das ist Teil meines musikalischen Hintergrunds.“

Nach Berlin sind beide vor ein paar Jahren gezogen, weil sie finden, dass die Stadt für Musiker der beste Nährboden ist – gerade, weil sie so vielseitig interessiert sind. Sie lieben es, an einem Tag die Berliner Philharmoniker zu erleben und am nächsten Tag in einem kleinen Club eine Jam-Session mit Freunden zu machen. Dabei sind beide auf der ganzen Welt gefragt und selten zu Hause. Avi Avital tourt in diesem Sommer zwischen Wien, Riga, Salzburg und Paris. David Orlowsky kommt gerade aus dem Plattenstudio. Im September erscheint seine neue CD, eine Hommage an die alten Klezmer-Größen Dave Tarras und Naftule Brandwein, die in den zehner und zwanziger Jahren in New York Maßstäbe setzten.

Konzert in der Synagoge

Die beiden viel beschäftigten Freunde sind dankbar dafür, bei den Jüdischen Kulturtagen wieder einmal ein gemeinsames Konzert gestalten zu können. An dem Abend spielt erst einmal jeder mit seinem eigenen Trio. Orlowsky wird eigene Titel mit Klarinette, Gitarre und Kontrabass vorstellen. Avital präsentiert mit Mandoline, Akkordeon und Schlagzeug klassische Werke von Ernest Bloch und anderen Komponisten, die von Volksmusik inspiriert wurden. Danach stehen alle sechs Musiker gemeinsam auf der Bühne. Was dann wohl passiert? Die beiden Musiker wissen das heute noch gar nicht. Sie treffen sich erst kurz vor dem Konzert zur Probe. „Wir kennen uns so gut, dass das funktioniert“, meint Orlowsky. „Ein bisschen aufregend muss es sein. Wir halten unsere musikalische Beziehung gern frisch.“

Synagoge Rykestraße, 13. September, 21 Uhr