Theaterberuf

Der Herr der Maschinenhölle

Martin Zernickow steuert die Hydraulik im Friedrichstadt-Palast. Als Mann der allerersten Stunde sorgte er bereits bei der Show im Jahr 1984 für einen reibungslosen Ablauf der Bühnentechnik.

Foto: Buddy Bartelsen / impress-picture/Buddy Bartelsen

Im Keller des Palastes ist alles grau und düster. Es sirrt und summt und riecht nach Maschinenöl. Sechs große Pumpen sind an einen Kasten mit 5000 Litern Öl angeschlossen. Damit werden das Schwimmbecken und eine große Betonfläche auf die Bühne hinauf oder auch zur Seite bewegt. Die Hydraulikräume sind die Eingeweide in der Glamourwelt des Friedrichstadt-Palast Hier unten gibt es absolut nichts Buntes, Glitzerndes und Funkelndes. In der Unterwelt herrschen Stahl, Nieten, Hebel und Kontrolllämpchen. Eine zerschlissene Clownspuppe liegt wie ein trauriges Maskottchen neben der Leiter zum Steuerpult.

Heiß ist es in diesen Kellerräumen. Das liegt daran, dass das Wasser im Becken immer 34 Grad warm sein soll. Die Räume wirken wie die Maschinenhölle vom Friedrichstadt-Palast. Nur, dass der Herr der Hölle absolut nichts Teuflisches an sich hat. Er kümmert sich gern um das Schwimmbecken. „Wenn das Wasser nur 33 Grad hat, beschweren sich die Künstler schon. Sie merken das sofort.“

Die Sicherheit hat Priorität

Natürlich muss das Wasser auch absolut klar sein, die Zuschauer wollen die Schwimmer schließlich sehen. „Das normale Berliner Leitungswasser wäre zu trüb“, so der Maschinenbaumeister, der sich zum Hydraulikmeister weitergebildet hat. 150.000 Liter fasst das riesige Becken. Zernickow achtet darauf, dass die Umwälzpumpe funktioniert und das kolossale Schwergewicht überall hinfährt, wo es die Künstler brauchen.

Die Betonfläche mit den eingebauten Kühlschlangen wurde schon lange nicht mehr als Eisfläche zum Schlittschuhlaufen eingesetzt. Verwendet wird sie aber in jeder Show, mal als Untergrund für eine gigantische Torte, mal als Sandkasten. Zernickow und seine Kollegen sorgen dafür, dass alle Maschinen technisch zuverlässig sind und den Vorschriften entsprechen. Vor jeder Vorstellung testet er die Sicherheit der Anlagen.

Zwölf Techniker kümmern sich am Friedrichstadt-Palast um die Bühnenmaschinerie und Hydraulik. Sieben von ihnen sind bei jeder Vorstellung aktiv. Dazu kommen Hauselektriker und Gebäudeleittechniker. Es ist eine eingespielte Truppe. „Einige sind seit dreißig Jahren hier, die Jüngeren seit zwanzig“, schmunzelt Zernickow.

Der Hydraulikmeister ist ein Mann der allerersten Stunde. Er arbeitete im Transformatorenwerk von Oberschöneweide. Da erfuhr er von einem Bekannten 1983 vom Bau des Friedrichstadt-Palasts und bewarb sich sofort. „Ich fand meine Nische im real existierenden Sozialismus“, erinnert er sich. „Ich lernte ausländische Künstler kennen, auch aus dem Westen. Das war schon prickelnd.“ Zernickow fieberte mit, als 1984 die erste Show über die Bühne ging. Nach und nach übernahm er immer mehr Aufgaben.

Er betreut die Künstler und ihre Maschinen

Inzwischen ist er Leiter für Gebäude- und Bühnenleittechnik. Er kümmert sich nicht mehr nur um die großen Hydraulikanlagen im Untergrund, sondern auch um die Fluggeschirre, in denen die Künstler vom Obergeschoss aus auf die Bühne schweben. „Wir entwickeln und beschaffen die Gurtmaterialien“, erzählt Zernickow. Sie müssen sicher sein, sich angenehm tragen und elegant aussehen. „Außerdem befassen wir uns mit den Einbauten der Artisten, die sonst eher im Zirkus auftreten. Wir betreuen die Künstler und ihre Maschinen. Das ist unser Hobby“, meint Zernickow.

Tagsüber leistet der Hydraulikmeister Büroarbeit: Meetings, Telefongespräche, Internetrecherchen, Dienstpläne. Sehr viel lieber hat er den Spätdienst. Dann kann er an Proben teilnehmen, neuen Künstlern die Anlagen erklären und vor allem die Vorstellung begleiten. Ist der Sandkasten frisch geharkt? Dreht sich die Stange für die Poledancerin noch leicht genug? Der Bühnenboden darf nicht rutschig, aber auch nicht zu stumpf sein. Da müssen die richtigen Zusätze ins Wischwasser der Reinigungsfirma.

Manchmal darf Martin Zernickow auf Dienstreise gehen, um nachzusehen, welche technische Neuerungen es in Las Vegas gibt oder welche technischen Anforderungen Künstler haben, die am Friedrichstadt-Palast engagiert werden sollen. Im Lauf der Zeit war er in den USA, der Türkei, Moskau, Südkorea und England.

Einmal ging der Eiserne Vorhang nicht hoch

In Guam sah er eine Zaubershow auf Schlittschuhen. Er klärte mit den Künstlern, wie hart das Eis sein sollte, welche Fläche und welche Requisiten gebraucht wurden. Diese Eisshow gehörte zu seinen großen Herausforderungen im Friedrichstadt-Palast. Aber auch die Planung der Rohre und Pumpen für den riesigen Wasserfall in der letzten Produktion „Show Me“ wird er nie vergessen.

Kleine Pannen passieren immer wieder. Neunzig Prozent davon kann Zernickow so geschickt überspielen, dass das Publikum nichts davon merkt. In den drei Jahrzehnten musste nur einmal eine ganze Vorstellung aus technischen Gründen ausfallen, als der Eiserne Vorhang einfach nicht hochgehen wollte. Zernickows persönlicher Albtraum war eine Vorstellung vor 25 Jahren. Damals gab es noch Tierdressurnummern. Eine Rampe musste ausgefahren werden, über welche die Tiere in die Manege gelangen konnten. Wegen einer mangelhaften Absprache war der Techniker nicht an Ort und Stelle, die Rampe blieb unten und die Vorstellung wurde unterbrochen.

Im Oktober startet die neue Show „The Wyld“. Martin Zernickow freut sich darauf. Er liebt seinen Beruf in jeder Phase. „Eine Neuproduktion bedeutet Stress und kostet Nerven. Im Herbst beginnen außerdem die Proben für die nächste Kindershow. Nach dem Sommer bin ich hier und nirgendwo anders. Aber ich kenne und will das nicht anders.“