Festival-Start

Tanz im August – Antike Tragödie mit exaltierter Modenschau

Der persönliche Stil der neuen Leiterin Virve Sutinen hat zu Frische in der Außenwahrnehmung beigetragen, und die Nachricht vom Neubeginn beim Festival Tanz im August hat auch die Kulturpolitik erreicht.

Foto: Massimo Rodari

Ein gekrümmter Kerl mit schnaubenden Nüstern, rhythmische Ballettgymnastik in stiller Einsamkeit, extravagante Outfits und tragische Trauer: Mit Produktionen von Eduardo Fukushima, Daniel Léveillé und Trajal Harrell begann am Freitag die 26. Ausgabe von Tanz im August. Der persönliche Stil der neuen Festivalleiterin Virve Sutinen hat zu Frische in der Außenwahrnehmung beigetragen, und die Nachricht vom Neubeginn hat auch die Berliner Kulturpolitik erreicht. Der Kultursenator und Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) begrüßte erstmals wieder persönlich zum Festival: „Ich finde, die Stadt hat sich darauf gefreut.“

Die drei Tanzproduktionen des Eröffnungstags wirkten stimmig ausgewählt: Fukushima wie Léveillé und Harrell erforschen mittels Bewegung die Conditio Humana. Ansichten eines ambivalenten Körpers performte der Brasilianer Eduardo Fukushima, der sein Solo „Crooked Man“ im Garten des Schinkel Pavillons zeigte, mit Panoramablick auf die Schlossbaustelle. Streben und Scheitern: Arme recken sich sehnend gen Himmel, doch abrupt knickt ein Fuß um, der Körper kippt. Anmut und Gebrechen.

Miniaturen über Leidensfähigkeit, Studien in Tanzgymnastik und Materialtest für fünf Körper sind die „Solitudes Solo“ des Kanadiers Daniel Léveillé. Er fordert die Konventionen des Balletts heraus. Tanz wird als Spiel mit Posen erkenntlich: Yoga und Turnen, Samurai und Spidermen. Dagegen glückt Trajal Harrell mit „Antigone Sr. / Twenty Looks or Paris is Burning at the Judson Church (L)“ – einer Episode seiner choreographischen Serie zu Postmodern Dance und Voguing – nicht wirklich, Leichtigkeit zu erzeugen. Nur oberflächlich berühren sich antike Tragödie und die exaltierte Modenschau des schwarzen Undergrounds. Es ist ein Kostüm- und Realness-Check für den Prinzen, die Königin, Sprechgesang und Assoziationsspiele à „wir sind Kate und Pippa, Bonnie und Clyde, Gin and Tonic“. Es trägt nicht über zwei Stunden. Immerhin gelingt die von Virve Sutinen gewünschte Entgrenzung: Das Publikum tanzt.